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 04/06/2020 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 UNIVERSAL ISSUES 
UNIVERSAL ISSUES / Der Scheideweg des Covid-19
Ein Gespräch mit dem italienischen Arzt, Dr. Leopoldo Salmaso*
Date of publication at Tlaxcala: 29/03/2020
Original: Covid-19: il bivio
Intervista al dr. Leopoldo Salmaso*


Der Scheideweg des Covid-19
Ein Gespräch mit dem italienischen Arzt, Dr. Leopoldo Salmaso*

Milena Rampoldi ميلينا رامبولدي میلنا رامپلدی Милена Рампольди

Edited by  Fausto Giudice Фаусто Джудиче فاوستو جيوديشي

 



*Arzt, Spezialist im Bereich der Infektionskrankheiten und der öffentlichen Gesundheit, Italien und Tansania.


 

Du bist ein italienischer Arzt, der sich oft in Tansania aufhält. Bist du der Ansicht, dass man den europäischen Ansatz zum Virus als eurozentrisch betrachten kann?

Wenn du unter „Eurozentrismus“ die kulturelle Haltung gegenüber dem „Rest der Welt“ verstehst, dann ja. Aber was ich gar nicht sehe, ist eine eurozentrische Haltung auf der politischen Ebene! Es ist wohl eher das Gegenteil der Fall. Was ich sehe, sind verschärfte egoistische Haltungen und Rivalitäten zwischen den Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft. Alle scheinen sich der neoliberalen Ideologie nach dem Motto „Mors tua vita mea“ (Dein Tod, mein Leben) zu beugen. Es handelt sich um eine Ideologie, die aus der sadistischen „Lektion“ aus Griechenland vor fünf Jahr ganz nichts gelernt hat. Denn sie möchte heute wie damals mit dem ESM (Europäischen Stabilitätsmechanismus) und anderen Anmaßungen solcher Art genau dasselbe aufzwingen. (Es geht erneut um dasselbe: bestrafe einen, erziehe hundert).


FRÜHLING
-Hast du gemerkt? Ihen gehs es schlecht, uns gehts besser
-Es tut mir leid. Können wir nicht zu einer Vereinbarung kommen?

Wie lässt sich die von den Medien geförderte Kultur der Angst überwinden?

Gute Frage. In dieser Notfallsituation übertönt die Medienmatrix immer noch das Gesundheitswesen. Schon in den ersten Tagen des Jahres fingen die US-Medien damit an, sich auf China zu stürzen. Auf diese Weise haben sie weltweit eine Welle der Sinophobie ausgelöst. Ich spreche hier von „US-Medien“ und nicht von den „westlichen Medien“, weil der Großteil der Medien außerhalb der USA sowieso nur pathetisch nachplappert, was die herrschenden medien so behaupten. Seit Jahrzehnten behandeln die Mainstreammedien in den USA und ihre internationalen Sprachrohre China mit derselben Vermessenheit, die von französischen Adeligen vor der schicksalshaften Revolution von 1789 an den Tag gelegt wurde. Aber diesmal kam es den USA kaum wahr vor, die chinesische Wunde zum eigenen Vorteil nutzen zu können, um dem asiatischen Riesen den größtmöglichen wirtschaftlichen Schaden zuzufügen. Bei dieser Gelegenheit äußerten sich die Medien mit einer widerwärtigen Haltung eines Plünderers. Aber es handelt sich um einen Bumerang, der nun den „Jäger“ viel härter trifft als die erkorene „Beute“. Leider verfallen die armen Länder, deren Medien fast alle das Schallrohr der „Schallrohre“ sind, einer ähnlichen Panik wie der unseren, obwohl das Covid-19-Virus bei ihnen eine völlig marginale Rolle spielt. Ich erhalte beispielsweise jeden Tag von Freunden und Kollegen aus Tansania zahlreiche Beileidsmitteilungen, weil diese ganz angsteinflößende Fake-News über die Lage in Italien lesen. Gleichzeitig sorgen sie sich ungemein um die „Katastrophe“ im eigenen Land. Und weißt du wie es in Tansania aussieht? Seit Januar werden in den Flughäfen, Häfen und an den Grenzposten (fast) alle einreisenden Menschen gemäß der Körpertemperatur gefiltert und in Quarantäne gesetzt, falls Fieber an ihnen festgestellt wird. Unter anderem wurden 308 Personen auf SARS-CoV-2 getestet. Keine der getesteten Personen hatten eine schwere Erkrankung. Obwohl der Präsident und viele andere politische und religiösen Autoritäten klare Aufforderungen aussprachen, sich nicht in Panik versetzen zu lassen, ist der Mediendruck so hoch, dass man sich gezwungen sah, die Schulen zu schließen und die Zusammenkünfte von Menschen zu „verhindern“ (Dies würde ein Afrika einer Aufforderung an die Fische gleichkommen, das Wasser zu verlassen)...
In Tansania herrscht (wie in den anderen verarmten Ländern) eine schwere Wirtschaftskrise, die zu 99 % von den Medien erzeugt wird.

