TLAXCALA تلاكسكالا Τλαξκάλα Тлакскала la red internacional de traductores por la diversidad lingüística le réseau international des traducteurs pour la diversité linguistique the international network of translators for linguistic diversity الشبكة العالمية للمترجمين من اجل التنويع اللغوي das internationale Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt a rede internacional de tradutores pela diversidade linguística la rete internazionale di traduttori per la diversità linguistica la xarxa internacional dels traductors per a la diversitat lingüística översättarnas internationella nätverk för språklig mångfald شبکه بین المللی مترجمین خواهان حفظ تنوع گویش το διεθνής δίκτυο των μεταφραστών για τη γλωσσική ποικιλία международная сеть переводчиков языкового разнообразия Aẓeḍḍa n yemsuqqlen i lmend n uṭṭuqqet n yilsawen dilsel çeşitlilik için uluslararası çevirmen ağı

 06/08/2020 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 UNIVERSAL ISSUES 
UNIVERSAL ISSUES / Geschlechtergerechtigkeit und/im Islam: Bericht über einen Workshop
Date of publication at Tlaxcala: 13/07/2010
Original: Gender Justice and/in Islam: A Report on a Workshop
Translations available: Français  Español 

Geschlechtergerechtigkeit und/im Islam: Bericht über einen Workshop

Rehana Khan

Translated by  Einar Schlereth

 

Viel ist in den vergangenen Jahren geschrieben worden, insbesondere von einer neuen Generation moslemischer weiblicher Schriftsteller über Geschlechtergerechtigkeit innerhalb eines islamischen Rahmens. Dies ist nicht mehr nur eine akademische Übung. In der ganzen Welt und jetzt auch in Indien versuchen Aktivistengruppen diese Botschaft durch praktisches Engagement mit moslemischen Frauen auf 'Graswurzelebene' zu verbreiten.

Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, einem Workshop in Mumbai beizuwohnen, der von dem Zentrum für das Studium der Gesellschaft und Säkularismus organisiert wurde. Dieses Zentrum wird von dem bekannten moslemischen Gelehrten Ashgar Ali Engineer geleitet, der eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von dem, was 'Islamischer Feminismus' genannt wird, gespielt hat, oder was andere, die Probleme mit dem Wort Feminismus haben, ein Geschlechter-sensitives Verständnis oder Interpretation des Islam nennen. Der intensive dreitätige Workshop brachte beinahe 50 Sozialaktivisten, meistens moslemische Frauen, und eine bunte Mischung von Journalisten aus ganz Indien zusammen.

Die ersten Sitzungen des Workshops wurden von Zeenat Shaukat Ali geleitet, die Islamische Studien am St. Xavier College unterrichtet. Autorin von zwei wichtigen Büchern, die ein Geschlechter-Gleichheits-Verständnis des Islam vertreten: 'Marriage and Divorce in Islam' (Heirat und Scheidung im Islam) und ' Empowerment of Women in Islam' (Die allgemeine Stärkung der Frauen im Islam). Sie ist eine fleißige Schreiberin, deren Artikel regelmäßig in verschiedenen Zeitungen und Magazinen erscheinen.
 
Dr. Alis erster Vortrag umriss den grundlegenden Rahmen für eine geschlechter-positive Annäherung an den Islam. Sie betonte die Notwendigkeit für moslemische Frauen, den Koran und die authentischen Hadith-Quellen selbst zu studieren, und, darauf aufbauend sowohl ein Geschlechter-gerechtes Verständnis ihres Glaubens zu entwickeln als auch eine Kritik der herrschenden patriarchalischen Interpretationen, die sie als nicht authentisch ansah. Zur Stützung ihrer These, sagte sie, dass der Koran sowohl Männer als Frauen als ontologisch gleich ansieht, denn er offenbart, dass Gott die Menschen aus einer einzigen Zelle geschaffen hat. Der Koran, sagte sie, betrachte Männer und Frauen als voneinander abhängig und als einander komplementär in einer auf Gleichheit beruhenden Weise, was aus den Koranversen hervorgeht, die sagen, dass Gott die Wesen in Paaren geschaffen habe. Das Konzept von Gott als einer patriarchalischen männlichen Figur, so argumentiert sie, hat im Koran keine Basis, denn das Wort 'Allah' hat kein Geschlecht.
 
