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 29/03/2017 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 LAND OF PALESTINE 
LAND OF PALESTINE / Al-Arakib – 60 Jahre und der Kampf beginnt erst, oder „Israel bringt die Wüste zum Blühen“
Date of publication at Tlaxcala: 05/08/2011
Original: Al-Arakib - sixty years, and the struggle is just beginning

Al-Arakib – 60 Jahre und der Kampf beginnt erst, oder „Israel bringt die Wüste zum Blühen“

Adam Keller אדם קלר

Translated by  Ellen Rohlfs اِلِن رُلفس

 

Al-Arakib ist ein Dorf in Israel nordöstlich von Beer Sheba. Ein Dorf, das auf keiner Karte erscheint, die in diesem Land veröffentlicht wurde. Es ist ein Dorf, dessen Existenz die Regierung Israels nicht anerkennt und die alles in ihrer Macht tut, um sicher zu sein, dass es nicht länger da bleibt – und doch, trotz allem, was die Regierung auch macht, das Dorf ist sehr lebendig. Im Augenblick, wo ich dies schreibe, singen und tanzen die Kinder von Al-Arakib sehr laut in der Mitte des Dorfes.

 
 
Das Dorf Al-Arakib bestand in der Negevwüste unter ottomanischer Herrschaft, lange bevor der Wiener Jude mit Namen Theodor Herzl eine Konferenz in Basel/ Schweiz zusammenrief, um zur Schaffung eines jüdischen Staates aufzurufen. Scheikh Mohammed Sohn von Salem al-Okbi besaß 6000 Dunum Land bei Al Arakib. Er beschäftigte zwölf Arbeiter, die in jedem Jahr pflügten, säten und ernteten. Er verkaufte den Überschuss an Händler von Gaza, Jordanien und im Sinai. Die ottomanische Regierung tat tatsächlich nichts für die Dorfbewohner, mischten sich aber auch nicht ein und versuchten sicher nie, sie von ihrem Land zu vertreiben.
1917 kamen die britischen Soldaten vom Süden, um das Land zu erobern. Sie kamen nahe an Arakib vorbei und eine Artilleriegranate der sich zurückziehenden Ottomanen traf das Haus von Scheikh Mohammed und zerstörte es. Aber mit der Konsolidierung der britischen Mandatsherrschaft wurde das Haus wieder aufgebaut. Auch die britische Regierung mischte sich nicht viel in das Leben der Leute ein und ließ sie ruhig auf ihrem Lande leben. 1948 kam wieder eine neue Regierung, die Herrschaft des neu errichteten Staates Israel. Und zuerst dachten die Leute von Al-Arakib, dass sie auch unter diesem Regime leben könnten, wie sie all die Jahre unter früheren Herrschern gelebt haben.
 
Während der ersten zwei Jahre sah es so aus, als würde das Leben der Dorfbewohner berücksichtigt. Tatsächlich wurde das Haus von Scheikh Suleiman, Sohn von Muhammad al-Okbi vom Staat Israel als Gerichtsraum des Stammes benützt, wenn es Probleme zwischen den Beduinen des Gebietes gab. Dann wurde die Nationalflagge Israels auf dem Dach des Hauses gehisst.
 
Diese Illusion wurde an einem einzigen bitteren Tag 1951 zerstört. Soldaten der IDF kamen im Auftrag der Militärregierung, unter der die arabischen Bürger Israels lebten, und befahlen den Bewohnern von Al-Arakib, sofort ihre Häuser zu verlassen. Nach sechs Monaten könnten sie wieder zurückkehren, wurde ihnen gesagt. Aber es vergingen Jahre an ihrem Exilort und der Tag der Rückkehr kam nie. Als 1954 Scheikh Suleiman zurückzukehren versuchte, kamen sofort Soldaten und nahmen ihn nach Beer Sheba in Gewahrsam.
 
