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 26/10/2020 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 EDITORIALS & OP-EDS 
EDITORIALS & OP-EDS / „Jene Revolution ist die einzige, die den Vatermord verübt hat“: Gilbert Naccache, tunesischer Revolutionär
Date of publication at Tlaxcala: 05/08/2011
Original: “Cette révolution est la seule au monde dans laquelle on a tué le père” : Gilbert Naccache, révolutionnaire tunisien
Translations available: English  عربي  Español 

„Aus meinem Lebensweg möchte ich absolut nichts streichen“
„Jene Revolution ist die einzige, die den Vatermord verübt hat“: Gilbert Naccache, tunesischer Revolutionär

Fausto Giudice Фаусто Джудиче فاوستو جيوديشي

Translated by 
Edited by  Fausto Giudice Фаусто Джудиче فاوستو جيوديشي

 

Fausto Giudice: In Tunis haben wir heute den 30. April 2011- morgen ist der Erste Mai. Dieses Interview entstand in Zusammenarbeit zwischen dem im Aufbau begriffenen revolutionären Fernsehsender  Thawrah TV, dem internationalen Übersetzernetzwerk Tlaxcala, Rebelión, der linken spanischen Webseite und Radio Fréquence Paris Plurielle, einem Sender aus der Pariser Gegend. Wir wollten Dich unbedingt interviewen, Gilbert, weil, ob’s Dir passt oder nicht…

Gilbert Naccache: ... ich so schön bin...

FG: ... bist Du auch, aber vor allem einer der ältesten, uns immer noch erhaltenen tunesischen Aktivisten: Du wurdest ja 1939 geboren. Du warst zuerst - in den fünfziger Jahren Mitglied der Tunesischen Kommunistischen Partei, dann eine Zeit Trotskist und Mitglied der Vierten Internationale- kein wirklicher Erfolg, wenn man sich auf Deine Memoiren verlassen darf- und schließlich bist Du in die Gruppe Perspectives tunisiennes1 gelandet und von dort aus 1968 ins GefängnisBorj El Roumi . Du hast also gut 10 Jahre in den Kerkern des Obersten Kämpfers Bourguiba verbracht.

GN: Zuerst will ich diese Zusammenarbeit zwischen den vier Presseorganen begrüßen; ich glaube, dass dieser Solidaritätsausdruck einen erneuten Beweis für die Offenheit der tunesischen Revolution liefert. Jene Revolution ist nämlich keine nationalistische, traditionalistische, konservative Bewegung: sie fasst Fuß in der derzeitigen Welt, hat sich aller modernen Kommunikationsmittel bemächtigt und darf folglich die Werte der Vergangenheit nicht mehr in Kauf nehmen. Und für mich ist das eine gute Nachricht. Was meinen Lebensweg betrifft, so möchte ich nichts, aber gar nichts daraus streichen, d. h. für mich war alles wirklich gelungen. Ich bin von einer Bewegung zur andern übergegangen, von einem Glaubenskorpus zum andern, dann zu mehreren vernünftigen Zweifeln und schließlich -glaube ich - zum kritischen Denken, und das immer über das jeweils Beste. Hinzufügen muss ich, dass meine Aufenthaltebei der herkömmlichen kommunistischen und trotskistischen Welt eine Zeit der theoretischen Ausbildung gewesen sind, und meine Zeit bei Perspectivesein Untertauchen in die Handlung und die Verbindung zwischen Theorie und Praxis der Jugend wurde, und vielleicht deswegen kann ich jetzt an der Seite der Revolutionäre stehen und nicht bei den Besserwissern, weil ich die Erfahrung der revoltierenden Jugend mit erlebt und ihre Revolte mitgemacht habe, obwohl ich damals nicht mehr ganz jung war.

Mein Lebensweg bestimmt mich also, mich dicht an der Revolution zu halten ... mich grundsätzlich daran zu halten, und Eines muss ich sagen: wenn ich zur Revolution irgendwie beitragen kann, so hat mir sie viel mehr gegeben, als ich ihr je geben könnte. Folglich kann ich nichts ablehnen, nicht mal Interviews mit Fragestellern von diskutabler Intelligenz.