Als Beweis für die zentrale Stellung der Frau in der islamischen Tradition, verwies sie auf die Tatsache, dass die Pilger in Mecca, wenn sie die Entfernung zwischen den beiden Hügeln Safa und Marwah zurücklegen, der Praxis folgen, die von einer Frau festgelegt wurde: Hazrat Haja (oder Hagar), die die erste war, die es tat. Der Prophet Mohammed, so hob sie hervor, zögerte nicht, seinen Frauen bei der Hausarbeit zu helfen, und forderte auf diese Weise die Vorstellung heraus, dass solche Arbeit nur von Frauen zu tun sei. Ein Zeichen für die Achtung, die der Islam Frauen entgegenbringt, sagte sie, war, dass verheiratete Frauen ihren Familiennamen behalten durften, dass sie das Recht hatten, ihre Einkünfte und ihre Mitgift (mehr) selbst auszugeben, wie es ihnen gefiel, und dass sie beliebige Bedingungen in ihre Heiratsverträge schreiben konnten, vorausgesetzt, sie verletzten nicht islamische Lehren. Was die Polygamie angeht, so meine sie, dass der Koran sie als restriktive Verordnung ansah, und nicht als Freizügigkeit, wie viele Moslems es auffassen. Sie hob hervor, dass nur ein einziger Vers im Koran sich auf die Erlaubnis bezieht, mehr als eine Frau zu nehmen, und obendrein steht er im Zusammenhang mit Waisen und der Notwendigkeit, sich ihrer Rechte anzunehmen. Sie verwies auch auf das Faktum, dass der Koran wiederholt Gerechtigkeit (adl) den Gläubigen auferlegt – und Gerechtigkeit, fügte sie hinzu, meint natürlich auch Geschlechtergerechtigkeit.
 
Zusammenfassend bezüglich Geschlechter-Gerechtigkeit im Islam kritisierte sie die Tendenz zahlreicher männlicher Gelehrter, gewisse Schlüsselverse in Bezug auf Frauen im Koran nicht im historischen und Text-Zusammenhang zu interpretieren. Dies, meinte sie, schaffe das Bild, das sie als völlig dem Koran widersprechend ansehe, von den Frauen als Sexualobjekte. Diese Tendenz sei Teil einer langen, historischen Tradition, die in der Zeit nach dem Propheten sich entwickelte, als die relativ egalitäre moslemische Gesellschaft in ein riesiges Imperium verwandelt wurde, das auf monarchischer Herrschaft und tief verwurzelter Patriarchie beruhte, was, wie sie betonte, keine Stütze in der Sicht der Dinge laut Koran habe.
Dr. Alis zweite Vorlesung beschäftigte sich mit den verschiedenen Fiqh-Regeln in Bezug auf Frauen. Patriarchalische Juristen behaupten, dass die Beweiskraft einer Frau nur halb so viel gelte wie die eines Mannes, womit implizit argumentiert wird, dass Frauen von geringerem Wert und Intelligenz seien als Männer. Dies sei ein umstrittenes Argument. Der Koranvers, der von zwei Frauenzeugen spricht (2:282), sagte sie, behandelt nur kommerzielle Transaktionen, worüber Frauen zur damaligen Zeit wenig wussten. Er müsse also in seinem historischen Kontext gesehen werden. Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Verse im Koran, wonach Zeugenaussagen nicht einer zweiten Frau bedürfen.
 
