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 24/09/2019 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 UNIVERSAL ISSUES 
UNIVERSAL ISSUES / Occupy-Bewegung: Das Prinzip Empörung
Date of publication at Tlaxcala: 25/10/2011
Translations available: فارسی  Español  Français 

Occupy-Bewegung: Das Prinzip Empörung

Felix Helbig, Barbara Klimke, Sebastian Moll, Matthias Thieme

 

 New York, London, Frankfurt: Immer mehr Menschen protestieren gegen das Finanzsystem. Aber wie wird aus einem weltweiten Gefühl der Ungerechtigkeit eine homogene Bewegung?

 
 

Die Maske von Guy Fawkes, der 1605 mit einem Anschlag auf das englische Parlament scheiterte, machte das Internetkollektiv Anonymous als Identitätsschutz populär. Nun trägt sie auch die Occupy-Bewegung weltweit. (Foto: dpa)

In einer dieser Nächte, in denen man den Wind zwischen den Hochhäusern des Frankfurter Finanzviertels heulen hört, sitzt Claudia Keht schon wieder auf einer Holzbank und empört sich. Die 25-Jährige spricht über die Schuldenkrise der Staaten, den Stabilitätsmechanismus, die Defizite der demokratischen Partizipation. Die junge Frau schlingt ihre Decke enger um die Hüften, es ist kalt. Doch sie verhandelt weiter über die neue Zeit. Mit Menschen, die sie bis vor ein paar Tagen noch nie gesehen hat.
 
Claudia Keht ist eine von Dutzenden, die in der vergangenen Woche hier ihre Zelte aufgeschlagen haben, gleich neben den Zentralen der Großbanken. „Das Schönste ist ja“, sagt sie, „dass ich mit alldem jetzt nicht mehr allein bin.“ Tatsächlich versammeln sich jeden Abend mehrere Hundert Menschen zwischen den Hochhäusern. Sie sind jung und alt, laut und leise, Antifaschisten und Atomkraftgegner, Globalisierungskritiker, Utopisten, Studenten, Lehrer, Angestellte. Sie kommen aus der Stadt und vom Land, aus Hessen, aus Schwaben. Sie alle sind „Occupy Frankfurt“.
 
 

Gegen Polizeiwillkür und für eine Reichensteuer: New York, Wall Street.  (Foto: REUTERS)

Ein Teil jener weltweiten Bewegung, die am letzten Wochenende Hunderttausende mobilisierte. 5 000 in Frankfurt, 5 000 in London, 10 000 in Spanien, 200 000 in Rom. Es gab keine Anführer bei diesen Protesten, nur ein gemeinsames Gefühl: Empörung darüber, in einem Land zu leben, das mehr Geld für Banken ausgibt als für Menschen. Die Politik war von dem Protest überrascht – und überfordert.
 
Schließlich war es erst einige Wochen her, dass die Bewegung auf ein paar Hundert Demonstranten beschränkt war, die sich in New York zu einer Gruppe namens „Occupy Wall Street“ zusammengeschlossen hatten. Unrealistische Träumer – die jetzt das Momentum auf ihrer Seite haben. Und die schweigende Mehrheit der Bevölkerung wohl auch. Doch wie nutzt man diese Wucht? Wie wird aus einem weltweiten Gefühl, einer heterogenen Masse eine zielgerichtete Bewegung? Einigkeit herzustellen, ist die große Herausforderung in den Camps, die letzte Woche weltweit entstanden sind. 
 

„Natürlich ist es anstrengend“

„Wir fangen bei null an, wir sind völlig unvoreingenommen“, sagt Claudia Keht. „Wir sind uns erst einmal nur einig darüber, dass es so nicht weitergehen kann.“ Auch wenn es keine Hierarchie gibt bei „Occupy Frankfurt“, so hat sich doch schon in den ersten Tagen eine erstaunlich gut funktionierende Organisation herausgebildet, es gibt Arbeitsgruppen und Workshops, jemand schlägt vor, neue Flyer zu gestalten oder über das Bildungssystem zu debattieren, und schon finden sich 15 bis 35 Menschen, die mitmachen. Jeden Mittag und jeden Abend gibt es Asambleas, wie die Aktivisten ihre Versammlungen nach spanischen Vorbild nennen, nach jenen Versammlungen, die im Sommer auf der Puerta del sol in Madrid von den ersten wütenden Europäern abgehalten wurden.
 
