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 06/12/2019 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 EUROPE 
EUROPE / Griechenland–Deutschland: Wer schuldet wem? [2] Gläubiger werden geschützt, das griechische Volk aber aufgeopfert
Date of publication at Tlaxcala: 26/10/2012
Original: Grèce-Allemagne : qui doit à qui ? [2] Créanciers protégés, peuple grec sacrifié
Translations available: Ελληνικά  Español  Português/Galego  Italiano 

Griechenland–Deutschland: Wer schuldet wem? [2] Gläubiger werden geschützt, das griechische Volk aber aufgeopfert

Éric Toussaint Ερίκ Τουσέν اِریک توسان

Translated by 
Edited by  Fausto Giudice Фаусто Джудиче فاوستو جيوديشي

 

Es ist eine moralische Pflicht, sich gegen die verlogenen Reden über die angebliche Solidarität entgegenstellen, die die Regierenden der stärkeren Länder der Eurozone dem griechischen Volke und den Völkern anderer gefährdeten Länder (Irland, Spanien, Portugal usw.) erweisen sollen. Die Tatsachen widersprechen diesen Äußerungen, die die herrschenden Medien unaufhörlich wieder aufnehmen.

Zuerst werden wir das praktisch unter Beweis stellen. Schalten Sie übers Internet einen Browser ein und geben Sie „Griechenland ist zugute gekommen“. Sofort wird Ihnen auffallen, wie viele Medien in Endlosschleife nachplappern, dass dieses Land eine beträchtliche Hilfe erhalten hat. So z.B. behauptet Hans-Werner Sinn[1], einer der einflussreichsten deutschen Volkswirte und Angela Merkels Berater ohne jedes Zögern, dass „ Griechenland über verschiedene Beschlüsse eine Hilfe von außen in Höhe von 460 Milliarden Euro zugeflossen ist. Die dem griechischen Staat bisher zugekommene Hilfe beläuft sich also auf 214% seines BIP, das ist zehnmal mehr, als Deutschland im Rahmen des Marshall-Plans erhalten hat. Von dieser Hilfe hat Berlin ein Viertel, das sind 115 Milliarden Euro, gespendet, das sind zehnmal mehr als der gesamte Marshallplan oder 2,5mal die im Londoner Schuldenabkommen festgelegte Summe.“[2]

Der Naturschutzbund Deutschland hat dem Ökonomen Hans-Werner Sinn den Titel "Dinosaurier des Jahres 2009" verliehen. (© Foto: S. Rumpf)

 

 

Die ganze Berechnung stimmt aber nicht. Griechenland hat solche Mittel nicht erhalten, und was es erhalten hat, kann nicht als ernsthafte Hilfe gelten. Auf skandalöse Weise setzt Hans-Werner Sinn das Nachkriegsdeutschland - wobei der Zweite Weltkrieg von den deutschen Machthabern ausgelöst worden war - und das Griechenland der 2000er Jahre. Außerdem sagt er kein Wort von den Entschädigungsgeldern, die Griechenland mit Recht von Deutschland forderte für seine Besatzung durch die Nazis[3] und von der Zwangsanleihe, die das nazistische Deutschland den Griechen auferlegt hatte. Dementsprechend beläuft sich Deutschlands Schuld Griechenland gegenüber auf mindestens 100 Milliarden Euro. Wie es die Webseite A l’encontre verkündet aufgrund der Arbeiten des Historikers Karl Heinz Roth, der Europas Ausplünderung durch das Naziregime dokumentiert hat[4] : „Deutschland hat nur das Sechzigstel (1,67%) seiner Schuld als Entschädigungsgelder für die Verwüstungen infolge der deutschen Besatzung zwischen 1941 und 1944 an Griechenland zurückbezahlt.“
 
Man braucht eine ganze Reihe solider Gegenargumente, um die Unehrlichkeit der Beweisführung von Hans-Werner Sinn, der deutschen Regierung und den Medien in ihrem Dienste nachzuweisen. Das Folgende gilt nicht nur für Griechenland, sondern man könnte in gewissen Punkten dasselbe anführen hinsichtlich der Hilfe, die den derzeitigen EU-Mitgliedsstaaten aus dem ehemaligen Ostblock sowie Portugal, Spanien, Irland, angeblich zugeflossen ist ... Wie man es aber aus dem dritten Teil dieser Artikelreihe ersehen wird, muss der Geschichte der deutsch-griechischen Beziehungen eine ganz besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden.