Desgleichen diskutierte Dr. Ali die kontroversielle Praxis des dreifachen Talaq bei einer Gelegenheit [Talaq = die 3-malige Wiederholung der Formel: ich scheide mich von dir. Eine andere Variante ist die 3-fache Wiederholung, aber bei drei Gelegenheiten, z.B. bei drei Menstruationszyklen. D.Ü.], was nichts mit der Methode des Korans zu tun hat. Sie meinte, es gäbe eine dringende Notwendigkeit, das moslemische Personenrecht, wie es in Indien heute praktiziert wird, zu reformieren – und zu kodifizieren – insbesondere, um die willkürliche Scheidung von moslemischen Frauen zu verhindern – die Abschaffung des dreifachen Talaq bei einer Gelegenheit und die Einführung der Methode, wie sie vom Koran vorgeschrieben wird. Allerdings habe sie das Gefühl, dass die indische Regierung weiterhin damit zögere, weil sie die Opposition der patriarchalischen Ulema fürchte, die schnell (fälschlicherweise) dabei wäre, eine solche Entscheidung als gegen die Scharia verstoßend zu brandmarken. Dr. Ali ist der Meinung, dass das moslemische Personenrecht, wie es gegenwärtig in Indien praktiziert wird, nicht voll in Übereinstimmung mit der Lehre des Koran steht, dass es vielmehr von den britischen Kolonialisten geschaffen wurde und sich stark auf traditionelle Fiqh-Regeln stützte, statt direkt auf den Koran, was gewisse patriarchalische Vorschriften erkläre.
 
Die zweite Schlüsselperson beim Workshop war ein Maulawi (Koran-Gelehrter) aus Mumbai, Maulana Shoeb Kothi, der an der Dar ul-Ulum-Hochschule in Deoband studiert hatte. Wie Dr. Ali war auch seine Meinung, dass der Koran Männer und Frauen als gleich ansieht als menschliche Wesen, die dieselben göttlichen Belohnungen oder Strafen für dieselben Taten verdienen. Aus dem Koran geht klar hervor, sagte er, dass in den Augen Gottes der Status einer Person nicht von seinem Geschlecht abhängt (oder anderen beigefügten Identitäten, z.B. Adel), sondern schlicht von dem Niveau seines Taqwa bzw. seinem Gottes-Bewusstsein und seinen guten Taten. Er stellte diese egalitäre Vision mit derjenigen der Bibel gegenüber, wo Eva als Versucherin die Schuld trägt, dass Adam aus dem Garten Eden vertrieben wurde – eine These, die es im Koran nicht gibt. Doch trotz dem Bestehen des Koran auf geschlechtlicher Gleichheit, begann in der nach-prophetischen Ära das patriarchalische Vorurteil die herrschenden Interpretationen des Koran und der authentischen Hadith (die Aufzeichnung von Leben und Werk des Propheten) zu färben, und hinzu kam der giftige Einfluss gewisser jüdischer und christlicher Traditionen und Glaubensvorstellungen über Frauen, als die von Geburt aus Unterlegenen.
 
Zur Illustration dieses Punktes zitierte der Maulana das Beispiel eines Koran-Verses, in dem es heißt „Deine Frauen sind wie ein Acker für dich; nähere dich deinem Acker wann und wie du willst“ (2:23). Dieser Vers ist von einigen patriarchalischen Gelehrten so interpretiert worden, dass die Frauen sich den sexuellen Wünschen der Männer und ihrer Kontrolle unterwerfen müssen, selbst gegen ihren Willen. Der Maulana sagte, dass dies eine völlig falsche Interpretation sei. Was er wirklich meinte, sei, dass die Frau als etwas Wertvolles behandelt werden sollte, so wie ein Bauer seinen Acker mit Liebe und Sorgfalt behandelt und alles tut, ihn vor Schaden zu bewahren.
 
