TLAXCALA تلاكسكالا Τλαξκάλα Тлакскала la red internacional de traductores por la diversidad lingüística le réseau international des traducteurs pour la diversité linguistique the international network of translators for linguistic diversity الشبكة العالمية للمترجمين من اجل التنويع اللغوي das internationale Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt a rede internacional de tradutores pela diversidade linguística la rete internazionale di traduttori per la diversità linguistica la xarxa internacional dels traductors per a la diversitat lingüística översättarnas internationella nätverk för språklig mångfald شبکه بین المللی مترجمین خواهان حفظ تنوع گویش το διεθνής δίκτυο των μεταφραστών για τη γλωσσική ποικιλία международная сеть переводчиков языкового разнообразия Aẓeḍḍa n yemsuqqlen i lmend n uṭṭuqqet n yilsawen dilsel çeşitlilik için uluslararası çevirmen ağı

 11/04/2021 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 CULTURE & COMMUNICATION 
CULTURE & COMMUNICATION / „Miteinander neu-denken“, ein Buch von LaBGC und Harald Haarmann
Gespräch mit den AutorInnen
Date of publication at Tlaxcala: 14/03/2021
Translations available: English 

„Miteinander neu-denken“, ein Buch von LaBGC und Harald Haarmann
Gespräch mit den AutorInnen

Milena Rampoldi ميلينا رامبولدي میلنا رامپلدی Милена Рампольди

 

Wir haben beide in der Vergangenheit schon einzeln interviewt, heute sprechen wir mit ihnen zusammen: LaBGC, eine in Spanien lebende Künstlerin und Publizistin, und Harald Haarmann, ein in Finnland lebender Sprachwissenschaftler und Kulturphilosoph.

Von wegen dunkel! und Utopie einer idealen Gemeinschaft lauten zwei hoch spannende Artikel, die Sie gemeinsam geschrieben haben (nachzulesen auf der Website der Frankfurter Rundschau*). Nun haben Sie auch ein Buch gemeinsam geschrieben. Es trägt den Titel Miteinander neu-denken und ist Ende 2019 im LIT-Verlag erschienen. Was hat Sie zu diesem Buch bewogen?

LaBGC: Die Gewissheit, dass der dramatische Verlust an Gemeinwohl und der verantwortungslose Umgang mit der Natur ein Überdenken, ja ein Neu-Denken der Strukturen unseres Zusammenlebens dringend erfordert. Von dieser Notwendigkeit sind wir, Harald Haarmann und ich, beide zutiefst überzeugt.

Unser Buch Miteinander neu-denken schließt das, was in ferner Vergangenheit gelungen ist, für das Heute auf.

In seinen Forschungen und unermüdlichen Veröffentlichungen zeichnet Harald die Spuren vergessener Kulturen nach. Der erstaunlichste interdisziplinär gewonnene wissenschaftliche Befund ist, dass die erste Hochkultur der Menschheitsgeschichte - genannt Alteuropa oder Donauzivilisation - es schaffte, 3000 Jahre lang ohne zerstörerische Konflikte zusammenzuleben, bahnbrechende Entdeckungen machte, ein immenses Handelsnetz aufbaute und vom wachsenden Wohlstand offenbar tatsächlich alle Mitglieder der Gemeinschaften profitierten. Was für ein Befund! Wie konnte das funktionieren?

Wir gingen daran, die Strukturen der Gesellschaften Alteuropas ins Heute zu spiegeln. Dabei wurde schnell deutlich, dass wir damit einen Schlüssel in Händen hielten, der weitergegeben werden sollte. Und so entstand das Buch.

Harald Haarmann: Es ist wirklich faszinierend, dass Gemeinschaften so weiter Regionen- auf einer heutigen Karte sind das Ungarn, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Montenegro, Kosovo, Albanien, Nordmazedonien, Griechenland, Bulgarien, Rumänien, Moldawien und die Ukraine - friedlich und gleichberechtigt zusammenlebten und arbeiteten, miteinander Handel trieben und das Auskommen aller sicherten. Die Donau und ihre Nebenflüsse waren die Handelsstraßen - deshalb auch die Bezeichnung Donauzivilisation - aber die Handelswege führten ebenso über das Mittelmeer, das Schwarze Meer und auch über Land.