I. Die so genannten Hilfepläne sind den Interessen der Privatbanken dienlich, nicht denen des griechischen Volkes

Die seit Mai 2010 umgesetzten so genannten Hilfepläne sind zuerst den Interessen der Privatbanken der stärkeren Staaten in der Eurozone dienlich gewesen, die in den 2000er Jahren dem griechischen Privatsektor und dem Staat Anleihen in rasend wachsender Höhe bewilligt hatten. Die seit 2010 von der Troika an Griechenland gewährten Anleihen dienten nur zur Rückzahlung an die westlichen Privatbanken, die somit ihre eigenen Schulden tilgen und ihre Verluste möglichst beschränken konnten. Auch dienten sie zur Rekapitalisierung der griechischen Privatbanken, darunter Filialen von ausländischen, insbesondere französischen Banken.
 
Die so genannten Hilfepläne waren den Interessen der Privatbanken der stärkeren Ländern in der Eurozone dienlich
 
Die Verschuldung des griechischen Privatsektors ist im Laufe der 2000er Jahre maßgeblich gestiegen. Die Privathaushalte, denen die Banken und die gesamte private Handelsbranche (große Handelsketten, Auto- und Baugewerbe) verlockende Angebote machte, so wie Unternehmen (außerhalb des Finanzsektors) und Banken, denen günstige Anleihen zur Verfügung stand (niedrigerer Zinsfuß und stärkere Inflation, als in den großen EU-Industrieländern wie Deutschland, Frankreich oder Benelux) haben sich massiv verschuldet. Diese private Verschuldung war der Antriebsmotor der griechischen Wirtschaft. Die Tabelle hier unten zeigt, dass Griechenlands Beitritt zur Eurozone den Zufluss von Finanzkapitalien hochgetrieben hat, die Anleihen oder Portfolioinvestments entsprachen (in der Tabelle als Nicht ADI, d.h. keine langfristigen Investitionen, bezeichnet),  ADI (Direktinvestitionen) dagegen stocken blieben.
 


Quelle: IWF[5]
 
Dank den riesigen Liquiditäten, die 2007-2008 von den Zentralbaken ihnen zur Verfügung gestellt wurden haben die westeuropäischen Banken (erstrangig die deutschen und französischen, aber auch belgische, niederländische, britische, luxemburgische, irische...) an Griechenland (sowie an den privaten als auch an den staatlichen Sektor) massive Anleihen gewährt. Ab 2001 (Griechenlands Beitritt zur Eurozone) hielten die Bankiers Griechenland für vertrauenswürdig, in der Annahme, dass die großen europäischen Länder diesem Land zu Hilfe kommen würden, falls ein Problem auftreten würde. Ob Griechenland im Stande sein würde, das geborgte Kapital mittelfristig zurückzuzahlen, kümmerte sie nicht, und sie gingen davon aus, dass sie dort sehr hohe Risiken eingehen durften. Hier haben sie bisher auch Recht behalten: die Europäische Kommission und vor allem die deutsche und die französische Regierung haben die westeuropäischen Privatbankiers felsenfest unterstützt.
 
Das unten stehende Diagramm zeigt, dass die Anleihen der westeuropäischen Banken an Griechenland zuerst zwischen Dezember 2005 und März 2007 angewachsen sind  (in dieser Zeit ist das Anleihevolumen um 50% gestiegen , von kaum 80 Milliarden auf 120 Milliarden Dollar). Als die Subprimes-Krise in den USA schon um sich griff, sind die Anleihen zwischen Juni 2007 und dem Sommer 2008 wieder stark angestiegen (um 33%, das ist von 120 auf 160 Milliarden Dollar) und blieben dann auf einem sehr hohen Niveau (ungefähr 120 Milliarden Dollar.) Das heißt, dass die westeuropäischen Privatbanken das Geld, das die Europäische Zentralbank und die US-amerikanische Federal Reserve ihnen massiv und billig borgten, an Länder wie Griechenland weiterhin geborgt haben[6]. Dort konnten sie bei höherem Zinsfuß saftige Profite machen. Die Privatbanken sind also an der übermäßigen Verschuldung Griechenlands schwer mitschuldig.
 
