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 28/09/2020 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 ASIA & OCEANIA 
ASIA & OCEANIA / Was das Wort Katastrophe für BekleidungsarbeiterInnen in Bangladesch bedeutet
Date of publication at Tlaxcala: 12/06/2020
Original: What disaster means to garment workers in Bangladesh
Translations available: Svenska/Dansk/Norsk  Français  Español  فارسی 

Was das Wort Katastrophe für BekleidungsarbeiterInnen in Bangladesch bedeutet

Supriti Dhar সুপ্রীতি ধর سوپریتی دهر

Translated by  Miguel Álvarez Sánchez
Edited by  Fausto Giudice Фаусто Джудиче فاوستو جيوديشي

 

57 Prozent der Überlebenden der Rana-Plaza-Tragödie sind arbeitslos geblieben, und die Pandemie fordert nun einen hohen Tribut von Bangladesch, insbesondere von der Bekleidungsindustrie, die der zweitgrößte Bekleidungsexporteur der Welt ist. Supriti Dhar erinnert an eine Katastrophe mit langfristigen Folgen.


B
Bild von Sissela Nordling Blanco

Es war der 24. April 2013. Vor sieben Jahren wurde Bangladesch von der schlimmsten industriellen Katastrophe der Welt, der Rana-Plaza Tragödie, heimgesucht, bei der über 1.100 Arbeiter getötet und über zweitausend verletzt wurden, die meisten davon Frauen. Einfach nur Frauen. Warum erzähle ich diese Geschichte? Sie alle kennen sicherlich den Namen „Bangladesch“, da dieser wie eine Marke in der Bekleidungsindustrie ist. Wie viele von Ihnen wissen, wie dieser Sektor den Frauen eines Entwicklungslandes hilft, sich zu entfalten? Und wie dieser Sektor diese armen ArbeiterInnen mit ihren Löhnen ausbeutet? Nur ein Beispiel. 57 Prozent der Überlebenden der Tragödie am Rana-Plaza sind in all den Jahren seitdem arbeitslos geblieben, da die meisten von ihnen sich noch nicht von den körperlichen und psychischen Trauma des Fabrikzusammenbruchs erholt haben. Von den Überlebenden erlitten etwa 200 schwere Verletzungen, und 60 Menschen wurden Gliedmaßen amputiert.

Albtraumhafte Tage

Die Familien der Tausenden von Opfern warten auf Gerechtigkeit, aber niemand könnte sagen, wann der Prozess beginnen wird. Die Katastrophe geriet weltweit in die Schlagzeilen, machte die Besorgnis über die Sicherheit der Fabriken in Bangladesch und ihre Arbeitsbedingungen deutlich und zwang die Regierung und die Fabrikbesitzer, neue Maßnahmen zu ergreifen, die zu wesentlich besseren Arbeitsbedingungen führten. Aber wie viele Maßnahmen sind bis heute ergriffen worden? Gibt es eine regelmäßige Inspektion? Warum ist das Leben der Bekleidungsarbeiterinnen so wertlos, wenn sie dem Land Devisen einbringen? Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, ich kann mich daran erinnern wie ich mich fühlte, wie ich zu dem Ort eilte und den Geruch verstorbener menschlicher Körper einatmete und wie wir alle versuchten, die Menschen die Hilfe benötigten zu erreichen, welche die Trümmer ausgruben und versuchten, Tausende von Menschen zu retten, als das gesamte staatliche System versagte.

Das System scheiterte an seiner unbegrenzten Gier, Dreistigkeit und unermesslichen Korruption. Ich möchte mich auch nicht an diese albtraumhaften Tage erinnern.

Einige von uns können diese Erinnerung nicht einmal ertragen, einige von uns beschäftigt immer noch das Trauma. Einer unserer AktivistInnen hat letztes Jahr am gleichen Tag und am gleichen Ort Selbstmord begangen. Er gehörte zu den Personen, die den Kleidungsarbeitern halfen, aus den Trümmern herauszukommen, die sich an Händen oder Beinen geschnitten hatten, und diese schrecklichen Erinnerungen verfolgten ihn bis in den Tod. Uns ist die tatsächliche Zahl der Menschen unbekannt, die Selbstmord begangen haben.

Ich kann mich noch an die Tage erinnern, als ich von einem Krankenhaus zum anderen rannte und miterlebte, wie Menschen litten. Einige von ihnen waren ohne Beine oder Hände oder wurden gelähmt, ich weinte, ich schrie und litt, während ich sie leiden sah. Ich sah wie Arbeiterinnen mit ihren Wunden auf dem Krankenhausbett lagen und alle nach ihren Kindern fragten. Während dieser Katastrophe traf ich auf viele Männer, die so genannten Ehemänner dieser Arbeiterinnen, die zu ihren Frauen zurückkamen nur um Geld zu bekommen und dann verschwanden sie. Sie waren eben nur nur Männer. Während des Ausbruchs der Covid-19-Pandemie sind wir Zeugen davon geworden, wie der Verband der Bekleidungsindustriebosse mit dem Leben tausender ArbeiterInnen gespielt hat.