Es lassen sich Handelsbeziehungen nachweisen bis zur Pyrenäenhalbinsel, bis nach Nordfrankreich und Südengland, bis nach Norddeutschland und ins Baltikum, bis in die südrussische Steppe zu den dortigen Viehnomaden und zu den Ackerbauern in Anatolien, und bis nach Nordafrika. Das ist eine Größenordnung, die alles in den Schatten stellt, was es damals auf der Welt an zeitgenössischen Handelsbeziehungen gab. Über die Handelskontakte mit Kleinasien und Nordafrika formiert sich ein wahrhaft interkontinentales Netzwerk.

Ein solches Handelsnetz konnte nur auf der Basis intakter Siedlungsgemeinschaften mit einer gut funktionierenden kommunalen Selbstverwaltung aufgebaut und aufrechterhalten werden, und dies war ein Milieu, wo jeder Zugewinn dem Gemeinwohl zugutekam.

Es sind genau diese Strukturen, die wir in unserem Buch darlegen und fragen: Was sagt uns das heute?

ProMosaik: Wie sind Sie dabei vorgegangen?

LaBGC: Nun, wir haben zunächst einmal die vorliegenden Daten gesichtet und die Schlüsse betrachtet, die daraus für das Agieren in den Gemeinschaften Alteuropas gezogen wurden. Dass Harald die Forschungsergebnisse immer wie auf Knopfdruck parat hat, ist fantastisch! Dann schauten wir nach Strukturen, die das Zusammenleben regelten. In kleinen Siedlungen, in Städten oder überregional zwischen Handelspartnern. Und leiteten daraus Begriffe ab wie Gemeinwohl, Demokratie, Besitz, Verantwortung, aber auch Religion, Liebe und so fort, anhand derer wir das Zusammenleben der Menschen Alteuropas unserem Zusammenleben gegenüberstellten. Zudem nahmen wir uns vor, die Texte kurz und knapp auf die Spiegelungen ins Heute zu konzentrieren. Das Wissen über Alteuropa ist ja hinlänglich veröffentlicht. Der Großteil der relevanten Literatur ist übrigens in der Bibliographie von Miteinander neu-denken aufgelistet.

ProMosaik: Ja, und dabei stellen die Bücher, die Sie, Herr Haarmann, zu Alteuropa, bzw. der Donauzivilisation geschrieben haben, einen besonders reichhaltigen Fundus dar. Dazu auch Ihre Veröffentlichungen über das, was die Lehren Platons noch von Alteuropa enthalten. Ist es nicht an der Zeit, dass dieses Wissen in die Schulbücher aufgenommen wird? Es wirft doch einen völlig neuen Blick auf die Weltgeschichte, dass die Demokratie nicht nur nicht erst mit den Griechen in die Welt gekommen ist, sondern bei den Griechen schon nur noch ein Fragment war.

Harald Haarmann: Richtig. Obwohl Alteuropa seit mehr als dreißig Jahren intensiv erforscht wird, sind die Ergebnisse aus dem Kanon des Schulunterrichts wie auch der universitären Ausbildung fast vollständig ausgeblendet geblieben. Dabei erlebte die archäologische und kulturwissenschaftliche Forschung in Südosteuropa nach der politischen Wende Anfang der 1990er Jahre einen dynamischen Aufschwung. Doch die Neuerkenntnisse sind bis heute im Schatten des etablierten Wissens verblieben.

Die Weltgeschichte, da gebe ich Ihnen recht, muss in der Tat neu gefasst werden. Die wichtigsten Bausteine sind vorhanden. Man darf das, was über die Gesellschaften Alteuropas, die über den Zeitraum zwischen 6000 und 3000 v.u.Z. Bestand hatten, als gesichert bekannt ist, nicht länger ignorieren.