Der Maulana sprach auch davon, wie verschiedene Berichte zusammengebraut und fälschlich als Hadith-Erzählungen verbreitet wurden, nur um die Unterwerfung der Frauen zu rechtfertigen. Selbst heute würden diese Fälschungen regelmäßig präsentiert, um den moslemischen Frauen die Rechte zu verweigern, die ihnen der Koran gibt. In dieser Hinsicht empfahl er, dass alle Berichte, die als Hadith dargestellt werden, zwei Kriterien erfüllen müssen, um gültig zu sein: sie müssen mit dem Koran übereinstimmen und sie müssen konform mit den bekannten Fakten der Natur und Wissenschaft sein. Wenn sie diese Tests nicht bestehen, muss man sie ablehnen.
 
Ein im Koran gebrauchter Schlüsselbegriff in Beziehung zu dem Verhältnis zwischen Ehegatten ist Qawwam, der von zahlreichen moslemischen Gelehrten benutzt wurde, um die männliche Vorherrschaft und die weibliche Unterwerfung anzudeuten. Dies stelle eine grobe Fehlinterpretation des Begriffes dar, der für ihn in Wirklichkeit 'Unterstützer' bedeute. Mit anderen Worten, fuhr der Maulana fort, bedeute er, dass der Ehemann seiner Frau helfen oder sie unterstützen und ihre Bürde erleichtern soll. Dies wird also als eine Pflicht oder Verantwortung des Mannes gegenüber seiner Frau angesehen, statt männlicher Überlegenheit, wie viele moslemische Lehrer (und andere) anzudeuten belieben. Wenn in dem Vers, der von den Männern als Qawwam der Frauen spricht (4:34), dann meint der Koran, dass „Gott manche mehr als andere begünstigt habe“, und das meint keineswegs eine allgemeine männliche Überlegenheit. Vielmehr, wie ein Vers, der davor in derselben Sure enthüllt, „genießen Männer gewisse Qualitäten und die Frauen genießen gewisse Qualitäten“. Mit anderen Worten, erklärte er, mag Gott Frauen mit gewissen Qualitäten versehen haben, die Männer nicht besitzen. So können manche Frauen in Gottes Augen mehr begünstigt seien als eine Menge Männer.
 
Obwohl er selbst in einer Madrasa (Koranschule) geschult wurde, empfahl er den moslemischen Frauen, dass es für sie nicht nötig sei, Taqlid (jemandem folgen oder ihn imitieren) zu üben oder blind den traditionellen Experten zu folgen, denn nicht alles, was sie sagen, einschließlich in Frauenfragen, ist unbedingt gültig oder in voller Übereinstimmung mit der Vision des Koran. Statt Taqlid, sagte er, sei es notwendig, aql oder Verstand anzuwenden, denn das ist es, was der Koran selbst wiederholt betont.
 
Es sei auch notwendig, riet der Maulana, für moslemische Frauen, selbst den Koran zu studieren, und eigenständige Experten zu werden. Das sei keine falsche Neuerung und nannte das Beispiel einer Frau, die, als Kalif Omar einst gegen die großen Mitgiften für Frauen sprach, aufstand und sagte, dass er nicht verbieten könne, was der Koran erlaubt habe – und der Kalif sah unmittelbar seinen Irrtum ein. Diese Frau, sagte der Maulana, war offensichtlich gut versiert im Islam und war daher in der Lage, für die Rechte einzutreten, die der Koran den Frauen biete. Dieser Vorfall fand in einer Moschee statt vor der ganzen Gemeinde, was deutlich macht, dass es zu jener Zeit den Frauen noch erlaubt war, die Moscheen zu betreten und dort ihre Andacht zu verrichten. Die spätere Vorschrift gegen Frauen, die in der Moschee beten, wird von verschiedenen islamischen Rechtsschulen vertreten, was, wie er sagte, lediglich eine administrative Maßnahme sei und kein Befehl, der auf der Scharia basiere, und könne deshalb geändert werden, wenn nötig.
 
