TLAXCALA تلاكسكالا Τλαξκάλα Тлакскала la red internacional de traductores por la diversidad lingüística le réseau international des traducteurs pour la diversité linguistique the international network of translators for linguistic diversity الشبكة العالمية للمترجمين من اجل التنويع اللغوي das internationale Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt a rede internacional de tradutores pela diversidade linguística la rete internazionale di traduttori per la diversità linguistica la xarxa internacional dels traductors per a la diversitat lingüística översättarnas internationella nätverk för språklig mångfald شبکه بین المللی مترجمین خواهان حفظ تنوع گویش το διεθνής δίκτυο των μεταφραστών για τη γλωσσική ποικιλία международная сеть переводчиков языкового разнообразия Aẓeḍḍa n yemsuqqlen i lmend n uṭṭuqqet n yilsawen dilsel çeşitlilik için uluslararası çevirmen ağı

 23/11/2020 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 EUROPE 
EUROPE / Erst Harvard, dann Karl-Marx-Universität: Victor Grossman, der Amerikaner, der die DDR liebte
Date of publication at Tlaxcala: 03/10/2020
Translations available: Español 

Erst Harvard, dann Karl-Marx-Universität: Victor Grossman, der Amerikaner, der die DDR liebte

Christoph Gunkel

 

US-Soldat Victor Grossman desertierte 1952 in die DDR. Dort hielt er Vorträge über Indianer und Kapitalismus und war traurig, als die Mauer fiel. Wie blickt er auf sein Leben zurück? Unser Reporter hat ihn getroffen.

 http://tlaxcala-int.org/upload/gal_23302.jpg

Foto Roberta Bianchini

S. Fotostrecke 17 Bilder

 

Die ahnten Ende 1952 im fernen New York nicht, wohin ihr Junge plötzlich verschwunden war. Grossman hatte ihnen einen verschlüsselten Brief geschrieben, doch seine Eltern knackten den Code nie. Sie kannten auch nicht all seine politischen Aktivitäten. Schon als Schüler hatte Grossman gegen gegen Franco-Spanien protestiert. Er war mit 14 in die "Young Communist League" eingetreten, später in die Kommunistische Partei.

Auch beim Ökonomiestudium in Harvard war er in "einem geheimen Kommunistenclub" aktiv: "Die Kommunisten setzten sich am eindeutigsten gegen Faschismus und Rassismus und für die Rechte der Schwarzen ein." Er beließ es nicht bei Worten - trotz Harvard-Diploms entschied er sich zum Entsetzen seiner Mutter, in einer Fabrik in Buffalo zu arbeiten.

"Ein Schock, meine Knie zitterten"

Derweil vergiftete der Kalte Krieg das gesellschaftliche Klima, in den USA begann eine mitunter paranoide Jagd auf Kommunisten. "Alles Linke war plötzlich tabu", so Grossman, "selbst das Wort Frieden." Das verleitete ihn zu einer folgenschweren Lüge, als die Armee ihn einzog: Man legte ihm eine lange Liste mit linken Organisationen vor. Er unterschrieb, in keiner tätig gewesen zu sein, um Strafen zu entgehen: "Ich hatte Schiss."

Grossman schrieb zudem für andere Medien über US-Themen. Manche Vorgesetzten bemängelten seine zu schwache Polemik. "Ich mied Klischees und schrieb nie von einem Land 'voller Not oder Drogenabhängiger'. Ich habe betont, dass die USA im Durchschnitt einen hohen Lebensstandard haben, aber auch tiefe soziale Konflikte."

Oft ärgerte sich Grossman über hohle Phrasen in den DDR-Medien. "Warum nicht ehrlich über Probleme schreiben?" Die Kluft zwischen Realität und Erfolgsverlautbarungen habe die Bindung zum Volk stark beschädigt: "Sie haben nicht richtig gelernt, wie man Menschen gewinnt."

"Ist der Kapitalismus wirklich schlimmer?"

Das spürte Grossman zunehmend auf seinen Vorträgen über die USA, mit denen er jahrelang vor Soldaten, Arbeitern oder Studenten auftrat. Mit der Zeit änderten sich die Fragen der Zuhörer - weniger zu Indianern, mehr zur Wirtschaft.

"Das Hauptinteresse wurde: Ist der Kapitalismus wirklich schlimmer? Haben wir es hier wirklich besser? Ich antwortete: 'Falls sich die Dinge ändern, werden Sie so viel Cola trinken können, wie Sie wollen, und nach San Francisco reisen können. Aber Sie werden vielleicht keine Arbeit mehr haben.' Je näher das Ende rückte, merkte ich aber: Das wollten sie nicht hören."

Schon bald nach der Wende beleuchtete eine riesige Cola-Werbetafel seine Wohnung. Erst 1991 ging Grossman auf Drängen seiner Familie erstmals nach West-Berlin - in einen Aldi hinter der einstigen Grenze. Der zweite Besuch führte ihn auf den Kudamm. Das nächtliche Neongewitter erinnerte ihn an Manhattan vor seiner Flucht. Als er wusste, dass ihm keine Strafverfolgung mehr drohte, besuchte er in den USA seine alten Kommunistenfreunde. Sie nannten ihn Steve. Es klang bald wieder vertraut.

Und noch einen Vorteil brachte ihm der Mauerfall: Victor Grossman bekam den 11. März zurück - seinen alten Geburtstag.

https://www.gutes-lesen.de/wp-content/uploads/2018/09/CrossingTitelVoll-e1538434556633.jpg

 

 

 

 

 

 

 





Courtesy of Der Spiegel
Source: https://www.spiegel.de/geschichte/erst-harvard-dann-karl-marx-universitaet-der-amerikaner-der-die-ddr-liebte-a-bad43259-a80c-4eac-82e7-743e0cc65760
Publication date of original article: 02/10/2020
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=29740

 

Tags: Victor GrossmanDDRUSamerikanische Kommunisten
 

 
Print this page
Print this page
Send this page
Send this page


 All Tlaxcala pages are protected under Copyleft.