ProMosaik: Bei der Lektüre Ihres ersten gemeinsamen Buchs Miteinander neu-denken dachte ich an vielen Stellen: Ja, so ist es! oder Ja, so müsste es sein! Und mir wurde bewusst, wie viel Grundlegendes man im täglichen Marathon der Aufgaben in Job und Familie aus dem Blick verliert. Ohne in Larmoyanz wegen misslicher Umstände zu verfallen und ohne erhobenen Zeigefinger konfrontiert Ihr Buch auf angenehme Weise mit den wesentlichen Faktoren des Zusammenlebens im Kleinen wie im Großen. War Ihre Absicht zu zeigen, wie’s gehen kann?

LaBGC (lacht): Wir liefern keine Rezepte für gutes Zusammenleben. Wir beschreiben, was sich im Laufe der Entwicklung des Miteinanders von Menschen als nützlich herauskristallisiert hat und dann die erste Hochkultur über 3000 Jahre in Balance hielt.

Dabei fasziniert zuvorderst die Erkenntnis: Der Mensch ist keineswegs unausweichlich des Menschen Wolf. Und natürlich das Warum. Der Wolf, den wir ja zweifelsfrei alle in uns tragen, hat keinen Grund, auf Raubzug zu gehen, wenn wir genug zu essen haben, einen guten Platz zum Schlafen, Aufgaben und Anerkennung bekommen, Liebe spüren und geben können, und wenn wir lernen dürfen und uns einbringen können als gleichwertige und gleichberechtigte Geschöpfe. Alle! Außerdem braucht es unbedingt gute Anführer und Organisatoren. Das sind Frauen und Männer, die in diese Positionen gewählt werden, weil sie die Fähigkeiten dafür mitbringen und gezeigt haben, dass wir ihnen zu recht vertrauen können. Solange sie ihre verantwortliche Position und unser Vertrauen nicht missbrauchen, wählen wir sie wieder. Der Wolf in uns dreht sich zufrieden auf die andere Seite und schnarcht weiter.

Wenn wir im Heute diskutieren, ob ein ordentliches Grundeinkommen und auskömmliche Renten für alle, ein Grundrecht auf Wohnen, Recht auf Arbeit, auf Bildung, auf Teilhabe am öffentlichen Leben unser brüchiges Miteinander verbessern könnte, ist das, als ob jemand den Schleier vor unserem kulturellen Gedächtnis lüftet.

ProMosaik: Es könnte so leicht sein, vom Instrumentarium Alteuropas etwas zu lernen für die Krisen, die unsere heutige Gesellschaft durchrütteln. Warum wird es uns vermutlich dennoch schwerfallen?

Harald Haarmann: Weil wir anders als die Menschen in der Ära Alteuropas ja überhaupt nicht mehr selbstverständlich an den Maximen des Gemeinwohls ausgerichtet sind. Zwar haben sich in vielerlei Transformationen die bis heute tradierte Grundwerte aus alter Zeit abgeleitet, doch ist das ursprüngliche, am Gemeinwohl orientierte Denken und Handeln durch Umwälzungen in der Geschichte überformt und verdeckt worden. Vieles ist auch gänzlich abhandengekommen. In dem Zusammenhang ist das Kapitel Fusion in unserem Buch aufschlussreich. Es beschreibt, was die Balance im Leben Alteuropas beendete und schließlich zu gewaltsamen Auseinandersetzungen und Zerstörungen führte.

Schon in der Antike war das Wissen um Gesellschaften in Balance fast vollständig verschüttet. Immerhin einem Philosophen waren Leitgedanken einer am Gemeinwohl orientierten Lebenswelt aus vor-antiker Zeit noch präsent. Das war Platon. Was auch der Erziehung durch seine Mutter Periktione, ebenfalls Philosophin, zu verdanken war. Im Modell einer idealen Gesellschaft hat Platon das Wesentliche in seiner politischen Theorie veranschaulicht.

Die Verfestigung der Sozialhierarchie, die Stärkung von Formen absolutistischer Herrschaft, die Verhärtung des staatlichen Bürokratiewesens und die Trennung sozialer Gruppen ohne direkte Möglichkeiten, auf die Geschicke der Gesellschaft einzuwirken, haben die Entwicklung von Staat und Gesellschaft bis in die Neuzeit bestimmt. Die Wiederbelebung demokratischer Werte bezog sich im Kontext der Revolutionen in Amerika (1776) und in Frankreich (1789) auf das Modell der Athener Demokratie, das ja schon längst nicht mehr das vollständige Spektrum an Grundwerten vertrat. In der Gesellschaft der griechischen Antike gab es keine Gleichstellung der Frauen mit den Männern mehr, und es gab den großen Teil der Rechtlosen, die Sklaven.