 

Die Zeit ist um: Protest im Anzug, London, St. Paul's Cathedral. (Foto: REUTERS)

Da im Frankfurter Oktober das Wetter schlechter ist als im spanischen Mai, drängen sich für die heutige Asamblea etwa hundert Menschen in den Katakomben des nahe gelegenen Schauspielhauses. Während auf einer Bühne George Taboris Hitler-Farce „Mein Kampf“ gegeben wird, steht in der Cafeteria ein junger Mann mit Ziegenbärtchen vor einem Flipchart. Es ist Seba, er erklärt die Regeln der Asamblea. Sagen darf jeder, was er will, es gibt eine Rednerliste und Redezeit. Wer einem Beitrag zustimmt, schüttelt die Hände in der Luft, wer dagegen ist, verschränkt die Arme vor dem Gesicht. Genauso wie in New York, in London, Rom, Sao Paulo und Helsinki, es sind die globalen Codes der Bewegung,
 
Dennoch ist eine Asamblea eine langwierige Angelegenheit, die erst endet, wenn alle die Hände schütteln, denn nur im Konsens gilt etwas als beschlossen. „Natürlich ist das anstrengend“, sagt Seba, „ aber wir müssen endlich hinnehmen, dass demokratische Prozesse anstrengender sind, als alle paar Jahre ein Kreuz zu machen.“
 
Für die Verbreitung dieser Codes sorgt eine ebenso globale Vernetzung. Kommunikationswege, die so vielgestaltig sind wie die Bewegung selbst. Vor allem die neuen Medien werden von den Aktivisten benutzt. So finden sich auf der offiziellen Homepage der Bewegung Forderungen der Demonstranten, ein Internet-Livestream von den Protesten und Termine für die Aktivisten. Darüber hinaus haben Sympathisanten eine eigene Seite ins Leben gerufen. Unter dem Motto „Wir sind die 99 Prozent“ haben Hunderte Menschen aufgeschrieben, wie ihre Lebensumstände von der Finanzkrise betroffen sind. Zu Aktionen und Kundgebungen mobilisieren sich die Aktivisten via Twitter und Facebook. Im Gegensatz zu der Occupy-Bewegung in der realen Welt hat dieses virtuelles Netzwerk jedoch eine Art Zentrum. 
 
Unter einem pinkfarbenen Regenschirm im Zuccotti Park von New York sitzen junge Leute und tippen auf ihren Laptops. Einige von ihnen tragen Masken mit dem stilisierten Porträt des englischen Attentäters Guy Fawkes, der 1605 das Parlament mitsamt König in die Luft sprengen wollte. Sein Antlitz ist zu einer Art Markenzeichen der Protestbewegungen weltweit geworden. Um die Maskenmenschen herum sitzen Gruppen auf dem Boden und diskutieren. An jeder Ecke halten Protestler spontane Reden oder schrammeln auf Gitarren. Das Medienteam der Bewegung kümmert sich um Twitter und Facebook, um die Beobachtung der Nachrichtenlage in den sogenannten Mainstream-Medien, es koordiniert die Internet-Übertragung und sendet die Ereignisse aus dem Park in Echtzeit in die Welt. Das Medienteam im Zuccotti Park in Manhattan ist nur die Spitze des Eisbergs, erklärt der freiberufliche Radiojournalist Michael Premo. In Büros und Wohnzimmern in der ganzen Stadt arbeiten Hunderte Occupy-Sympathisanten an einer orchestrierten Medienkampagne. Neben den Aktivitäten im Netz gibt es mittlerweile eine eigene Occupy-Zeitung auf Papier. „Im Grunde sind wir eine vollwertige multimediale Nachrichtenorganisation“, sagt Premo.
 
