TLAXCALA تلاكسكالا Τλαξκάλα Тлакскала la red internacional de traductores por la diversidad lingüística le réseau international des traducteurs pour la diversité linguistique the international network of translators for linguistic diversity الشبكة العالمية للمترجمين من اجل التنويع اللغوي das internationale Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt a rede internacional de tradutores pela diversidade linguística la rete internazionale di traduttori per la diversità linguistica la xarxa internacional dels traductors per a la diversitat lingüística översättarnas internationella nätverk för språklig mångfald شبکه بین المللی مترجمین خواهان حفظ تنوع گویش το διεθνής δίκτυο των μεταφραστών για τη γλωσσική ποικιλία международная сеть переводчиков языкового разнообразия Aẓeḍḍa n yemsuqqlen i lmend n uṭṭuqqet n yilsawen dilsel çeşitlilik için uluslararası çevirmen ağı

 17/04/2021 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala’s Manifesto  
English  
 AFRICA 
AFRICA / Gurutze Irizar hat den ersten Krieg in der Westsahara miterlebt: „Überall lagen Menschenstücke herum, es war unglaublich, ein echter Völkermord“
Gespräch
Date of publication at Tlaxcala: 17/04/2021
Original: Gurutze Irizar vivió la primera guerra del Sáhara Occidental; “Había trozos de personas por todos lados, aquello era increíble, un verdadero genocidio”
Entrevista

Translations available: Français  English 

Gurutze Irizar hat den ersten Krieg in der Westsahara miterlebt: „Überall lagen Menschenstücke herum, es war unglaublich, ein echter Völkermord“
Gespräch

Taleb Alisalem طالب علي سالم

Translated by  Miguel Álvarez Sánchez
Edited by  Fausto Giudice Фаусто Джудиче فاوستو جيوديشي

 

Bilbao (ECS). – Gurutze, oder Fatimetu, wie die Sahrauis sie nennen, ist gebürtige Baskin mit saharauischer Seele, sie kannte die Westsahara als diese noch spanische Provinz war; sie erlebte in erster Person den Verlas der Sahrauis durch Spanien, das Exil und erlitt den Krieg mit dem saharauischen Volk, mit dem sie viele Jahre zusammenlebte.

Sie war die Ehefrau des saharauischen Diplomaten Mohamed Salem Hadsch Embarek, Spitzname „Paquito“, mit dem sie einen Sohn und eine Tochter hatte. Mohamed Salem war ein bemerkenswerter Politiker, der sich in sehr jungen Jahren der sahrauischen Revolution anschloss und sich bis zum Ende seiner Tage für die Sache seines Volkes einsetzte; er war Vertreter der saharauischen Republik in mehreren Ländern, unter anderem in Großbritannien und Indien, bis er schließlich aufgrund einer Krankheit ums Leben kam (2005).

ECSAHARAUI ging zu ihrem Haus, um mit ihr zu sprechen. Unser Kollege Taleb Alisalem erzählt in seinem Gespräch mit Gurutze unter anderem, was sie als fast einzige ausländische Frau bei der Bombardierung von Um Draiga erlebt hat, als die marokkanische Luftwaffe Tausende von sahrauischen Flüchtlingen bombardierte, die auf algerisches Gebiet flohen.

Wo bist du geboren und welche Erinnerungen hast du an deine Kindheit?

Ich wurde in Ormaiztegi geboren, einem Dorf in Guipuzcoa, wo ich zur Schule ging bis ich zehn war, dann kam ich auf ein Internat in Irun. Mit 18 Jahren ging ich nach Pamplona um Krankenpflege zu studieren. Als ich mit dem Studium fertig war, ging ich nach Madrid, wo ich zu arbeiten anfing und Psychiatrie studierte. Aber ich hatte eine Freundin, die nach Teneriffa gegangen war, und sie rief mich an, um mir zu sagen, wie gut es dort sei, ohne nachzudenken entschloss ich mich und ging dorthin.