F.G: Hahaha! Nett von Dir! Wirklich nett. Beschimpft die Genossen, die ihn interviewen!!! Seit ich in Tunesien zurück bin - das erste Mal seit Ben Alis Machtergreifung im Jahre 1987- hab ich alle alten Genossen aus Perspectives wieder gesehen und dann junge Revolutionäre getroffen  und was hab ich festgestellt? Dass Perspectives schließlich absolut nicht die selbe Entwicklung gemacht hat, wie entsprechende europäischen Gruppen, die linksradikalen Gruppen, deren meist bekannte Aktivisten ihren Jugendidealen schon lange untreu geworden sind und - wie es in Afrika heißt - „Große Jemand“ geworden sind: Minister, NATO-Verfechter, Militaristen, Neoliberale usw.   Und hier stelle ist fest, dass von den historischen Aktivisten von Perspectives praktisch keiner - bis auf wenige Ausnahmen - zum Verräter geworden ist. Und noch Eines fällt mir auf: mir scheint, als wäre das Ideal von Generation zu Generation überreicht worden, von Euch über die „Zwischengeneration“ bis zu den heutigen 20- bis 25Jährigen. Meinst Du, dass ich da richtig beurteile?

G.N: Das kann ich nicht sagen. In Sachen Verrat ganz gewiss. Ich ha es auch schon mehrmals gesagt: das Außerordentliche an Perspectives war unsere Motivierung, ein ganz aufrichtige Motivierung. Keiner von uns hat sich je zum geringsten Kalkül hingegeben und ich kann nicht umhin, an Michel Foucault zu denken, der, nach seiner Meinung über Mai 68 befragt, zur Antwort gab:“ Ich für mein Teil habe März 68 in Tunis erlebt und kann nicht vom Mai 68 schwärmen. Das waren doch nur „Von-Beruf-Söhne“ die gegen ihre Väter revoltieren, wobei in Tunis junge Menschen ins Gemetzel gingen, hinstürzten, nicht gegen ihre Väter, nicht aus irgendeiner Selbstbehauptungswillen, sondern weil sie wirklich ein Ideal hatten , für welches sie bereit waren, im Notfall zu sterben.“ Ja, dann kann man das sagen: unsere Generation war eine Generation von selbstlosen, hoch motivierten Menschen, die bei Tunesiens Aufbau mitmachen wollten und die Bourguiba daran verhindert hat. Damals hatten wir nicht begriffen, was das Regime von Bourguiba war, wohin die Dynamik der Einheitspartei hinsteuerte und wie sind sicher viele Irrwege gegangen, aber über Einiges waren wir immer einig, dass Freiheit nicht geteilt, nicht ausgehandelt werden kann.

Ja, dann haben einige ihre Freiheit doch ausgehandelt. Und wurden Minister von Ben Ali. Aber es waren wenige, recht wenige...

FG: Minister, oder tunesische Botschafter beim UNESCO...

GN: ... Nein, das nicht, Minister, aber wirklich sehr wenige, ein oder zwei, und solche Verräter haben etwas, was man als Verrat bezeichnet werden kann - was sie aber als Streben nach Effizienz präsentierten- durch eine nicht klare und deutliche, sondern implizite Vorstellung des Machtverhältnisses gerechtfertigt haben. Man kann die Sachen ändern, dachten sie, idem man zur Macht kommt und deren Richtung beeinflusst. Es war keine unbedingte Verräterstellung, das war eine irrige, vielleicht etwas vaterschaftliche Stellungnahme, ganz im Zuge der Bewegungen zu der Zeit von Bourguibas Regime und überhaupt aller damaligen revolutionären Bewegungen - ja, und deswegen auch ihnen will ich nicht allzu viel vorhalten.

FG: Also schließlich nur eine Variante des „Entrismus“?