Entwicklung der Engagements der westeuropäischen Banken Griechenland gegenüber (in Milliarden Dollar)
 
 
Quelle: BRI-BRIS consolidated statistics, ultimate risk basis[7]
 
Wie aus dem Diagramm hier unten zu ersehen ist, waren 2008 (das gilt bis inklusive 2010), die griechischen Schuldtitel fast ausschließlich im Besitz von europäischen Banken, an der Spitze französische, deutsche, italienische, niederländische, und britische Banken.
 
Ausländische Gläubiger (fast ausschließlich ausländische Banken und sonstige Finanzgesellschaften) des griechischen Staates am Ende des Jahres 2008[8]
 

Die von den Regierungen der Eurozone - direkt oder über den ab 2010 eingesetzten ESM - an Griechenland gewährten Anleihen zielen in Wirklichkeit insbesondere darauf hin, die Rückzahlung der griechischen Staatsschuld an die westeuropäischen Banken zu gewährleisten (die französischen bzw. deutschen Banken waren in Griechenland ganz besonders gefährdet). Alles in allem kehrt das geborgte Geld in die Kassen der französischen, deutschen und sonstigen Banken zurück, als Rückzahlung der griechischen Schuldtitel, die jene bis Ende 2009[9] massiv erstanden haben. Auch fließt es in die Finanzämter der Gläubigerländer, oder in die Kassen der BZE, des IWF und des ESM (siehe weiter unten)
 

II. Die an Griechenland gewährten Anleihen sind recht einträglich - aber nicht für Griechenland!

Die unter der Führung der Troika an Griechenland gewährten Anleihen bringen Zinsen ein. Die verschiedenen Gläubigerländer kassieren Geld dafür. Als der erste Anleiheplan in Höhe von 110 Milliarden Euro verabschiedet wurde, bemerkte die damalige französische Finanzministerin Christine Lagarde[10] öffentlich, dass der Zinssatz der griechischen Anleihe 5% betrug, während Frankreich selber sich zu einem deutlich niedrigeren Zinssatz Geld borgen konnte.
 
Die Sachlage ist derart skandalös - ebenfalls wurde dann Irland (ab November 2010) und Portugal (ab Mai 2011) ein hoher Zinssatz auferlegt - dass die Gläubigerregierungen und die Europäische Kommission beschlossen haben, dass der Griechenland aufgebürdete Zinssatz effektiv doch herabgesetzt werden würde[11]. Was für ein Geständnis! Obwohl aber dieser Beschluss auch tatsächlich umgesetzt wurde, bleibt der Zinssatz für die dem griechischen Staat zugesprochenen Anleihen beträchtlich höher als jener, der den Gläubigerländern auferlegt wird, wenn sie sich selber Geld ausleihen.
 
Angesichts der Proteste der griechischen Regierung und des tiefen Unwillens des griechischen Volkes, der durch starke Sozialmobilmachungen zum Ausdruck kommt, haben die Gläubigerländer schließlich beschlossen, ein Teil der Rente, die sie aus den an Athen gewährten Anleihen ziehen, an Griechenland rückzuerstatten[12]. Aber Vorsicht! die rückerstattete Rente soll zur Rückzahlung der Staatsverschuldung dienen.
 

III. Die Krise in der Eurozone führt zur Senkung der Verschuldungskosten in Deutschland und anderen starken Ländern

 
Doch damit sind wir noch nicht am Schluss. Die in der Eurozone dominierenden Länder ziehen Nutzen aus dem Unglück der Länder der Peripherie (Griechenland, Portugal, Irland, Spanien und ost- bzw. zentraleuropäische EU-Mitgliedstaaten). Durch die Vertiefung der Eurokrise, die auf die von den Regierenden betriebene Politik und nicht auf außenstehende Vorkommnisse zurückzuführen ist, werden die Kapitalien aus der Peripherie ins Zentrum angesaugt. Deutschland, Frankreich, die Niederlande, Finnland, Luxemburg, Österreich und Belgien profitieren davon, indem sie die Rückzahlungskosten ihrer eigenen Verschuldung drastisch senken können.
 