 
 
 
Die Häuser des Dorfes wurden zerstört und dem Erdboden gleich gemacht, auch das Haus, das der Staat Israel als Gerichtshof benützte und das Haus, in dem 1949 die 1. Wahl für die Knesset stattfand. Und im Landregister von Israel wurde notiert, dass dieses Stück Land ein „unbebauter und unbesetzter Besitz“ sei und deshalb Besitz der „Entwicklungsbehörde“ sei, also Staatsland. Und als die Al-Okbis wieder versuchten, zurückzukommen und 1973 ihr Land zu bearbeiten versuchten, wurden sie angeklagt, sie hätten widerrechtlich Staatsland betreten. Dasselbe geschah mit Nuri Al-Okbi, dem Enkel von Scheikh Mohammad, der selbst kein Scheikh ist , sich aber als Aktivist für die Rechte seines Volkes, die Beduinen, einsetzt. Er stellte ein Zelt auf ein kleines Stück Land seiner Vorfahren und lebte mehrere Jahre darin Tag und Nacht, bis die Polizei kam und ihn verhaftete, weil er Staatsland betreten habe. Ein Gericht warnte ihn streng, eine Wiederholung brächte ihm eine lange Gefängnisstrafe ein.
 
Und nicht nur ihm. Hunderte der Al-Turis, Nachbarn der Al-Okbis, die auch 1951 vertrieben worden waren, kehrten in organisierter Weise zum Land ihrer Vorfahren bei Al-Arakib zurück, neben dem Friedhof, wo ihre Familienmitglieder seit Hunderten von Jahren begraben lagen – Land, von dem der Staat während der Jahrzehnte, die es in seinem Besitz hatte, keinen Gebrauch machte. Sie bauten ihre Hütten wieder auf und bearbeiteten die Felder und pflanzten Olivenbäume und brachten wenigstens in einem Teil des Landes des Al-Arakib-Dorfes das Leben wieder zurück.
 
Die Behörden waren alles andere als erfreut. Zerstörungs- und Vertreibungsbefehle wurden den Bewohnern mitgeteilt. Die Kornfelder wurden aus der Luft mit Gift besprüht. Nachdem das Oberste Gericht das Giftsprühen aus der Luft verboten hatte, begann die israelische Landverwaltung, neu keimendes Getreide unterzupflügen. Doch die unerschrockenen Bewohner bearbeiteten weiter ihr Land und säten noch einmal.
 
 
 
 
Genau vor einem Jahr am 27.Juli 2010 mobilisierten die Polizei, die Grenzpolizei und Israels Landverwaltung nicht weniger als 1300 bewaffnete Männer, die von Bulldozers und schwerer Ausrüstung begleitet waren, um das Dorf zu überfallen und es von allen Seiten zu umgeben. Sie zerstörten alles, rissen die Olivenbäume bis zum letzten aus. Nun war es wieder „unbearbeitet und unbewohnt“ wie es war, als der Staat es auf seinem Namen registrierte.
 
Aber dies waren nicht die 50er-Jahre und dieses Mal ließ man das Land nicht jahrzehntelang ungenutzt liegen. Die Bewohner gaben nicht auf, sie kamen zurück und bauten am nächsten Tag ihre Hütten wieder auf, um Schutz vor der Wüstensonne und den kalten Nächten zu haben. Und wieder kam die Polizei und zerstörte alles und wieder bauten die Bewohner auf. So ging es das ganze Jahr – mindestens 24 mal. Die Gewalt der Polizei nahm bei den Verhaftungen der Dorfbewohner, der jüdischen und arabischen Freiwilligen, die ihnen zur Hilfe kamen, zu. Und wieder wurde das Dorf noch in derselben Nacht aufgebaut und so ging es weiter …
 
Unterdessen erhielt der Jüdische National Fond eine Direktive von der Regierung, einen Wald dort anzupflanzen, wo die Häuser von Al-Arakib standen und die Olivenbäume von den Bewohnern gepflanzt waren. (Die Bäume, die der JNF an ihre Stelle zu pflanzen plante, tragen keine Früchte..) „Die Wüste zum Blühen bringen!“ ist der alte Slogan von JNF scheint jetzt ein bisschen weniger attraktiv. Die Dorfbewohner appellierten ans Distriktgericht. Der Richter ermahnte den JNF, vor Ort keine neue Fakten zu schaffen, solange die umstrittenen Besitzrechte des Al-Arakib Landes noch nicht entschieden worden sind. 
 