Zusätzlich nutzen Aktivisten Programme wie die iPhone-App „Vibe“, die die anonyme Kommunikation mit vielen Menschen ermöglicht, die sich in räumlicher Nähe aufhalten. Demonstranten verständigen sich damit in Echtzeit, ohne dass die Polizei sie abhören und persönlich erkennen kann, wie dies bei Telefonaten oder auch SMS möglich ist. Geht die Polizei rüde gegen Demonstranten vor, schlagen die Aktivisten mit den Waffen des Internet zurück: Hacker der Gruppe Anonymus haben etwa die Adresse, eine Mobiltelefonnummer und Angaben zur Familie eines Polizisten veröffentlicht, der Demonstrantinnen in New York ohne Vorwarnung mit Pfefferspray angegriffen haben soll.
 
Auch die Organisation in der realen Welt ist in New York verblüffend. Vor einem Tisch steht eine große Schiefertafel mit einem detaillierten Wochenkalender. Es ist ein volles Programm, sechs bis zehn Arbeitsgruppen haben pro Tag ein Meeting eingetragen. Um elf Uhr trifft sich die Mediengruppe, um eins die Frauengruppe, um zwei ein Kollektiv, das die Kontakte zu anderen politischen Organisationen herstellt. Um 19 Uhr wird dann wie jeden Tag eine Vollversammlung abgehalten.
 
„Das Prinzip ist ganz einfach“, sagt Michael Premo. „Die Leute kommen hier an den Zuccotti Park und fragen, wie sie sich einbringen können. Und es gibt für jeden einen Platz, gleich, ob er beim Kochen hilft oder ob er als Anwalt Leute berät, die verhaftet worden sind und Gerichtsvorladungen haben.“
Nach einem Monat Protesten ist das Occupy-Dorf ein gut geschmiertes soziales Gebilde, eine Stadt innerhalb der Stadt, wohl gerüstet, um sich im Zentrum des Finanzkapitalismus festzubeißen.
Festbeißen wollte sich die Bewegung auch in London. Am liebsten auf dem Platz vor der London Stock Exchange, der Börse. Das hätte zweifellos zur New Yorker Vorbildaktion „Occupy Wall Street“ gepasst. Doch den Börsenvorplatz hatte die Polizei rechtzeitig abgesperrt, und so haben sich die Demonstranten gut hundert Meter weiter vor der St. Paul’s Kathedrale niedergelassen. Die Kirche gab ihnen vorerst ihren Segen, sofern es friedlich bleibe.
 

Tausende Demonstranten protestieren am Samstag (15.10.11) in Berlin im Regierungsviertel gegen die Macht der Banken. Vorbild der Demonstrationen ist die amerikanische Protestbewegung "Occupy Wall Street" ("Besetzt die Wall Street"), die sich gegen das Finanzsystem wendet. In vielen Städten Deutschlands gingen am selben Tag tausende Menschen unter dem Motto "Global Change" auf die Straße.(Foto: dpa)

 
Eine Bitte, die bei den Aktivisten auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Fast 300 Zelte stehen penibel in Reih und Glied, sogar auf das Einhalten des Mindestabstands wurde geachtet. „Anordnung der Feuerwehr“, sagt die 29-jährige Natalie, eine ehemalige Sekretärin, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte. „Hier hat es das letzte Mal wahrscheinlich vor Jahrhunderten gebrannt, aber wir wollen keine Aggression.“
 
Bis Freitagnachmittag aber hat sich das Camp so weit ausgeweitet, dass der Vorstand von St. Paul’s die Kirche für die Öffentlichkeit sperrt – erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg. Die offenen Feuer und die versperrten Zugänge seien zu einem Sicherheitsrisiko für die Gläubigen, Pilger und Touristen geworden
 

„Unser Zuhause sind die Plätze“

Auch in London haben sich die Gegner der alten Ordnung unverzüglich eine neue Ordnung gegeben: Gewaltsamer Protest wird abgelehnt, Alkohol ist verpönt, und zweimal am Tag halten die Demonstranten eine Vollversammlung ab, in der sie basisdemokratisch die Aufstellung von Funknetzwerken und Dixieklos und die nächsten Aktionen planen. Tauchen spezielle Fragen auf, wird man an Fachgruppen verwiesen, die die Titel „Recht“, „Medien“ oder „Finanzen“ tragen – wobei letztere für die Spenden zuständig sind. Dazu gibt es ein Info-Zelt, einen Erste-Hilfe-Bereich, eine Kantine und eine Open-Air-Bibliothek, also einen Tisch, auf dem sich Bücher stapeln.
 