Nämlich wurde am 1. Januar 2010, vor dem Ausbruch der griechischen bzw. Eurozonekrise, der Zinssatz für deutsche Obligationen auf 10 Jahre auf 3,4% festgelegt, wobei er sich am 23.Mai 2012 nur noch auf 1,4% belief. Hiermit wurden die Finanzierungskosten um 60% ermäßigt[13]. Laut der französischen Wirtschaftstageszeitung Les Echoszeigt eine annähernde Berechnung, dass die Senkung des Zinsfußes der Mittelbeschaffung in 3 Jahren Ersparnisse in Höhe von 63 Milliarden Euro ermöglicht hat[14].“ Diese Summe muss mit den 15 Milliarden - von den 110, die an die Gläubiger verteilt wurden - verglichen werden, welche Deutschland Griechenland tatsächlich geborgt hat im Rahmen seines Beitrags zum ersten so genannten Hilfeplan der Troika. Die gesamten deutschen Engagements in Griechenland belaufen sich - wenn man die europäischen Beschlüsse von 2010 bis 2012 zusammen addiert - auf 67 Milliarden Euro. Aber Vorsicht: diese Summe ist größtenteils immer noch nicht ausbezahlt worden, wobei das laut den Echos Ersparte schon 63 Milliarden Euro beträgt.
 
Wir haben den Zinssatz der Anleihen auf 10 bzw. 6 Jahre angesprochen, den Deutschland für seine Mittelbeschaffung anwendet. Betrachtet man aber den Zinssatz auf 2 Jahre, so hat z.B. Deutschland am 23. Mai 2012 Schuldtitel mit solcher Fälligkeit beim Zinssatz 0% ausgestellt[15]. Und Ende 2012 hat sich Deutschland 3,9 Milliarden auf ein halbes Jahr mit einem negativen Zinssatz geborgt. Darüber schrieb die Zeitung Le Soir am 23.Mai 32012: „die Investoren werden in einem halben Jahr etwas weniger (minus 0, 0112%) erhalten, als sie ausgeliehen haben[16].
 
Gäbe es auch nur einen Hauch Wahrheit in der Lügenflut, die über Griechenland (Portugal, Spanien usw.) verbreitet wird, so könnte man lesen, dass der griechische Staat Deutschland und den anderen starken Ländern der Eurozone beträchtliche Ersparnisse ermöglicht hat. Die Liste der Vorteile, die Deutschland und die andren Länder des „Zentrums“ aus der Lage gezogen haben, muss noch durch folgende Elemente vervollständigt werden.
 

IV. Privatisierungsplan, von welchem die Privatunternehmen der Länder vom „Zentrum“ profitieren

 
Die dem griechischen Staat aufgezwungene Sparpolitik, enthält einen umfassenden Privatisierungsplan[17], von dem die großen Wirtschaftsgruppen, insbesondere die deutschen und französischen, profitieren können, denn die öffentlichen Güter werden zu Spottpreisen ausverkauft.
 



Costas Mitropoulos

 
A l’encontre zitiert und kommentiert ein langes Interview, das Costas Mitropoulos, einer der Figuren, die mit dem griechischen Privatisierungsprogramm beauftragt sind, der schweizerischen frankophonen Zeitung Le Temps am 7. April 2012 gegeben hat: „Gleich neben dem Fonds für Entwicklung der Geldbestände der Hellenischen Republik (Hellenic Republic Asset Development Fund) steht in Athen ein der Geschichte der griechischen Hauptstadt gewidmetes Museum. Eine symbolträchtige Nähe, so stark der von ungefähr 20 Experten unter der Führung des Ex-Bankiers Costas Mitropoulos derzeit stattfindende Privatisierungsprozess Griechenlands Physiognomie im Endeffekt ändern wird.“ Hinzugefügt wird dann: „ Diesem Fonds - der auf Anliegen der Europäischen Union (EU) gegründet wurde - überweist nun der griechische Staat stufenweise die Besitztümer, Konzessionen und Beteiligungen, die erstanden werden müssen. Ziel ist - so die ursprünglichen EU-Pläne - bis Ende 2017 zumindest 50 Milliarden zu kassieren. Der Bankier Costas Mitropoulos war früher in Genf tätig und betont, dass die Überweisung der Besitztümer an unseren Fonds durch den griechischen Staat hat sich beschleunigt hat .“ Weiter fügt er hinzu: „Zuerst muss etwas klar gestellt werden: der griechische Staat sind wir nicht. Wir sind ein mit den Privatisierungen beauftragten, unabhängigen Fonds und nun Inhaber von 3% des griechischen Territoriums. Die Dauer unseres Mandats ist auf drei Jahre festgelegt. Gegen politische Interferenzen sind wir geschützt.“
 