Ich habe dich einmal sagen hören, „Aufgrund von Lebensumständen habe ich einmal die Sahrauis auf Teneriffa kennengelernt, fing an, mich zu engagieren und von da an habe ich ihre Sache als meine eigene empfunden“. Was waren die Umstände, die dich dazu gebracht haben, die Sahrauis zu treffen?

Als ich in Teneriffa ankam, begann ich im Klinikum von Teneriffa zu arbeiten, dort gab es eine Krankenpflegeschule und dort lernte  eine Gruppe junger Saharauis, manchmal kreuzten wir uns im Krankenhaus, aber ich lernte sie nicht kennen, bis wir eines Abends in Teneriffa ausgingen und wir sie trafen, unter diesen jungen Leuten war Mohamed Salem.

Das alles geschah im Jahr 1973, damals wurde gar nicht über die Westsahara gesprochen, Franco war noch sehr lebendig und die Sahara war nur eine weitere spanische Provinz, aber es stimmt, dass ich die Jungs von Zeit zu Zeit über die Ereignisse in ihrem Land und die nationalistischen Bewegungen sprechen hörte… und das war der Zeitpunkt, an dem ich begann, mich mit ihnen zu engagieren.

Ich erinnere mich daran, dass wir auf den Kanarischen Inseln die sahrauischen Gefangenen besuchten, die wegen ihrer Proteste und Aktionen gegen den spanischen Kolonialismus inhaftiert waren.

Wann bist du zum ersten Mal in die Sahara gekommen, das damals noch von Spanien kolonisiert war, und wie war der erste Kontakt mit Mohamed Salems Familie, sowohl für dich als auch für sie?

Ich erinnere mich, dass bei Mohamed Salem im Sommer 1973 eine Krankheit diagnostiziert wurde und seine Eltern und Schwestern nach Teneriffa kamen um ihn zu besuchen, es war im Sommer 1974 als ich nach El Aaiun, Westsahara ging und den Rest der Familie traf.

Ich wurde gut aufgenommen und Mohamed Salem war auch zu einigen Weihnachten in meinem Haus, um mit meiner Familie zu Abend zu essen, und beide Familien hießen es gut.

Erinnerst du dich an die letzten Tage in der Westsahara, wie das war und wie die Flucht der Sahrauis nach Algerien verlief?

1975 gab es einen Besuch des Entkolonialisierungskomitees der Vereinten Nationen in der Westsahara, und da dachten wir, die Vereinten Nationen würden dies lösen, wir Naiven, da wir dachten, dass die Vereinten Nationen es lösen würden.

Später fingen die Leute an, über die Ansprüche von Hassan II. auf die Westsahara zu sprechen; man fing an, über den „grünen Marsch“ zu sprechen, aber im Oktober desselben Jahres, die Westsahara war immer noch spanisches Territorium, besuchte König Juan Carlos die Sahara und sagte jenes, dass wir euch nicht alleine werden lassen… am 14. November, nur einen Monat nach diesem Besuch, begann Marokko seine Invasion der Westsahara.

Am 20. November desselben Jahres ging ich in das Gebiet von Um Draiga, im Norden der Westsahara, nahe der Grenze zu Algerien. In Um Draiga gab es ein Basislager, in dem alle sahrauischen Flüchtlinge, die aus den bereits von der marokkanischen Armee besetzten sahrauischen Städten geflohen waren, aufgenommen wurden.

Hinter dem berühmten „grünen Marsch“, den sie uns in Bildern zeigen, kam der schwarze Marsch, das war die marokkanische Armee mit ihren Panzern und ihren Soldaten, und als sie in die sahrauischen Städte eindrangen, rannten die Menschen von dort weg. In Um Draiga, wo ich war, kümmerten wir uns nicht nur um die Flüchtlinge, die verwundet oder krank ankamen, sondern auch um die sahrauischen Soldaten, die verwundet vom Kampf kamen, wir hatten kaum Material. Ich bin immer Krankenschwester gewesen, aber ich habe in Krankenhäusern gearbeitet, wo wir Material hatten, aber dort, da hatten wir nichts, man hat getan was man konnte, mit dem, was man hatte.