Die Aktivitäten der JNF-Bulldozer in Al-Arakib wurden sogar jenseits der israelischen Grenze gehört und das britische Fernsehen brachte eine Sendung darüber. Der britische Ministerpräsident David Cameron verkündete das Ende seiner Position als „Ehrenschirmherr des JNF“. Der JNF war eine von mehreren registrierten Wohltätigkeitsvereinen, in denen der britische Ministerpräsident diese Position inne hat. Aber es wurde etwas peinlich im Lichte der wenig karitativen Aktivitäten in Al-Arakib.
 
Tatsächlich sollte das Problem schon seit Jahren gelöst sein, als die Regierung Israels eine Ermittlungskommission ernannte, die vom früheren Richter Eliezer Goldberg geleitet wird, um das Problem mit den Beduinen zu lösen. Die Regierung überlegte länger als ein Jahr, hörte Zeugnisse, schloss die Beduinen sogar selbst mit ein. Ihre Empfehlungen gingen dahin, die „nicht anerkannten“ Beduinendörfer im Negev anzuerkennen, was dann auch für El-Arakib gegolten hätte. Aber viele einflussreiche Leute in der Regierung und der Knesset mochten diese Empfehlungen gar nicht. Ein neues Komitee wurde ernannt, dem Ehud Praver, aus dem Büro des Ministerpräsidenten, vorstand. Dieses 2. Komitee hat die Meinung der Beduinen gar nicht erst gehört und entschied, dass die meisten nicht anerkannten Dörfer zerstört und etwa 30 000 Menschen in Townships ( mit großer Arbeitslosigkeit) umgesiedelt werden sollen. …
 
Unterdessen geht das Leben in Al-Arakib wie üblich weiter. Die letzte Zerstörung fand am letzten Donnerstag statt. Gestern kamen Dutzende von Aktivisten aus Tel Aviv und Jerusalem und aus den Dörfern Galiläas, die ein Sommerlager im Negev abhalten , um an den Jahrestag der Zerstörung von 2010 zu gedenken, ja sogar amerikanisch-christliche Aktivisten von CPT, die gewöhnlich in Hebron sind, kamen, um Al-Arakib zum 25. ( manche sagen zum 27.) Mal wiederaufzubauen. Zwölf feste und solide Hütten wurden errichtet. Am Freitagnachmittag wurde ein allgemeines Gebet für Muslime, Juden und Christen gehalten. ….
 
Es ist nicht so, dass sich jemand Illusionen macht. Die Polizei wird wiederkommen und die errichteten Hütten wieder zerstören, die wieder durch neue ersetzt werden. Die Regierung Israels hat ihre Absicht nicht aufgegeben, Al-Arakib von der Erdoberfläche zu tilgen – aber die Bewohner werden nicht aufgeben.
 
 
 

Epilog der Übersetzerin: Die Geschichte ist nicht zu Ende: heute – am 27.7.11 - steht in Haaretz, dass Israel die Beduinen für die Unkosten wiederholter Zerstörungen ihrer Hütten verklagt. Ein noch nie da gewesener Rechtsstreit bemüht sich, 1,8 Millionen NIS (isr. Schekel) von den Negevbeduinen zu bekommen. Die israelische Landverwaltung sagt, die Angeklagten hätten Häuser auf Land gebaut, das dem Staat gehört. ( meine Meinung: sollten nicht die Beduinen 1,8 Mill. Wiedergutmachung bekommen für die 25fache Zerstörung ihrer Hütten ???)

 

Bilder aus der Reportage  Bedouinland, von Silvia Boarini


 





Courtesy of Tlaxcala
Source: http://adam-keller2.blogspot.com/2011/07/al-arakib-sixty-years-and-struggle-is.html
Publication date of original article: 23/07/2011
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=5441

 

Tags: PalästinaIsraelNegevAl-Arakibnicht anerkannte BeduinendörferWiderstand
 

 
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