Der Temps-Journalist drängt von neuem: „Stimmt das wirklich? Privatisierungen sind eben weltweit immer sehr „politisch“, und der griechische Staat, der am Kapital vieler Gesellschaften beteiligt ist, hat einen sehr üblen Ruf...“
 
Die Antwort des Bankiers ist recht eindeutig: „Ich habe als Geschäftsbankier eine der größten griechischen Ankauf-Fusionen geleitet: die Übernahme der griechischen Pharmagruppe Specifa durch die Multi Watson, um einen Preis von beinahe 400 Millionen Euro. Die Regeln kenne ich: derzeit hat ein Investor nur Interesse an einer griechischen Privatisierung, wenn er sich einen drei- bzw. vierfachen Gewinn erhoffen darf. Jeder investierte Euro soll dann 3 oder 4 Euros abwerfen.[18]



Austerität, von
Manos Symeonakis

V. Die den ArbeiterInnen aufgezwungenen Opfer ermöglichen es, in den Ländern des Zentrums die Proteste einzudämmen

Der soziale Abbau in Griechenland (aber auch Portugal, Irland, Spanien usw.) drängt die deutschen, niederländischen, österreichischen, französischen, belgischen usw. ArbeiterInnen in die Defensive. Die Gewerkschaftsführungen wagen es nicht, eine Kampfstellung einzunehmen. Sie fragen sich, wie man eine Lohnerhöhung fordern kann, wenn der legale Lohn z.B. in Griechenland, einem Staat der Eurozone, um 20% oder mehr gekürzt wird. Was die Gewerkschaftsführungen der nordeuropäischen Länder (insbesondere Finnland) muss man mit Entsetzen feststellen, das sie etwas Gutes am Fiskalpakt und an den Sparpolitiken finden, weil sie angeblich eine gesunde staatliche Haushaltsführung fördern werden.

Zurück zum Londoner Schuldenabkommen von 1953 und zum Marshall-Plan

Wie im Artikel „Griechenland–Deutschland: Wer schuldet wem? (1) Die Streichung der deutschen Schulden in London 1953“ schon erwähnt wurde, steht der Wortlaut des in London unterzeichneten Akkords im krassen Gegensatz zur derzeitigen Behandlung von Griechenland. Damals wurden vielfache Voraussetzungen mitgebracht für eine rasche Entwicklung Westdeutschlands und den Wiederaufbau seiner Industriestrukturen. Nicht nur wurde die deutsche Verschuldung, insofern sie nicht mit den zwei Weltkriegen zusammenhing, um über 60% reduziert, sondern die Begleichung der Kriegsschulden sowie Zahlung der Entschädigungsgelder an zivile Opfer und Staaten wurden auf ein späteres unbestimmtes Datum verlegt: und tatsächlich bis zur Wiedervereinigung, die 1990 stattfand, und zur Unterzeichnung des Friedensabkommens - im selben Jahr von den Behörden der beiden, im Wiedervereinigungsprozess begriffenen deutschen Staaten, den USA, der UdSSR, dem Vereinigten Königreich und Frankreich in Moskau abgeschlossen. Lange wurde also die deutsche Wirtschaft dem Druck der Wiedergutmachungen entzogen. Was die Wiedergutmachungen an Griechenland betrifft, haben sie nicht dem deutschen Staat das Geringste gekostet, da die deutschen Behörden Griechenlands Forderungen einfach ablehnen.
 