GN: Ja, eine Streben nach Effizienz. Einiges , weniger Schönes, ist damit einher gegangen, als es darum ging, die Repression der Islamisten durch Ben Ali zu verteidigen; da hat’s eine gewisse Verwirrung gegeben , zwischen Prinzipien und alltäglicher politischer Praxis - und das ist viel diskutabler gewesen. Eines muss ich aber sagen: alle, die bei Perspectives mitgemacht haben, sind Leute mit Prinzipien geblieben und haben versucht, ihre Handeln in Einklang mit ihren Prinzipien zu bringen. Ob’s gute oder schlechte waren- sie versuchten die Lage zu ändern und da muss ich zugeben, dass wir einen ganz anderen Weg gegangen sind, als die französischen oder gar europäischen Linken, aber vor allem, weil wir keine andere Wahl hatten. Den europäischen Linken stand eine sehr starke Zivilgesellschaft gegenüber, sehr starke Strukturen, im Stande, sie zu vereinnahmen, ihnen individuelle und sogar kollektive (insofern sie bei Planungsbüros mitmachen konnten) Strukturen zu bieten, innerhalb derer sie sich am Neuausbau der Gesellschaft nach Mai 68 beteiligen konnten. Hätten uns Intellektuellen die Regimes von Bourguiba oder Ben Ali beim Aufbau oder Neuaufbau des Regimes mit einbezogen - ja, vielleicht dann wäre es uns genau so ergangen. Uns wurde aber das Glück beschert, - selbstverständlich in intellektueller Hinsicht -, unter einem höchst repressiven Regime zu leben, der jedem Andersdenkenden prinzipiell misstraute, und uns folglich keine Gelegenheit bot, wirkliche Verräter zu werden. Dass wir keine wurden, war also nicht unser eigenes Verdienst.

FG: Letztendlich hatte dich jene Ausgrenzung das chaotische Stadtbild von Tunis z. B. zur Folge, und den katastrophalen Zustand des Schul- und Bildungswesens, das nach allem, was ich höre, zweisprachige Diplomierte produziert, die zugleich Analphabeten sind. Vielleicht wäre es doch anders gekommen, wenn diese Generation der Achtundsechziger das Ruder ergriffen hätte. Vielleicht ...

 

GN: Ja, vielleicht. Oder vielleicht auch wären diese Leute, nach einer Weile an Orten des Nachdenkens und des Entwerfens, an Orte der Korruption geraten und wären genauso wie die anderen geworden. Nein, Geschichte kann man nicht ändern. Nichtsdestoweniger bleiben die alten Mitglieder von Perspectives, so sehr sie sich von der Revolution entfernt haben, im  Großen und Ganzen sehr fortschrittliche und offene Menschen, die die Geschehnisse zu verstehen und dabei mitzumachen wünschen. Das nun einmal gesagt bin ich mit den meisten in den Einzelheiten nicht einig, aber ich kann nicht sagen, dass sie eine Grenze überschritten hatten. In den 23 Jahren der Ben-Ali-Herrschaft hat keiner mitgemacht, keiner hat Bourguiba wirklich unterstützt, und ich bin folglich sehr stolz darauf, einer Organisation beigetreten zu sein, die sich vielleicht unfähig erwiesen hat, an die Macht zu kommen und die Gesellschaft zu ändern, die aber jedoch zumindest die eigenen Mitglieder geändert hat. Ich komme auf deine Frage zurück: dass unsere Vorstellungen, zwar in unterschiedlichen - umgeänderten, abgeschwächten oder sonst veränderten - Formen, immer noch aktuell sind, ist kein Zufall.