Erschreckender als das Virus 

Als das ganze Land unter Ausgangssperre stand, hat sich die Vereinigung nicht darangehalten. Unter massiven Kontroversen befahlen sie die Schließung von Fabriken, aber ohne jede weitere Anweisung. Also verließen diese armen ArbeiterInnen die Städte, ihren Arbeitsplatz. Nach einigen Tagen bat die Eigentümervereinigung erneut darum, die Fabriken zu öffnen und erließ die Anweisung, dass jede·r, der·die nicht zum gewünschten Termin erschiene, seinen·ihren Arbeitsplatz verlieren würde. Diese vom Schicksal gebeutelten Menschen eilten zurück in die Städte, doch leider konnten sie kein Transportmittel finden, also begannen sie unter der sengenden Sonne zu laufen, und wir alle beobachteten diesen absurden Marsch von unseren komfortablen und klimatisierten Räumen aus.

Wieder fingen wir an die Führer zu kritisieren, worin wir sehr gut sind. So waren sie gezwungen, ihre Entscheidung rückgängig zu machen. Interessanterweise saßen die Menschen, die sich mitten auf der Reise oder am Ende der Reise befanden, fest. Diesmal konnten sie nicht an ihren früheren Wohnort zurückkehren. Stellen Sie sich eine Situation vor, in der ArbeiterInnen, zumeist Frauen, zum Teil in sehr jungem Alter, zum Teil mit Kindern, nachts mitten im Nirgendwo, in einem für Frauen extrem unsicheren Land, festsitzen.

Für all unsere Führungskräfte sind diese Menschen nichts als Versuchskaninchen. Einer der Bekleidungsarbeiter, der trotz landesweiter Schließung gezwungen war, wieder in die Fabrik zurückzukehren, sagte: „Der Verlust eines Arbeitsplatzes ist viel beängstigender als das Virus. Wenn wir nicht erscheinen, verlieren wir den Job. Wenn wir den Arbeitsplatz verlieren, werden wir vor Hunger sterben. Wir sind arm, also haben wir keine Wahl.“

Doch wissen wir, dass die Bekleidungsindustrie Bangladeschs in den letzten 25 Jahren die zentrale Exportabteilung und eine Hauptdevisenquelle war. Gegenwärtig erwirtschaftet das Land durch den Export von Bekleidung jährlich Produkte im Wert von etwa 5 Milliarden Dollar. Auf diesen Sektor entfallen rund 80 Prozent des Produktionseinkommens des Landes, von dem mindestens 4 Millionen ArbeitnehmerInnen abhängig sind, von denen 90 Prozent Frauen sind.

Wieder einmal ein Mythos 

In Anbetracht des Fehlens eines gut funktionierenden Arbeitsaufsichtssystems und geeigneter Durchsetzungsmechanismen sind menschenwürdige Arbeit und ein Leben in Würde für die große Mehrheit der Beschäftigten in der Bekleidungsindustrie und ihre Familien noch weit von der Realität entfernt. Darüber hinaus fordert die Pandemie jetzt einen schweren Tribut von Bangladesch, insbesondere von der Bekleidungsindustrie, die der zweitgrößte Bekleidungsexporteur der Welt ist. Man verliert rapide Aufträge und Millionen von Arbeitsplätzen stehen auf dem Spiel. Etwa 4,1 Millionen ArbeiterInnen werden hungern, wenn niemand eine Initiative für ihr Wohlergehen ergreift.

Die Eigentümer haben ihre Fabriken geöffnet, um sich trotz der großen Gefahr einer Kontaminierung vor möglichen Schäden zu schützen. Nichtsdestotrotz ist die Sicherung des Arbeitsplatzes für die Arbeitskräfte zu einer mächtigeren „Option“ geworden als die Virusbedrohung oder der Tod. Die Situation ist also schrecklich. Wenn dies so weitergeht, dann ist es meiner Meinung nach nur noch eine Frage der Zeit bis Tausende von Tausenden ArbeiterInnen arbeitslos werden, was zu einer weiteren Anarchie in der Gesellschaft ausarten wird, insbesondere das Leben der Frauen wird in großer Gefahr sein. Und das „Empowerment“ von Frauen wird wieder zum Mythos werden.

Die Veröffentlchung dieses Artikels auf Englisch und Schwedisch entstand durch Zusammenarbeit zwischen Feministiskt Perspektiv (Feministische Perspektive), PEN/Opp und der Stadt Norrköping.

http://tlaxcala-int.org/upload/gal_21691.jpg

 





Courtesy of Tlaxcala
Source: https://feministisktperspektiv.se/2020/06/05/what-disaster-means-garment-workers-bangladesh/
Publication date of original article: 05/06/2020
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=29116

 

Tags: BangladeschRana-Plaza-TragödieCoronavirus-KriseVerband der BekleidungsindustrieKapitalistische Ausbeutung
 

 
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