Im Gegensatz zu ihrer Haltung nach dem Ersten Weltkrieg wollten die westlichen Mächte nach dem Zweiten Weltkrieg der Bundesrepublik keine zu schweren Auszahlungen auferlegen, in der Annahme, dass jene die Machtergreifung durch die Nazis gefördert hatten. Außerdem wünschten sich die westlichen Mächte ein wirtschaftlich starkes (dafür abgerüstetes und militärisch besetztes) Westdeutschland, als Puffer der UdSSR und ihren Verbündeten gegenüber. Nichts davon gibt es hinsichtlich Griechenlands und der anderen Länder der EU-Peripherie.
 
Zu diesem Zweck wurde also nicht nur die Last der Verschuldung mächtig gelindert sowie wirtschaftliche Hilfe in Form von Geldspenden zugebilligt, sondern es wurde auch dem Land die Möglichkeit gegeben, eine wirtschaftliche Politik zu betreiben, die auf seinen Wiederaufbau extrem förderlich wirkte. Die großen Industriefirmen konnten sich festigen, gerade jene, die eine entscheidende Rolle gespielt im Kriegsabenteuer des ersten Weltkrieges, dann bei der Förderung der Nazis und dem Völkermord an den Juden und Zigeunern usw., der Ausplünderung der besetzten Länder, der Aufrüstungsindustrie und dem ungeheuren logistischen Einsatz des zweiten Weltkriegs. Deutschland konnte beeindruckende staatliche Infrastrukturen aufbauen und ihre Industrie unterstützen, so dass jene die inländische Anfrage befriedigen und ausländische Märkte erobern konnte. Es wurde sogar die Rückzahlung eines maßgeblichen Teils ihrer Verschuldung in nationaler Währung genehmigt. Um sich das konkret zu vorstellen, braucht man sich nur die Situation nach dem Londoner Abkommen von 1953 zu überlegen. So z.B. zahlt Deutschland ein Teil seiner Verschuldung aus der Zwischenkriegszeit in DM zurück. Diese DM waren in der übrigen Welt unbrauchbar, so versuchten Belgier und Franzosen sie möglichst bald loszuwerden, und kauften also in Deutschland hergestellte Waren und Anlagen und trugen dadurch dazu bei, Deutschland zu einem großen Exportland emporzuarbeiten...
 
Dagegen müssen Griechenland, Portugal, Irland, Spanien, Estland, Slowenien und die anderen Länder von der Peripherie der Eurozone ihre Verschuldung in Euro tilgen, wobei ihr Euro-Bestand knapp ist, infolge ihres Handelsdefizits mit den starken Ländern der Eurozone. Zugleich werden sie von den dominierenden Mächten der Eurozone über die Europäische Kommission und die verabschiedeten Abkommen dazu gezwungen, Politiken zu betreiben, im Rahmen deren sie weder die Inlandsanfrage befriedigen noch exportieren können. Wollen sie dennoch exportieren, so müssen sie die Löhne noch mehr senken, so dass die Inlandsanfrage noch stärker abnimmt und die Rezession sich vertieft. Durch das Privatisierungsprogramm werden dann ihren Industrie- und sonstigen Infrastrukturen und ihrem nationalen Erbe überhaupt weitere Schläge versetzt.
 
Will man also dieser Sackgasse entkommen, so muss ein wirtschaftlich-soziales Maßnahmenbündel umgesetzt werden, das mit den derzeit betriebenen Politiken radikal brechen wird, auf nationaler sowie europäischer Ebene. Der Krise muss also ein Notprogramm entgegengesetzt werden[19].
 

In Bälde wird der Artikel „ Griechenland-Deutschland : wer schuldet wem?“ (3) die Weigerung der deutschen Regierungsmächte, dem griechischen Volk die Wiedergutmachungen für die nazistische Besatzung angehen.

 


[1] Eine interessante Biographie desselben ist auf wikipedia zu finden: http://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Werner_Sinn

[4] Siehe dazu die biografische Notiz: http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Heinz_Roth

[5] Diese Tabelle wurde von C. Lapavitsas, A. Kaltenbrunner, G. Lambrinidis, D. Lindo, J. Meadway, J. Michell, J.P. Painceira, E. Pires, J. Powell, A. Stenfors, N. Teles : « The eurozone between austerity ans default », September 2010 wieder aufgenommen. http://www.researchonmoneyandfinance.org/media/reports/RMF-Eurozone-Austerity-and-Default.pdf.