Wie war die Bombardierung des Basislagers Um Draiga?

Wir wurden am Morgen durch das Geräusch von Bomben geweckt, und die Schreie meiner Kameraden, „Verstecken, Verstecken“, und ich fragte mich, wo werden wir uns verstecken? Wir waren mitten in der Wüste und marokkanische Flugzeuge begannen zu kommen…eins, zwei, drei…sie bombardierten den ganzen Morgen wie verrückt.

Jedes Mal, wenn ich daran denke, denke ich, es ist ein Film, den ich im Fernsehen gesehen habe, als die Bombardierung aufhörte, lagen überall Teile von Menschen, Verwundete, und wir hatten nur einen Verband und eine Mullbinde, es war unglaublich, ein echter Völkermord.

Was war der schwierigste Moment, den du erlebt hast?

Ich würde nicht einen Moment sagen, sondern eine Situation, man hat gemischte Gefühle, denk’, ich war damals 25 Jahre alt, in dem Alter ist man noch idealistisch und glaubt, „eine bessere Welt ist möglich“, aber gleichzeitig denkt man darüber nach, wie ein Verbrecher wie der König von Marokko, Hassan II, so ungestraft davonkommen kann. Ich dachte, dass dies nicht sein kann, dass die Welt es aufhalten wird. – Grututze schweigt für ein paar Sekunden – wenn man jung ist, ist man sehr idealistisch, aber dann gibt einem das Leben genug Prügel, um zu wissen, dass es nicht so ist.

Es erschien mir alles sehr ungerecht, es schien mir sehr ungerecht, dass diese Menschen im Krieg starben, durch Bomben oder durch die Masernepidemie, die viele Kinder tötete, weil es keine Mittel gab.

Es war kein Moment, es war eine absolut unfaire Situation und die Welt schritt fröhlich weiter ihres Weges und wir lagen da in dieser Wüste. Viele Journalisten kamen, viele Menschen, aber niemand tat etwas, ich fragte mich, ist es wirklich möglich, dass die Welt diesen Völkermord zulässt?

Ich erinnere mich auch an sehr schwere Momente, als Freunde fielen, Menschen, die ich gekannt hatte, das waren sehr schwere Momente.

Trotz des humanitären Dramas und zweifellos der Härte all dessen, was du mit dem sahrauischen Volk erlebt hast, hast du auch Erinnerungen an glückliche Momente?

Ich habe es nicht als eine dramatische Sache erlebt, denn wir saßen alle im selben Boot, ich war keine Ausnahme, ich war einer mehr von all denen, ich hatte keine Angst mehr vor dem Tod, denn wenn wir starben, starben einige von uns, nicht nur ich.

Ich erinnere mich daran, als ich einen Lastwagen begleitete der verwundete Sahrauis in die Lager auf algerischem Gebiet brachte, dass ich in Rabuni Mohamed Salem wiedertraf; er begleitete eine Gruppe von Journalisten, in derselben Nacht sagte er mir, ich solle ihn heiraten, denn wenn ich sterbe, sollten wir zu mindestens geheiratet haben. Wir bauten ein Zelt auf, und mit ein paar Freunden machten wir eine schnelle Hochzeit mitten in dieser Wüste. Um 5 Uhr morgens bauten wir bereits das Zelt ab und versteckten uns vor der marokkanischen Luftwaffe, die am Morgen mit der Bombardierung beginnen würde.

Ich erinnere mich auch an viele gute und glückliche Momente mit Freunden, besonders mit älteren Menschen, ich habe viel von ihnen gelernt, ich erinnere mich an stundenlange Gespräche. Ja, wir waren glücklich, trotz alledem, erinnere ich mich an glückliche Momente.

