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 EUROPE 
EUROPE / Wir Deutschen haben nach zwei Weltkriegen eine eigene Meinung zur Frage von Krieg und Frieden und wollen keine Kriegspropaganda mehr
Date of publication at Tlaxcala: 18/06/2012
Translations available: Español  Français 

Offener Brief an Bundespräsident Joachim Gauck
Wir Deutschen haben nach zwei Weltkriegen eine eigene Meinung zur Frage von Krieg und Frieden und wollen keine Kriegspropaganda mehr

Rudolf Hänsel

 

„Dass es wieder deutsche Gefallene gibt, ist für unsere glückssüchtige Gesellschaft schwer zu ertragen.“
Joachim Gauck in der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg am 12. Juni 2012

 

 
Sehr geehrter Herr Bundespräsident Gauck!
 
Erlauben Sie mir als deutschem Bürger der Nachkriegsgeneration einige Anmerkungen zum Tenor Ihrer Ansprache in der Führungsakademie der Bundeswehr und zu einigen Ihrer Aussagen.
 
Wie kommt unser Staatsoberhaupt dazu – so meine spontane gefühlsmässige Reaktion nach der Lektüre Ihres Redetextes –, uns Deutsche nach zwei Weltkriegen darüber zu belehren, was wir zur Frage von Krieg und Frieden zu denken haben. Da Sie meines Wissen als Pfarrer und „friedlicher Revolutionär“ nie eine Waffe in die Hand nahmen, kann ich mir Ihre Gesinnungsänderung nicht erklären, wenn Sie nun als Bundespräsident für Auslandseinsätze der Bundeswehr werben, militärische Gewalt rechtfertigen, dafür plädieren, uns wieder an deutsche Gefallene zu gewöhnen und damit Kriegspropaganda betreiben. Ist das wirklich Ihre persönliche Überzeugung oder haben Sie uns als neues Staatsoberhaupt zu sagen, was Deutschland zu denken verordnet ist? Ob Sie mit Ihrer Rede mittelbar Verfassungsprinzipien verletzen (z. B. Förderung des Angriffskrieges, Betreiben von Kriegspropaganda) kann ich nicht einschätzen, wäre aber im Einzelfall zu prüfen.
Ihre Rede lässt sich jedenfalls einordnen in die Reihe markiger Sprüche unseres Verteidigungsministers Thomas de Maizière über Deutschlands neue Verantwortung und militärische Rolle in der Welt während der so genannten Münchner Sicherheitskonferenz am 3. Februar 2012.
 
Nun noch zu einzelnen Aussagen Ihrer Rede:
 
Liebe Soldatinnen und Soldaten: Sie schützen und verteidigen, was uns am wichtigsten ist, auch über die Grenzen unseres Landes hinaus: Freiheit und Sicherheit, Menschenwürde und das Recht jedes einzelnen auf Unversehrtheit.“ (…)
Die Bundeswehr auf dem Balkan, am Hindukusch und vor dem Horn von Afrika, im Einsatz gegen Terror und Piraten – wer hätte so etwas vor zwanzig Jahren für möglich gehalten? (…) Diese Bundeswehr ist keine Begrenzung der Freiheit, sie ist eine Stütze unserer Freiheit. (…) Die Bundeswehr ist (…) zu einem Friedensmotor geworden.“
 
Wo in Deutschland, sehr geehrter Herr Bundespräsident, oder im Kosovo, in Afghanistan, in Somalia schützen deutsche Soldaten Freiheit, Sicherheit, Menschenwürde und das Recht jedes einzelnen auf Unversehrtheit oder ist die Bundeswehr „Friedensmotor“? Die Menschen in diesen Ländern sind „dank“ unserer Bundeswehreinsätze im Verbund mit der von Amerika geführten Nato unfreier, unsicherer, in ihrer Menschenwürde zutiefst verletzt und viele von ihnen entweder tot, oder kriegsverletzt, krebskrank und hoffnungslos. Tatsächlich war vor zwanzig Jahren für uns Deutsche eine Beteiligung der Bundeswehr an Angriffskriegen der Nato undenkbar. Da haben Sie Recht.
 
Gewalt, auch militärische Gewalt, wird immer auch ein Übel bleiben, Aber sie kann – solange wir in der Welt leben, in der wir leben – notwendig und sinnvoll sein, um ihrerseits Gewalt zu überwinden. (…)
 
 
Kriege, noch dazu völkerrechtswidrige Angriffskriege, sehr geehrter Herr Bundespräsident, waren noch nie sinnvoll und konnten noch nie Gewalt überwinden – das hat uns die Geschichte gelehrt. Und Kriege sind auch in Zukunft obsolet. Lassen Sie mich dazu zwei Zeitzeugen zitieren: Leo Tolstoi (1828-1910) sagte zur Frage von Krieg und Frieden: „Eine vernünftige Erklärung dafür, warum Länder und Völker gegeneinander Krieg führen sollten, gibt es nicht und kann es nie geben.“ Und die erste Friedensnobelpreis-Trägerin und engagierte Kriegsgegnerin Berta v. Suttner (1843-1914) meinte hierzu: „Keinem vernünftigen Menschen wird es einfallen, Tintenflecken mit Tinte, Ölflecken mit Öl wegwaschen zu wollen. Nur Blut soll immer wieder mit Blut abgewaschen werden.“
 
Herr Bundespräsident, Sie sagten des Weiteren: „Eine funktionierende Demokratie (erfordert) auch Einsatz, Aufmerksamkeit, Mut, und manchmal auch das Äusserste, was ein Mensch geben kann: das Leben, das eigene Leben. (...) Dass es wieder deutsche Gefallene gibt, ist für unsere glückssüchtige Gesellschaft schwer zu ertragen.“
 
Sterben „für Gott, Kaiser und Vaterland“? Nein danke! Nicht mehr, Herr Bundespräsident! Meine Großmutter, die zwei Weltkriege erlebt hat und meine Mutter haben den Schmerz über den Verlust des gefallenen Sohnes und Bruders im 2. Weltkrieg Zeit Ihres Lebens nicht überwunden. Und das ist nur ein Beispiel von Abermillionen anderer Kriegsschicksale in aller Welt.
 
Sehr geehrter Herr Bundespräsident, wir Deutschen haben nach zwei Weltkriegen eine eigene Meinung zur Frage von Krieg und Frieden und wollen keine Kriegspropaganda mehr.
 
Hochachtungsvoll,
 
Dr. Rudolf Hänsel

 

 





Courtesy of Junge Welt
Source: http://www.jungewelt.de/2012/06-15/035.php?sstr=Herr%7CGauck%7Cwir%7CB%FCrger%7Cwollen%7Ckeinen%7CKrieg
Publication date of original article: 15/06/2012
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=7530

 

Tags: KriegKriegspropagandaBundeswehrFriedenDeutschlandGauck
 

 
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