Siehe auch dazu die frz. Zusammenfassung dieser Studie (Autorin: Stéphanie Jacquemont vom CADTM) http://www.cadtm.org/Resume-de-The-Eurozone-between

[6] Dasselbe geschah zu gleicher Zeit mit Portugal, Spanien und ost- bzw. zentraleuropäischen Ländern.

[7] Die Tabelle wurde von C. Lapavitsas wieder aufgenommen, op. cit.

[8] Die Hauptinhaber (d.h. die Banken der oben erwähnten Länder) der griechischen Staatschuldtitel sind laut angeführten Diagramms: Frankreich, Deutschland, Italien, Belgien, die Niederlande, Luxemburg und das Vereinigte Königreich; die anderen Gläubiger werden in der Kategorie „sonst auf der Welt“ zusammengefasst.

Das Diagramm wurde der schon erwähnten Studie von C. Lapavitsas entnommen (Seite 11). Laut BRI besaßen die französischen Banken im Dezember 2009 31 Milliarden Dollar und die deutschen 23 Milliarden an griechischen Staatsschuldtiteln.

[9] Ab 2010 haben die westlichen Banken aufgehört, griechische Schuldtitel zu kaufen, oder deren Ankauf drastisch reduziert, und begonnen, die vorher erstandenen loszuwerden. Sie haben sie an die Europäische Zentralbank verkauft, die sie auf dem Sekundarmarkt abkauft.

[10] Inzwischen (Juli 2011) ist Christine Lagarde Direktorin des IWF geworden

[11] Siehe Council of the European Union, Statement by the Heads of State or Government of the Euro area and EU Institutions, Brüssel, 21. Juli 2011, Punkt 3, http://europa.eu/rapid/pressReleasesAction.do?reference=DOC/11/5&format=HTML&aged=1&language=EN&guiLanguage=de

[12] Siehe European Commission, Directorate General Economic and Financial Affairs, “The Second Economic Adjustment Programme for Greece”, Mars 2012, table 18, p. 45, “Interest rates and interest payments charged to Greece” by the euro area Member States”, http://ec.europa.eu/economy_finance/publications/occasional_paper/2012/op94_en.htm

[13] Financial Times, “Investors rush for the safety of German Bunds”, 24. Mai 2012, Seite 29

[14] Les Echos, Isabelle Couet, « L’aide à la Grèce ne coûte rien à l’Allemagne (Die deutsche Hilfe an Griechenland ist eine kostenlose)  », 21. Juni 2012. Weiter schreibt die Journalistin: „ Der Zinsfuß auf 6 Jahre - was der Durchschnittsfälligkeit der deutschen Schuldtitel entspricht - sind von 2,6% (2009) auf 0,95% (2012) herabgesetzt worden.

[15] Le Soir, Dominique Berns et Pierre Henri Thomas, « L’Allemagne se finance à 0% », „ (Der deutsche Staat beschafft sich Geldmittel mit 0% Zinssatz ), 21. Mai 2012, Seite 21

[16] Ebenfalls

[17] Siehe den Dokumentarfilm Catastroika http://cadtm.org/3-films-contre-l-austerite

[18] Siehe oben erwähnte Dokumlentierung http://alencontre.org/europe/la-grece-et-loccupation-par-les-forces-du-iiie-reich-1941-1944-quels-dedommagements-la-dette-de-qui-envers-qui.html Siehe hinsichtlich des Privatisierungsprogramms : European Commission, Directorate General Economic and Financial Affairs, “The Second Economic Adjustment Programme for Greece”, Mars 2012, p. 31 à 33, http://ec.europa.eu/economy_finance/publications/occasional_paper/2012/op94_en.htm

[19] Siehe Damien Millet – Eric Toussaint, « Europe : Quel programme d’urgence face à la crise ? », (Ein Notprogramm gegen die Krise) http://cadtm.org/Europe-Quel-programme-d-urgence

 




Courtesy of Tlaxcala
Source: http://cadtm.org/Grece-Allemagne-qui-doit-a-qui-2
Publication date of original article: 08/10/2012
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=8455

 

Tags: Griechenland Deutschland Europa Europäische UnionBanksters EurozoneDeutsche SchuldenLondoner SchuldenabkommenSchuldenerlassMarshallplan
 

 
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