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 21/09/2020 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
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 UNIVERSAL ISSUES 
UNIVERSAL ISSUES / Ein moderner Robin Hood: der baskische Anarchist Lucio Urtubia ist gestorben
Nachruf
Date of publication at Tlaxcala: 21/07/2020

Ein moderner Robin Hood: der baskische Anarchist Lucio Urtubia ist gestorben
Nachruf

Gitta Düperthal گیتا دوپرتال

 

Am Sonnabend ist Lucio Urtubia, Lebemann, Anarchist und Sozialrevolutionär, in Paris gestorben. 1931 in Navarra geboren, hatte er klare Vorstellungen davon, wie selbst unter widrigen Bedingungen ein sozial gerechteres, kulturell und emotional erfülltes Leben zu führen ist: im Widerstand gegen Kapitalismus und Faschismus. Und er ermutigte andere, es ihm gleich zu tun. Über sein ganzes Gesicht strahlend, verkündete er etwa: »Eine Bank auszurauben, ist eine wahre Freude«, fügte jedoch hinzu: nur, wenn man das Geld stiehlt, um es umzuverteilen. Gleichermaßen begeistert bekannte er, dass ihm der Respekt vor der Kirche, dem Eigentum und staatlichen Autoritäten fehle. Dies war Grundlage all dessen, was den baskischen Anarchisten dazu brachte, sein Leben dem Widerstand, der sozialen Umverteilung und der revolutionären Bildung zu widmen.

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Damit fing er früh an. 1954 desertierte Lucio aus dem spanischen Militär der Franco-Diktatur und flüchtete nach Paris. Gemeinsam mit der anarchistischen Gewerkschaft CNT und anderen europäischen Rebellen stärkte er den Widerstand gegen Francisco Franco von dort aus und versorgte die spanische antifaschistische Bewegung im Exil mit Geld, falschen Dokumenten und Wohnungen. Gemeinsam mit der französischen Feministin Anne Urtubia, in die er sich im Mai 1968 verliebte und mit der ihn bis zuletzt eine Freundschaft verband, setzte er diese Arbeit fort.

Lucio war an Banküberfällen beteiligt, nachts fälschte er Ausweise für spanische Flüchtlinge oder druckte Schecks und Papiere für revolutionäre Bewegungen in Europa, Lateinamerika und den USA. Tagsüber arbeitete er auf der Baustelle als Maurer, da er große Stücke auf den Wert der Arbeit hielt. Weil Strafverfolgungsbehörden so etwas offenbar für unmöglich hielten, hatte er sich einen Ruf als Sozialrebell, moderner Robin Hood und Bandit erarbeiten können, ohne viel Zeit im Gefängnis zu verbringen.

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Lucio mit Che

Lucios Hoffnungen auf Fidel Castro und die Kubanische Revolution wurden enttäuscht. 1962 traf er Ché Guevara am Flughafen Paris-Orly und schlug ihm vor, US-Dollars zu fälschen. Dass aus der Idee nichts wurde, bedauerte er hartnäckig: »Die Regierung Kubas hätte die Möglichkeit gehabt, mit unseren Kenntnissen ihre Druckmaschinen in Bewegung zu setzen. Sie hätte die Welt tonnenweise mit Dollars überschwemmen können, um die Währung so zu entwerten.«

1980 gelang ihm ein beeindruckender Coup. Er fälschte Travellerschecks für die anarchistische Bewegung derart gut, dass die Chefs der Citibank sich gezwungen sahen, mit ihm zu verhandeln. Radikale Umverteilung war für Lucio eine Notwendigkeit: »Nicht nur die Armen und Arbeiter in Fabriken und auf dem Bau, Pflegekräfte und so weiter, sondern alle, die produktiv für diese Gesellschaft arbeiten, müssen sich engagieren, auch Ärzte, Architekten und Journalisten. Sie haben keine andere Wahl«, sagte er im Juni 2013 gegenüber junge Welt im Interview.(»Eine Bank auszurauben, ist eine wahre Freude«)

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Lucio wohnte im Pariser Viertel Belleville in einer Wohnung über dem von ihm gegründeten Kulturzentrum, das er nach Louise Michel, der großen Anarchistin der Pariser Kommune von 1871 benannt hatte. Junge Leute aus dem Viertel, Künstler, Intellektuelle und Aktivisten sozialer Bewegungen aus allen Ländern hielten hier Versammlungen ab und diskutierten. Wenn ich meinen über 80jährigen Freund Lucio dort besuchte, hatte er stets Wichtiges vor. Etwa baten ihn seine »jungen Freunde« irgendwo in Südspanien, sie bei der geplanten Besetzung einer Bank zu unterstützen. Da Lucio wusste, dass die spanische Polizei weniger brutal vorgehen würde, wenn er als alter Mann im Vordergrund stünde, machte er sich auf den Weg. Ein Anruf genügte, das Flugticket wurde zugeschickt.

Lucio liebte die Frauen, interessierte sich für Feminismus und trank gerne Wein. Für ihn war Altern im revolutionären Sinn keine Isolation im Familiären, sondern spannendes Debattieren mit Jung und Alt im Kampf für eine bessere Gesellschaft. Lucio hatte nicht nur spannende Theorien, wie er die Welt verändern wollte. Er tat es. Wir werden ihn vermissen.

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Urtubia, Lucio

Baustelle Revolution

Erinnerungen eines Anarchisten

Aus dem Spanischen von Alix Arnold und Gabriele Schwab

Assoziation A

ISBN 978-3-935936-84-2 | erschienen 09/2010 | 256 Seiten | Paperback | lieferbar | 19,80 €

 

 

 

 

 

 

 





Courtesy of junge Welt
Source: https://www.jungewelt.de/artikel/382632.nachruf-ein-moderner-robin-hood.html
Publication date of original article: 21/07/2020
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=29370

 

Tags: Lucio UrtubiaAnarchismusRevolutionäre des XX. Jhdt.Logische Revolten
 

 
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