Weniger strukturiert als die Logistik sind die Ziele der Campierenden, auch wenn sie sich in ihrer kollektiven Abneigung gegen „das jetzige unnachhaltige, undemokratische und ungerechte Regime“ und die Macht der Großbanken einig sind. Die 21-jährige Liz will mit einem Plakat auf ihrem Zeltdach auf das Problem der weltweiten Kinderprostitution aufmerksam machen. Ein pensionierter Anthropologie-Professor zieht auf dem St. Paul’s-Vorplatz Parallelen zum ägyptischen Tahir-Platz und wünscht den Sturz des Kapitalismus herbei. Natalie wäre schon zufrieden, wenn die Banken sofort eine Trennung von Privatkundengeschäft und Investmentsparte vollziehen müssten. Das würde sogar der konservative britische Schatzmeister George Osborne unterschreiben, der diese Trennung bis 2019 durchsetzen will.
 
Um eher grundsätzliche Bekenntnisse geht es auch in der Frankfurter Asamblea. Es ist kurz vor Mitternacht und einer will den Kapitalismus abschaffen, andere plädieren für ein Verbot von faulen Bankkrediten, von denen wieder andere nicht wissen, was das ist. So geht das stundenlang. Finanztransaktionssteuer, reale Lohnsteigerungen, Bekämpfung der Gentrifizierung.
„Wir müssen uns auch klar und deutlich zur Gewaltfreiheit bekennen“, sagt irgendwann ein junger Mann, der sich als Stefan vorstellt. „Wirklich offen für alle Teile der Gesellschaft sind wir nur, wenn es absolut friedlich bleibt.“
 
„Und was ist mit zivilem Ungehorsam?“, fragt ein anderer.
 
„Ziviler Ungehorsam ist keine Gewalt“, sagt Stefan.
 
„Ziviler Ungehorsam ja, Gewalt nein“, ruft ein Mädchen von weiter hinten. Dann schütteln alle die Hände in der Luft. Kurz darauf wird „gewaltfrei“ mit schwarzem Edding-Stift auf die Liste geschrieben, die die Aktivisten provisorisch an eine Stellwand geklebt haben.
 
Kann eine Bewegung auf diese Weise erfolgreich sein? Kann sie auch über den Winter kommen?
 
Piotr Lewandowski lächelt. Er ist 22 Jahre alt, ein in Polen geborener Spanier. Nach seiner Entlassung in einer Kartonagefabrik ist er im Mai von Santander nach Madrid gelaufen und dann weiter, durch Frankreich bis nach Brüssel und schließlich nach Frankfurt, gut 2 500 Kilometer weit. Allein bis Madrid habe er mit seiner Kumpanen mehr als 500 Asambleas in kleinen Orten abgehalten, die Leute dazu aufgefordert, sich zu beteiligen im Kampf gegen eine Obrigkeit, die macht, was sie will, erzählt Lewandowski. Und dann sagt er: „Du stellst ein Zelt auf und irgendwann wird ein Haus daraus. Unser Zuhause sind jetzt die Plätze. Sie werden uns nicht mehr überhören können.“




Courtesy of Berliner Zeitung
Source: http://www.berliner-zeitung.de/politik/occupy-bewegung-das-prinzip-empoerung-,10808018,11043702.html
Publication date of original article: 22/10/2011
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=6063

 

Tags: EmpörungOccupy FrankfurtOccupy BerlinOccupy BewegungAsambleasOccupy Wall Street
 

 
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