Zu einem bestimmten Zeitpunkt haben wir vermutlich alle „denkenden“ Studenten um Perspectives versammelt, d. h., in fünf Jahren haben wir vermutlich Tausende Menschen mitgerissen. Und das Bemerkenswerte ist, dass jene Tausende, die keine „förmlichen“ Mitglieder der Organisation waren, ihren Kindern Werte, eine Blick, einen Schwung überreicht haben. Deswegen, als mein Buch* erschienen ist, haben sie sich alle darauf hingestürzt; die einen fanden darin ihren jugendlichen Eifer wieder, andere, einen Nachklang dessen, was ihre Eltern gewesen waren, was ihre Eltern gemacht hatten. Und es rührt und beeindruckt mich heute sehr tief, dass mein Buch- was war es im Grunde? Ein Erlebnisbericht, ein historisches Moment-dass dieses Buch immer noch ein so starkes Echo findet. Also ein Beweis dafür, dass es nicht nur die Betroffenen anspricht, also Menschen aus vergangenen Zeiten, sondern auch die Jugend, das Buch spricht auch von Zukunft. Ein Beweis dafür, dass Perspectives keine in der Vergangenheit verankerte Bewegung war: sie ließ so viele Türen offen, dass sie heute immer noch wie damals schon einen Raum für Träume öffnet. Denn die Revolution ist vor allem ein Traum.

FG: Was mir am meisten auffällt, ist der Eindruck, dass die Generation der Kinder und Enkelkinder, die die Dezember 2010/Januar 2011-Revolution gemacht haben, auf Deine Generation- eine Generation von Großvätern - so sehr abgestimmt ist. Meinst Du nicht, dass jene Revolution, die immer noch im Gange ist, die bei weitem nicht vollendet ist, sehr nach 68 klingt?

GN: Ich würde sogar mehr sagen: jene tunesische Revolution ist die einzige, die den Vatermord verübt hat. Jene seltsame Zivilgesellschaft, anscheinend eine Analphabetengesellschaft, ohne jede Organisation, ohne politisches Bewusstsein, hat das zu Stande gebracht, was die Französischen Achtundsechziger nicht getan haben, was sich unsere Generationen nicht mal in Betracht gezogen hatten: den Vatermord. Nun duldet sie schon Schwiegerväter, d. h. Leute, die sie betreuen, ihre Bedürfnisse decken, aber jeder Autorität beraubt sind, denen sie sagen: “Aber nein doch! Mein Vater bist Du nicht!“ Und das ist sehr wichtig: Du sprachst von Mai 68. Im Mai 68 haben sie das eine Zeit lang behauptet, und dann war der Zauber plötzlich weg, und Sauvageot und Cohn-Bendit haben den Angriff gegen das Rathaus geführt und sind von einer unkontrollierbaren Revolte, gegen welche jede Repression ohnmächtig war, zu dem Versuch eines Gewaltstreiches, der nichts Eigenartiges mehr an sich hatte, und gegen die französische Regierung Mittel besaß und anwenden konnte…

FG: .. einen Gewaltstreich, ganz leicht zu umreißen...

GN: Und so konnte De Gaulle seinem verrückten Hin und Her zwischen Massu und seinen Räten - er war total ratlos- ein Ende setzen und zum Althergebrachten zurückkehren. Hier gibt’s nichts Vergleichbares: die Revolution kann man nicht unterdrücken, weil man nicht weiß, wie man sie anfassen soll. Sie gingen zum Kasbah hinunter, standen vor der Tür des Ministerpräsidenten, es genügte, die Tür zu drücken, ganz einfach war es: sie drücken die Tür, sagen den Leuten: “Nun sofort hinaus“ und nehmen deren Platz. Das haben sie aber nicht gemacht. Sie haben gesagt: „Die Macht wollen wir nicht. Sondern eine Kontrolle auf die Macht ausüben. “ Dann hat man sie gefragt: “Wer seid Ihr aber?“ und hat die Bullen kommen lassen, um sie wegzujagen. Sie sind gekommen und haben gesagt: “Ihr in Tunis glaubt, dass Ihr ohne uns über uns bestimmen könnt. Aber so ist es nicht: Ihr könnt keine Entscheidungen treffen, die wir nicht billigen. Und wir bleiben hier, bis Ihr uns Euch nach uns richtet. Und sind da geblieben, bis die Regierung eine verfassungsgebende Versammlung zusammenruft. Selbstverständlich hat es die Übergangsregierung mit einem Ränkespiel versucht, hat versucht, ein Teil der Bevölkerung gegen das andere aufzuhetzen, aber da ist sie gescheitert. Stufenweise hat die tunesische Revolution es zur Einberufung einer verfassungsgebenden Versammlung gebracht.

