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 11/08/2020 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
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 UMMA 
UMMA / Das Haus von Fathiya
Frauen waren am Sturz von Omar al-Bashir maßgeblich beteiligt. Zu Besuch in Khartum, ein Jahr danach
Date of publication at Tlaxcala: 07/05/2020
Translations available: فارسی 

Das Haus von Fathiya
Frauen waren am Sturz von Omar al-Bashir maßgeblich beteiligt. Zu Besuch in Khartum, ein Jahr danach

Charlotte Wiedemann شارلوته ویدمان

 

Ein abgeschnittener Zopf; dünn und fest geflochten liegt er in der Hand der Sudanesin. Ihre Finger spielen damit während unseres Gesprächs, wie ein Mann mit seiner Gebetskette spielen würde. Dies ist eine säkulare Reliquie, das Haar einer unbekannten Gefährtin, gefunden draußen auf dem Sandplatz vor dem Haus, in den Tagen der Kämpfe, als sich Soldaten an Frauen vergriffen und ihnen mit einer schnellen Bewegung des Messers die Zöpfe abtrennten.

Soldaten taten auch Schlimmeres, und vielleicht deutet sich dieses andere im Akt des Abschneidens ebenso an wie im Akt des Bewahrens. Ein Jahr nach dem Sturz von Omar al-Bashir(1) erinnert der Zopf an Demütigung und an Resilienz, doch vor allem daran, dass es zum Erinnern zu früh ist. Denn so vieles, eigentlich alles, ist offen im neuen Sudan, und dazu gehört, was die Frauen ernten werden aus einer Revolution, die so sehr die ihre war.

Ein Wohnzimmer in Khartum; drei Generationen von Frauen und Mädchen sind darin versammelt, wie vor einem Jahr, als sich auf dem Sandplatz draußen, wo später der Zopf lag, blutige Szenen zutrugen. Das Haus an der Ecke des Platzes, im Windschatten einer Moschee, gewährte Dutzenden Menschen Zuflucht, während im Kugelhagel des Militärs die Fensterscheiben splitterten. Fathiya Mohamed Ahmed, ein hellgrünes Tuch um ihre aufrechte Gestalt gewickelt, führte als Großmutter damals die Verteidigung an, so wie sie jetzt unangefochten das Wort führt. Sie sei hinausgetreten vor das Haus und habe den Soldaten gesagt: „Wann wir sterben, liegt in Gottes Hand. Aber wir werden eine zivile Regierung bekommen.“ Ihr Ton ist ohne Pathos.

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Beharrlichkeit, von Amel Bashir

Frauen stellten die Mehrheit auf Demonstrationen

Auf dem Sandplatz stehen am Tag meines Besuchs hunderte von Stühlen, eine Zeremonie für die Opfer der Revolution ist in Vorbereitung. In Fathiyas(2) Eckhaus herrscht ein reges Kommen und Gehen; Anwälte nehmen Zeuginnenaussagen auf, für Prozesse gegen die Täter, während die Jüngeren Kartons mit Sandwiches auf den Platz tragen. Dann ein Schweigen zum Gedenken an die Toten, 20 lange Minuten, Frauen und Mädchen stehen in eigenen Blöcken, bewegungslos ernst, manche halten selbstgemalte Schilder: Strafe, Vergeltung.

Nach dem Abendgebet, es ist nun dunkel, tritt die erste Rednerin auf die Bühne, eine Märtyrermutter, bis zu den Augen verschleiert, sie trägt Nikab und schwarze Handschuhe, spricht feurig ins Mikrofon, einen behandschuhten Zeigefinger anklagend in die Luft gereckt. Ihr Schleier flattert im Abendwind, wirft im Scheinwerferkegel um die schwarze Gestalt einen überlebensgroßen Schatten.

Eine revolutionäre Sudanesin mit verhülltem Gesicht, das wirft Fragen auf, zumal für den westlichen Blick, der nach eindeutigen Bildern sucht. Sie sind im Sudan oft nicht zu finden. Frauen setzten ihr Leben auf Spiel, um eine islamistische Diktatur zu stürzen, die das Tragen einer Hose mit Peitschenhieben ahndete. Im Eckhaus von Fathiya trägt die neue Freiheit indes keine neuen Kleider. Alle hüllen sich genauso wie vorher in große Tücher, Tobes,(3) und lange Röcke, und Fathiya lässt durchblicken, dass sie Hosen missbilligen würde.