Es kommt hinzu, dass das Denken in Kategorien einer Gesellschaft mit Sozialhierarchie in der nachantiken Geschichte Europas dominierte. Da das Modell Alteuropa vergessen und nicht mehr für Vergleichszwecke zur Verfügung stand, festigte sich eine einseitige Denkweise, bei der die Grundwerte zunehmend die Rolle von Idealen annahmen, die sich aber mehr und mehr von der alltäglich praktizierten Politik entfernten und in vielen Kontexten völlig verblassten. Um die idealisierten Grundwerte wieder “instand zu setzen”, ist NEU-DENKEN erforderlich, und das kann nur im MITEINANDER gelingen. Um was es hierbei im Einzelnen geht, das haben wir in unserem Buch ausgeleuchtet.

ProMosaik: Bascha Mika, Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau, hat das im Geleitwort zu Ihrem Buch auf den Punkt gebracht. Sie schreibt: “Die Autor*innen deklinieren, gut verständlich und mit Lust lesbar, alle Begriffe durch, die in diesem Zusammenhang von Bedeutung sein können. Von Verantwortung über Gleichberechtigung, von Besitz bis zu Liebe. Dabei wird klar: Es geht ihnen nicht nur um Erkenntnis, es geht um die Tat. Handeln! Jetzt!” Können wir mit dem neuen Wissen über Alteuropa zuversichtlicher in die Zukunft blicken?

Harald Haarmann: Unsere Aufforderung zum NEU-DENKEN macht als ersten Schritt eine Aktualisierung des Modells Alteuropa erforderlich. Das Wissen über diese vor-antiken Gesellschaften und die Strukturen ihrer Gemeinwesen muss breit verfügbar gemacht werden, um das Defizit auszugleichen, das vom Kanon unserer westlich-aufklärerischen Erziehung verursacht ist. Es wird von dem Ausmaß unserer Wissensneubildung und von der Intensität unserer Beschäftigung mit Alteuropa abhängen, in welchem Umfang die nützlichen Lehren ihre dynamische Wirkung für den Aufbau unserer Zukunft entfalten können.

LaBGC: Es wäre schön, wenn unser Buch dazu beitragen würde, Visionen, Ideen und Modelle vieler Menschen zusammenzubringen. Wenn es auf diese Weise als warmer Wind unter den Flügeln der Gedanken verstanden wird, dann bin ich sehr zufrieden.

ProMosaik: Ich danke Ihnen beiden für das Gespräch, und ich freue mich bereits auf die englische Übersetzung Ihres Buches, die unter dem Titel Re-thinking Togetherness nächstens erscheint.

*Artikel in der FR

Von wegen dunkel!
Plädoyer für eine nachhaltige Beschäftigung mit Alteuropa und der bis zu 8000 Jahre alten Donauzivilisation, die Grundwerte vorgelebt hat.

Utopie einer idealen Gemeinschaft
Sicherlich kein Feminist, aber auf jeden Fall ein Vertreter der Frauenrechte: Platons Plädoyer für die Gleichberechtigung.

http://tlaxcala-int.org/upload/gal_24395.jpg

 

LaBGC & Harald Haarmann

MITEINANDER NEU-DENKEN

Europa im Gestern | Alteuropa im Heute

978-3-643-14463-8

2019

184

broschiert

19,90

Buch kaufen





Courtesy of ProMosaik/Tlaxcala
Source: http://tlaxcala-int.org/article.asp?reference=31034&enligne=aff
Publication date of original article: 14/03/2021
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=31034

 

Tags: LaBGC und Harald HaarmannMiteinander neu-denken
 

 
Print this page
Print this page
Send this page
Send this page


 All Tlaxcala pages are protected under Copyleft.