Aber über den Berg sind wir noch lange nicht. Die organisierte Gegenrevolution wird mehr oder weniger durch die offiziellen Übergangsbehörden unterstützt. Diese Gegenrevolution wird von der RCD vertreten, und geht großteils Hand in Hand mit der PSD**, weil einige Leute die die aktuellen Machthabenden finanzieren, zu den korruptesten Teilen des Bourguiba-Regimes oder der Anfänge von Ben Ali gehörten. Die Übergangsbehörden fügen sich leicht dem Druck solcher Leute und tun alles, um den revolutionären Prozess zu blockieren und auf eine einfache Transition zurückzuführen, ich meine, eine Transition zwischen dem bösen Ben Ali und dem netten Jegham oder Morjane oder wen weiß ich noch***. Aber aufhören wird die Revolution nicht , einen Weg wird sie schon finden, sie wird sich der Verfassung bemächtigen um die staatlichen Strukturen zu verwandeln, eine andere Staatsform durchzusetzen, und sowieso hat sie es geschafft, einmal für kurze Zeit alle gesellschaftlichen Klassen gegen das Regime der Einheitspartei zu vereinigen, so wird sie es auch in der Zukunft schaffen können und vorwärts gehen.

Es wird vielleicht Zeit brauchen, aber meiner Meinung nach nicht so viel Zeit, weil das Gegenüber aus lauter Sterbenden besteht, und was wir da haben ist ein schreckliches Symbol: ein kranker provisorischer Staatspräsident, ein fast 90-jähriger Premier, die im Namen einer Revolution regieren, welche von jungen Menschen unter 25 gemacht wurde. Das kann nicht lange dauern, schon deswegen nicht, weil die Krankheit fortschreitet und die Altersauswirkungen unüberwindbar sind. Es ist nicht denkbar, dass Greise, die schon einen Fuß im Grab haben, junge Menschen regieren, die ihre ganze Zukunft vor sich haben. Kommen wir auf Deine Frage zurück: Du musst staunen, weil Menschen aus meiner Generation in Einklang mit ihren Kindern und Enkelkindern sind. Vielleicht hängt es eben mit Deiner ersten Frage zusammen: die Menschen, die Du meinst, sind Leute mit Prinzipien, und solange man Prinzipien hat, kann man fehlgehen, kann man zögern, aber man hat Richtlinien, einen Kompass, und unsere Prinzipien gründeten sowieso auf der Ablehnung einer absoluten, willkürlichen Herrschaft. Und zumindest da besaß Perspectives einen Konvergenzpunkt mit der Revolution: wir wollten nicht zulassen, dass der Vater der Nation uns erklärt, was zu machen war, was für uns gut war, und in dieser Hinsicht sind wir mit der Revolution einig, mit diesen jungen Menschen, die alle Besserwisser mit einem: “Weg mit Dir!“ abspeisen. Wir wollen nicht belehrt, nicht eingeschüchtert werden. Wir glauben -zumindest ich glaub das, und die Genossen auch, nehme ich an- dass unsere Rolle   nicht auf die politische Führung zu reduzieren ist - auch wenn wir es in gewissen Schranken mehr oder weniger übernehmen müssen -, sondern es geht weit darüber hinaus, wir müssen den Stab übergeben, weiterhelfen. Wir sind Weiterhelfer.

Wir sind Menschen mit Erfahrung, sind aktiv gewesen, haben nachgedacht, wir kamen nach Generationen von Aktivisten, in einem Kontext, der nichts zu tun hatte mit dem derzeitigen, so tragen wir eine Verantwortung: wir müssen der Jugend sagen, so hat es sich zugetragen, so ist es gewesen, so sind wir vom Tunesien des Ben Ghedahem ****, d. h. der Stämme, die gegen den Bey revoltierten, zum Kolonialismus übergangen, dann zum Protektorat, zum antikolonialistischen Kampf, zur Beschlagnahmung dieses Kampfes durch eine Partei, die zur Einheitspartei wurde und die zwar höchst Wichtiges umgesetzt hat - denn das brauchte sie zur Durchsetzung der eigenen Gewaltherrschaft - gleichzeitig aber Tunesien allmählich ins Nichts hineingezogen, und Ihr, die Jugend, habt dieses Nichts abgelehnt und seid hiermit in Wirklichkeit die echten Nachfolger aller Kämpfe, die gegen alle Ungerechtigkeiten geführt wurden, die Tunesien angetan wurden , vielleicht schon ab Elyssa*****, das weiß man nicht.