Nicht weit von ihrem Haus sprühten Graffiti-Künstlerinnen auf verwitterte Mauern die Silhouetten von Kämpferinnen mit Küchenutensilien. Frauen stellten die Mehrheit auf Demonstrationen, gebildete wie ungebildete, alte wie junge. Das macht den Aufstand, neben seiner Gewaltfreiheit, so besonders. Doch die Sudanesinnen waren von ihrer Stärke nicht überrascht. Aus der Ferne mögen wir in ihnen nur Opfer gesehen haben, doch sie selbst waren sich längst mehr. Und sie hatten bereits eine Geschichte von Kämpfen.

Als ein Gouverneur den Frauen von Khartum per Dekret verbieten wollte, in Tankstellen, Hotels und Gaststätten zu arbeiten, erhob sich ein Aufschrei, und am Ende musste der Gouverneur gehen. Das war vor zwei Jahrzehnten. Seitdem nahm unter Bashir die Verarmung zu, viele Männer können ihre Familie nicht ernähren, jedenfalls nicht allein. Immer mehr Sudanesinnen wurden erwerbstätig, und mancher Haushalt wird heute von einer Frau geführt, obwohl das rechtlich nicht vorgesehen ist.

Emanzipation heißt rauer Lebenskampf

Wie Arbeit, Öffentlichkeit und Selbstbehauptung zusammenhängen, dafür sind die Teeverkäuferinnen ein Beispiel. Mit ein paar Höckerchen aus Drahtgeflecht, einer Handvoll Gläser und einem Wasserkessel sitzen sie an vielen Ecken von Khartum.

Die Sprecherinnen ihrer Gewerkschaft empfangen mich im ehemaligen Lagerraum eines Markts; vor den Fenstern Eisenläden, der Zementboden fleckig, die Sessel schief. Awadiya Koko, die Präsidentin, hustet und wirkt erschöpft. Geboren in den Nuba-Bergen, vertrieben von einem Bürgerkrieg, so kam sie in den 1980er Jahren nach Khartum, eröffnete später einen Teestand und erlebte die Schikanen.

Für Bashirs Sicherheitskräfte, sagt Awadiya, waren die Teefrauen „wie Straßenschmutz“; ihre Stände wurden zerschlagen, Tee und Utensilien konfisziert; oft waren Schulden und Gefängnis die Folge. Zur Gegenwehr gründete Awadiya die Gewerkschaft, auch dies ist schon Jahre her, mittlerweile sind in Khartum 20 000 Teefrauen und andere Kleinsthändlerinnen organisiert. Die Revolution zu unterstützen war für viele selbstverständlich, Awadiya wurde mit einer Straßenküche zur Legende.

Emanzipation – in diesem Versammlungsraum mit dem fleckigen Zementboden bedeutet das Wort: rauer Lebenskampf. Wie es sich anfühlt, täglich zwölf Stunden auf einer staubigen heißen Straße Tee zu kochen und Gläser zu spülen und davon sämtliche Schulgebühren für die Kinder aufzubringen. Weil sich der Mann nicht beteiligt oder weil kein Mann da ist. Beim Erzählen kommen manch einer die Tränen.

Und dann, als ginge die Sonne auf, treten zwei junge Frauen ein, mit Kopftüchern aus Kunstseide und langen Mänteln anders gekleidet als die älteren in ihren pastellfarbenen Tobes. Es sind die Töchter einer Gewerkschafterin, sie verkauft Khumra, das traditionelle sudanesische Parfüm, und mit dem jahrelangen Zerstampfen von Beerensamen, Nelken, Muskatnuss und Sandelholz hat sie diese beiden Töchter zur Universität gebracht, eine ist bereits Anwältin. Welch ein Sprung in einer Generation!

Doch wirft auch dieses Bild Fragen auf. Die langen Mäntel der Töchter ähneln der arabischen Abaya, sie haben eine Mode der Golfstaaten übernommen, wie auch die Nikab-Trägerinnen. Die Zahl vollverschleierter Studentinnen sei merklich gestiegen, sagt mir ein Dozent. Manche von ihnen sind am Golf aufgewachsen, während die Eltern dort arbeiteten; für manche ist die Kleidung auch ein Statussymbol, Verweis auf einen gewissen Wohlstand. Bei den Töchtern der Marktfrau deutet der Mantel den sozialen Aufstieg an.

Symbolfiguren in Weiß

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Courtesy of Le Monde Diplomatique 4/2020
Source: https://atlas-der-globalisierung.de/das-haus-von-fathiya/
Publication date of original article: 01/04/2020
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=28876

 

Tags: Sudanesische RevoilutionFrauen im SudanLogische RevoltenVolksaufständeFeminismusGleichberechtigungCharlotte Wiedemann
 

 
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