Am 13. November letzten Jahres brach in der Westsahara nach 30 Jahren Frieden der Krieg aus, wie hast du ihn erlebt und was ist deine Meinung?

Ich bin mir sehr bewusst, was Krieg bedeutet, und diejenigen von uns, die den Krieg erlebt haben, wissen, dass Krieg tötet, dass Menschen im Krieg sterben, aber ich verstehe sehr gut, dass nicht Jahr nach Jahr vergehen kann, ohne dass der Konflikt in der Westsahara gelöst wird, es ist klar, dass die UNO nichts tun wird, Marokko geht es sehr gut mit der Unterstützung Frankreichs und auch der absoluten Unterstützung Spaniens, deshalb verstehe ich, dass allein nichts die Situation ändern wird, deshalb verstehe und respektiere ich die Rückkehr zum Krieg, weil ich glaube, dass es keine andere Option gibt.

Wie beurteilst Du die Position der spanischen Regierung im Laufe dieser Jahre?

Der spanische Staat hat die volle Verantwortung, Spanien ist immer noch die Verwaltungsmacht der Westsahara, aber natürlich sagt hier niemand etwas, außerdem sprechen sie von ehemaliger Kolonie, ehemaliger spanischer Sahara… sorry, nichts von „ex“, Westsahara ist rechtlich immer noch spanisch, und Spanien hat die rechtliche Verpflichtung, seine Verantwortung zu übernehmen.

Als persönliche Meinung denke ich, dass, wenn Spanien die Sahrauis nur aus „Solidarität“ oder „humanitär“ unterstützen, wir meiner Meinung nach nichts tun, denn es ist ein politisches Problem, dem man eine politische Lösung geben muss, es ist schön und gut, auf humanitärer Ebene zu helfen, aber das kann unter keinen Umständen den Anspruch an die spanische Regierung ersetzen, ihre politische Verantwortung gegenüber der Westsahara zu erfüllen.

Ich denke, dass die politischen Parteien, die in Spanien regiert haben, dies nicht lösen wollten, und wir müssen wissen, dass wir sie nicht „bitten“ oder „anbetteln“ sollten, es ist ihre Pflicht, sie müssen ihre Verantwortung übernehmen, denn wir Bürger sind aufgefordert, das Gesetz und das Recht zu respektieren, aber respektieren sie es in der Westsahara?

Gurutze, welche Botschaft möchtest du dem sahrauischen Volk übermitteln und wie glaubst du, dass dieser Konflikt enden wird?

Sag ihnen, sie sollen weitermachen, weiter kämpfen. Habt Mut und Kraft, ich bitte euch durchzuhalten.

Ich denke, dass dieser Konflikt irgendwie enden muss, ich möchte, dass er mit der Unabhängigkeit endet, ich sehe keine andere Option, das sahrauische Volk muss Widerstand leisten, ich weiß, dass es nicht einfach sein wird, es war bisher nicht einfach, aber ich glaube aufrichtig, dass die Sahara eines Tages frei sein wird, und wenn nicht, all das Blut, das vergossen wurde, für nichts? All diese Menschen, die ihr Leben gaben, für nichts? Es wäre sehr schwer, aber ich würde gerne glauben, dass eines Tages die Unabhängigkeit kommen wird.


 





Courtesy of Tlaxcala
Source: https://www.ecsaharaui.com/2021/04/gurutze-vivio-la-primera-guerra-del.html?m=1
Publication date of original article: 06/04/2021
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=31357

 

Tags: Gurutze Fatimetu IrizarMohamed Salem Hadsch M’BarekBesetzte WestsaharaMarokkanische BesatzungInternationale Solidarität
 

 
Tweet Print this page
Print this page
Send this page
Send this page


 All Tlaxcala pages are protected under Copyleft.