Die Tatsache, dass eine Frau vor der Gemeinde in einer Moschee sprach, ist auch ein klarer Hinweis darauf, dass die Behauptung mancher Kleriker, dass die Stimme einer Frau Waran oder etwas, was verborgen oder vor nicht verwandten Männern 'versteckt' werden müsste, sehr zweifelhaft ist. Zudem kam er auf die Schlüsselrolle zu sprechen, die Frauen in der frühen islamischen Gelehrsamkeit spielten, indem er auf ein kürzlich veröffentlichtes Buch, 'Al-Muhadithat' von Akram Nadwi, verwies, einem indischen Schriftsteller, der gegenwärtig in Oxford lebe, der mehrere tausend Moslem-Frauen in den ersten Jahrhunderten nach dem Fortgang des Propheten auflistet, die bekannte islamische Gelehrte waren. Die authentischste Sammlung von Imam Bukharis Hadith-Korpus wurde von einer Frau geschrieben, Karima Bint Ahmad, deren Fassung heute noch gültig ist. Die Kopie des Koran, die als authentisch angesehen wurde und als Prototyp von den Moslems benutzt wurde, ist auch von einer Frau erstellt – von Hazrat Hafsa. All diese Beispiele zeigen deutlich, dass es keineswegs eine falsche Neuerung wäre, wenn moslemische Frauen eigenständige religiöse Experten oder Alimas würden. Erforderlich wäre, dass moslemische Frauen ihr im Koran verbürgtes Recht zurückgewännen, für sich selbst zu sprechen. Diesen Punkt erhärtete er mit Hilfe eines Beispiels: Als eine Frau, Khamsa Bint Hizam, von ihrem Vater an einen Mann verheiratet wurde, ging sie zum Propheten und sagte, dass sie nicht mit diesem Mann zusammen sein wolle, da sie zwangsweise verheiratet wurde, ohne ihre Zustimmung. Daraufhin erklärte der Prophet die Ehe für nichtig. Der Maulana verglich dies mit dem Mangel an Freiheit bei der Wahl ihrer Ehemänner, der immer noch das Leben zahlloser Moslem-Frauen im heutigen Indien fesselt.
 
Um seinen Aufruf an die moslemischen Frauen, eine aktivere Rolle in der Gemeinschaft zu spielen, zu erhärten, zitierte der Maulana das Beispiel der ersten Frau des Propheten, Hazrat Khadjiah, die den Propheten ermutigte, als er seine erste Offenbarung hatte, und ihn unterstützte. Eine andere seiner Frauen, Hazrat Umm Salamah, schlug einen Ausweg vor, den der Prophet akzeptierte, als viele seiner männlichen Anhänger nicht seinem Rat folgten, nach Medina von Hudaibijah zurückzukehren. Als die Moslems, geführt vom Propheten, Mekka eroberten, hat eine Frau, Umm Hani Bint Abi Talib, Schwester des Imam Ali, zwei Götzenanbetern, die gegen die anrückenden moslemischen Streitkräfte gekämpft hatten, einen Schutzeid geleistet. Als sie den Propheten darüber informierte, antwortete er: „Wir geben unseren kollektiven Schutzeid jedem, um dessen Schutz du gebeten hast, Umm Hani“. Dieses Beispiel zeigt, dass früher moslemische Frauen selbst auf höchster Ebene öffentlicher Angelegenheiten tätig waren. Ähnlich ist das Beispiel im Koran, wo eine Tochter ihrem Vater rät, Moses einzustellen. All diese Frauen, sagte der Maulana, haben eine größere Rolle bei der Mission des Propheten gespielt, folglich gäbe es keinen Grund, dass Frauen heute nicht eine solche Rolle spielen sollten – sowohl auf dem Gebiet der Gelehrtheit wie auf dem Gebiet des sozialen Aktivismus. Diesbezüglich unterstützte er, wie Dr. Ali, auch von ganzem Herzen die Versuche, Frauen bei Wahlen Sitze zu reservieren und kritisierte die Forderungen jener, die dies – und überhaupt jede öffentliche bedeutende Rolle der Frau – als 'unislamisch' ansähen.
 