FG: Also, wenn ich richtig verstanden habe: wir haben da eine revolutionäre Bewegung, in welche junge Menschen sich massiv eingesetzt haben, eine polyzentrische, kreative Bewegung, die überall zugleich , in Netzwerken und außerhalb der Netzwerke fungiert, hab drinnen, halb draußen, eine Art von „Weisenrat“, die jene Bewegung aufklärt, ohne sie lenken zu können und gar zu wollen. Das sind echt „postmoderne“ Kennzeichen der Revolution. Wie kann das institutionalisiert werden? Meinst Du, dass Tunesien da in dieser arabisch-berberische und Mittelmeergegend etwas schaffen kann, was den Modellen der Bolivianer und Ecuadorianer entspricht - multinationale Staaten mit Verfassungen, in welche indianische Begriffe - so zum Beispiel das „gute Leben“ - einverleibt werden ?

GN: Tunesien hat eine große Chance: es ist seit sehr, sehr langem ein verstädtertes Land. Wir sind Stadtbewohner. In diesem Land heißt Städter sein vor allem, die Tatsache hinnehmen, dass man Nachbarn hat und mit ihnen eine Verständigungsgrundlage finden muss, die das Zusammenleben ermöglicht. Der Städter ist ein Mensch der Verhandlung: er handelt seine Lebensweise, handelt sein Verhältnis mit anderen aus und muss entsprechend mehr nachdenken, als der Nicht-Städter, der mehr nach Trieben reagiert. Ist die erste Chance. Die zweite, die sich vielleicht aus der Ersteren ergibt, ist, dass es seit sehr langem -ist wirklich nichts Neues- ein höchst gebildetes Volk ist, aus welchem auf ganz natürliche Weise Machthaber hervorgegangen sind, die Wert auf Entwicklung und Bildung –oder zumindest Schulbildung-gelegt haben. Folge ist dass, wobei die Algerier sich mit Steinen und Molotowcocktails auf unendlich stärkere Sicherheitskräfte hinstürzen, und sich schlussendlich zurückziehen müssen, die Tunesier mit praktisch leeren Händen standgehalten haben, weil sich zur Revolte das Bewusstsein gesellte, dass die Lage nicht mehr auszuhalten war.

FG: Die Kraft des Geistes also...

GN: Ja, genauso, die Kraft des Geistes, und eines Geistes, der genährt wurde. Du hast von einem hinkenden Bildungswesen gesprochen, von jungen Diplomierten, die oft halbe Analphabeten waren. Schon möglich, aber die Lage muss der früheren entgegengehalten werden, der Hinterlassenschaft des Kolonialismus. Als wir unabhängig wurden, hatten wir eine äußerst gebildete Elite - Sadiki-Gymnasium, französische Universitäten - und eine riesige Menge, die aus lauter Analphabeten bestand, die völlig abseits von der Modernität lebte. Heute ist unsere Jugend im Großen und Ganzen alphabetisiert, vielleicht nicht viel mehr, aber deren Elite ist hundertmal so zahlreich wie früher, vor der Unabhängigkeit, so dass wir „unsere Gehirne exportieren“, ein unfairer Handel, denn diese Gehirne bilden wir jahrzehntelang aus, und dann verkaufen wir sie zum Marktpreis nach Europa. Normalerweise sollten wie auch für die Ausbildung entgolten werden. Ein junger Informatiker, der nach Frankreich zieht, hat uns vor seiner Auswanderung ungefähr fünfzig Mal gekostet, was er jährlich verdienen wird. So sollten wir auch ein Feedback kriegen. Das Problem der tunesischen Gesellschaft ist eben, dass sie nicht im Stande ist, all diesen ausgebildeten Menschen die geringste Hoffnung zu geben, es in ihrer Heimat zu etwas zu bringen. Das auch ist unverzeihlich: eine Regierung, die ihrer Jugend jede Hoffnung versagt, kann nicht von Bestand sein.