Shazia Shaikh, Forscherin am Zentrum zum Studium der Gesellschaft und Säkularismus, sprach zur dritten Sitzung des Workshops über das Thema der Fatwas in Bezug auf Frauen. In Anbetracht der vielen Fatwas, die von Maulawis verschiedener Schulen ausgefertigt werden und die sich gegen Frauenrechte richten, erläuterte sie, dass eine Fatwa in keiner Weise einem Edikt oder einer Vorschrift gleichkäme, wie viele Leute annehmen. Es ist viel eher einfach eine Meinung, der man, wenn nötig, begegnen kann durch andere Meinungen, die sich auf eine unterschiedliche Lesart islamischer Texte beziehen. Es gäbe ein dringendes Bedürfnis, sagte sie, dass nur sehr gut geschulte Muftis Fatwas herausgeben, die ein tiefes Verständnis für die gesellschaftlichen Bedürfnisse der Zeit und ihre Bedingungen hätten, damit ihre Fatwas einfühlsam und angemessen sein könnten. Es wäre wichtig für sie, ihre eigene Vernunft anzuwenden, statt blind den Vorschriften zu folgen, die in den mittelalterlichen Fiqh-Büchern enthalten seien, die in einem sehr verschiedenen sozialen und historischen Zusammenhang entstanden seien.

Sie hob auch die Notwendigkeit für kreatives Ijtihad oder kreatives Argumentieren in Fiqh- Angelegenheiten, insbesondere den Fiqh-Regeln für Frauen. Im Gegensatz zu dem, was viele traditionellen Maulawis glauben, gibt es einen großen Unterschied zwischen Scharia und dem Göttlichen Weg, der unwandelbar ist, und Fiqh, was ein menschliches Produkt ist und folglich offen für Reform und Veränderung. Fatwas müssen daran gemessen werden, inwieweit sie den Koran als Kriterium verwenden und im Licht des Koran-Mandats für Gerechtigkeit und Gleichheit. Wenn sie diesem Test nicht standhalten, sollten sie abgelehnt werden.
 
Die vierte wichtige Person beim Workshop war Niloufer Akhtar, Präsidentin der Anwaltskammer in Mumbai für Familiengerichte. Auf Grund jahrelanger Arbeit an Gerichten vermutet sie, dass über 60% der Fälle, die an den Familiengerichten Mumbais anhängig werden, von Frauen herrühren, die Grausamkeiten des Ehemanns ausgesetzt wurden. Viele dieser Frauen seien Moslems. Sie deutete an, dass nur wenige dieser Frauen ihre gesetzlichen Rechte kennten, einschließlich des Rechts, sich durch das Gericht scheiden lassen zu können.
Sie sprach auch über das brennende Thema der großen Zahl von Moslem-Frauen, die von ihren Männern willkürlich verstoßen werden vermittels der Methode der dreifachen Talaq in einer Sitzung, die nicht dem Koran entspricht. Sie beklagte, dass die angemessene Scheidungs-Prozedur laut Koran, die ein Schiedsgericht vor der Scheidung fordert oder um eine solche zu verhindern, nur selten angewandt werde – und nicht einmal in dem Kompendium Islamischer Gesetze erwähnt werde, das vor ein paar Jahren von der Allindischen Kammer für moslemisches Personenrecht erstellt wurde. Sie hat auf mehreren Treffen des Vorstands darauf hingewiesen, aber leider sei der Vorstand nicht tätig geworden. Sie beklagte, dass der Vorstand nicht hinreichend einfühlend sei für die praktischen Probleme, denen sich geschiedene Moslem- Frauen gegenübersähen.
 