So war jene Revolution zuerst, in erster Linie, ein ideologisches Aufbäumen. Ein Aufbäumen der Gesellschaft gegen das, was dem Bewusstsein ihre Existenzgrundlage entzog. Dann wurde sie gleichzeitig zu einem Bündel Forderungen, Forderungen nach Arbeit, Würde, Gleichheit - aber sie war vor allem eine - freilich implizite, unbewusste, unausgesprochene - Ablehnung dieser Lage, wo die meisten jungen Menschen eine Ausbildung hatten und die Gesellschaft sie nur auszugrenzen wusste. Und so was ist doch nicht möglich. Man kann völlig ungebildete Menschen ausgrenzen- sagte doch Pompidou: „Es ist höchst schwierig, ein gebildetes Volk zu lenken“- aber gebildete Menschen kann man nicht ausgrenzen, so minimal jene Bildung auch ist, und dafür hat Ben Ali einen Beweis geliefert.

 


 Noten
1-Perspectives tunisiennes war der Name der Zeitschrift der Tunesischen Sozialistischen Studie- und Aktionsgruppe (GEAST), die ebenfalls unter diesem Namen bekannt ist. Diese marxistische Gruppe war von 1963 bis 1975 aktiv und wurde von Seiten des Bourguiba-Regimes einer unerbittlichen Repression ausgesetzt.

*Qu'as-tu fait de ta jeunesse ?  Itinéraire d'un opposant au régime de Bourguiba (1954-1979) suivi de Récits de prison, Éditions Les Mots passants, Tunis et du Cerf, Paris, 2009 . Der Verlag hat Cristal, einen Bericht von Gilbert Nacche (1982) gerade neu herausgegeben. Von Gilbert Naccache sei noch erwähnt Le Ciel est par-dessus le toit, Nouvelles, contes et poèmes de prison et d'ailleurs, éd. du Cerf 2005. Bei Les Mots passants soll im Herbst Vers la démocratie erscheinen.
 
** PSD : Sozialistische Destour-Partei, von 1964 bis 1988 tunesische Einheitspartei, wurde dann von Ben Ali auf RCD umbenannt.
 
*** Mohamed Jegham und Kamel Morjane: Politiker, Mitglieder der Ben-Ali-Partei RCD. Jegham ist Innen- und Verteidigungsminister und eine Zeit lang eventueller Nachfolger von Ben Ali gewesen. Nach dessen Sturz gründete er zusammen mit Achmed Friaâ die Partei El Watan. Der Jurist und internationaler Beamter Kamel Morjane war Bedn Alis  letzter Außenminister Ali und behielt diesen Posten unter Mohammed Ghanoschi bis zu dessen Abtritt am 27. Januar 2001. Auch er hat eine Partei gegründet: L’Initiative.
 
****Ali Ben Ghedahem. Anführer der großen Revolte gegen den Bey (König von Tunis, Vassal des osmanischen Reiches) im Jahre 1864. Als er vor die Toren von Tunis mit seinem Heer gelangte, bot er dem Bey Verhandlungen an, wurde aber hinterlistig verhaftet und drei Jahre später vergiftet.
 
*****Elyssa : Phönizierin, legendäre Gründerin von Karthago (griechische Mythologie; von den Römern Dido genannt.)
 

Fotos: Fausto Giudice, Tlaxcala

 





Courtesy of Tlaxcala
Source: http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=5352
Publication date of original article: 20/07/2011
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Tags: TunesienGilbert NaccachePerspectives tunisiennesTunesische RevolutionEinheitsparteiPSDRCD
 

 
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