Die fünfte Hauptrednerin war die bekannte feministische Expertin Flavia Agnes. Sie kritisierte die weit verbreitete Auffassung, dass die Moslem-Frauen ihrer Rechte beraubt seien und dass die Hindu-Frauen gesetzlich garantierte Rechte haben, die sie angeblich genießen. Diese Auffassung sei faktisch unhaltbar und trage dazu bei, die unangebrachten negativen Stereotype über Islam und Moslems zu erhärten. Während sie die Forderung nach einer Reform befürworte, um das moslemische Personen-Recht in Übereinstimmung mit dem Gleichheitsideal des Koran bezüglich der Frauenrechte zu bringen, warnte sie davor, dass die Feministinnen ein gemeinsames Bürgerrecht forderten, womit sie unbewusst der Hindutva- Lobby in die Hände arbeiteten, die eben dies forderten, wenn auch für einen anderen Zweck – um die moslemische Gemeinschaftsidentität zu unterminieren.
 
In dem heutigen Klima der zunehmenden Islamophobie, sagte sie, sei es immer schwieriger, Probleme anzuschneiden, denen Moslem-Frauen ausgesetzt sind, aus Angst, dass selbst wohlmeinende Anstrengungen das negative Bild vom Islam und den Moslem verstärken könnten. Sie sprach von der Gefühllosigkeit zahlreicher indischer 'säkularer' Frauengruppen (die ansonsten ständig darüber lamentierten, was sie als die Not der Moslem-Frauen und deren Leiden unter den patriarchalischen moslemischen Männern, einschließlich der Kleriker ansähen) gegenüber Morden, Vergewaltigungen und Verstümmelungen von Moslem-Frauen durch den Hindutva Mob, oft gemeinsam mit staatlichen Behörden.
 
Sie erwähnte auch die Routine-Sensationsberichte über Moslem-Frauen in den Medien, die wilde und völlig unbegründete Generalisierungen machten – wie alle Moslemfrauen von ihren Männern unterdrückt werden – auf Grund von einzelnen Vorfällen, während positive Geschichten über Moslem-Frauen ignoriert würden – dass sie zum Beispiel sich zunehmend der Ausbildung und Jobs widmen oder positive Urteile auf Basis des Moslem Frauen Gesetzes von 1986 (Schutz des Rechtes auf Scheidung), das vom indischen Parlament auf Druck moslemischer Gruppen verabschiedet wurde.
 
Der Workshop fand in einer lebendigen, interaktiven Atmosphäre statt, die den Teilnehmern erlaubte, ihre Ansichten und Erfahrungen auszudrücken. Eine Anzahl von Moslem-Frauen - meistens arm, manche von ihnen aus Slums oder abgelegenen Dörfern – erzählten ihre Geschichte – wie sie in Heiraten gezwungen wurden gegen ihren Willen oder ihnen höhere Bildung durch die Eltern verweigert wurde oder wie sie schikaniert wurden von den Schwiegereltern, weil sie angeblich eine zu geringe Mitgift hätten, wie sie in ständiger Angst und Unsicherheit lebten vor einer willkürlichen Scheidung durch ihre Männer, die sie regelmäßig schlagen würden, oder von betrunkenen Ehemännern, die sich weigerten, in eine nicht funktionierende Ehe aufzulösen oder von Maulawis, Jamaat und der Polizei, die sich von ihren Problemen ungerührt zeigten. All dies sei, wie sie aus dem, was sie in den drei Tagen gehört hätten, eine grobe Verletzung der Prinzipien des Islam. Und das wäre die Botschaft, so versprachen sie, die sie nach ihrer Heimkehr verbreiten würden.




Courtesy of Rehana Khan
Source: http://www.countercurrents.org/rkhan070710.htm
Publication date of original article: 07/07/2010
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=584

 

Tags: IndienFrauen im IslamGeschlechtergerechtigkeit Frauenrechte
 

 
Print this page
Print this page
Send this page
Send this page


 All Tlaxcala pages are protected under Copyleft.