Welche sind die wichtigsten Meinungen der italienischen Ärzte zum Thema des Umgangs mit der Krise?

Wenn wir uns auf die offiziellen Medien der „Experten“ konzentrieren, d.h. auf die Experten, die von den Mainstreammedien ausgewählt und zensiert werden, haben wir sehr schöne Walzer erlebt, die sehr eng mit der Politik abgestimmt waren. In diesem Tanz versteht man nicht so richtig, wer führt und wer geführt wird, aber in den meisten Fällen ging es um blinde Tänzer, die hinkende Mittänzer führten… Nun geht es ein wenig besser, da es ja Kritik von Unten gibt, die dank der sozialen Medien verbreitet wird. Die fanatischsten dieser „Experten“ möchten die sozialen Medien sperren und verklagen sogar die sogenannten „Häretiker“ in den Journalistenkreisen. Aber einer Sache, über die ein immer breiterer Konsens in allen Bereichen der Gesellschaft aufkommt, ist man sich bewusst: Die Strukturen des Gesundheitswesens und das Gesundheitspersonal sind unzureichend. Vor allem ist dies in den Intensivtherapieeinheiten offensichtlich. Denn diese sind das Ergebnis eines dreißig Jahre anhaltenden Raubs durch die private Hand zu Lasten des öffentlichen Gesundheitssystems Italiens, das zu seiner Zeit eines der besten der Welt und dessen Verhältnis zwischen Qualität, Billigkeit und Kostenfaktor beneidenswert war. Dieser Raub wurde ab der Verabschiedung des unverschämten Gesetzes von 1992 weiterhin betrieben. Mit diesem Gesetz erteilte das Parlament nämlich den Verwaltungsbehörden die Vollmacht der „Umwandlung des nationalen Gesundheitssystem in betriebswirtschaftliche Einheiten“.

 
-Guck mal, der kennt uns
-Und wer ist das?

Wie siehst du die politische Reaktion auf das Virus in Italien?

Italien war das erste Opfer des oben angesprochenen Bumerangs. Das Gesundheitssystem reagierte zu Beginn ungeschickt und inkohärent. Daraufhin vereinheitlichte sich diese Reaktion im positiven und negativen Sinne. Und man muss anerkennen, dass die Bürger sich viel disziplinierter benahmen, als in den Klischeevorstellungen rund um das „italienische Gezücht“ den Italienern normalerweise unterstellt wird. Ich möchte dies als Politik mit dem Großbuchstaben bezeichnen und von den menschlichen, absolut verständlichen Fehlern absehen. Die Medien hingegen sind das Sprachrohr und der Anführer einer kleingeschriebenen Politik. Und in diesem Bereich bemerkt man auch keine Anzeichen Reue: Die Mainstreammedien sprechen weiterhin das „Bauchgefühl“ der Menschen an. Sie gehen dauernd von dummen Schmeicheleien der „Helden“ der Intensivtherapieeinheiten (es geht aber um dieselben Leute, die noch vor drei Monaten verhöhnt wurden) auf die Hexenjagd gegen unschuldige, einsame Spaziergänger in den Wäldern und auf den erneuten Hinweis auf die deutsche Undankbarkeit los, weil es ja wir waren, die „Deutschland den Großteil der Kriegsschulden erließen“, um nur einige der Unverschämtheiten zu nennen. Aber von Unten, nochmal von der großgeschriebenen Politik, wird das Bewusstsein gestärkt, es kommt zu Zeugenaussagen, Vorschlägen, um die Chancen zu nutzen, die uns dieser Notstand bietet: von der Aufwertung der einfacheren und umweltfreundlicheren Lebensstile und den authentischen menschlichen Beziehungen ohne Stereotypen bis hier zur Infragestellung des neoliberalen Systems in all seinen durchdringenden Aspekten.

Welche Auswirkung nehmen die Reaktionen der Staaten auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche Krise?

Das ist eine wesentliche Frage. Du beziehst dich hier auf einen Scheideweg im positiven und negativen Sinne, der das Schicksal der Menschheit in den nächsten Generationen bestimmen wird. Es ist aber notwendig, diesen Scheideweg zu erkennen, damit man die eigene Richtung auswählen kann. Man muss diesen Scheideweg unabhängig vom kapitalistischen Finanzsystem wahrnehmen, das uns mit seinem Mainstream und jeglichem anderen Mittel der Überzeugung/Abschreckung (ich zitiere hier nur Hollywood) weiterhin eine Einbahnstraße vorzeigt. Ein klares Beispiel, ich würde fast sagen eine akademische Fallstudie, bietet uns in diesem Falle gerade die EU: Die Mitgliedstaaten laufen gerade alle auf einer Einbahnstraße, welche die soziale und wirtschaftliche Krise nur noch erschwert hat. Dieser Weg könnte uns direkt in den Abgrund, d.h. zu extremen Erscheinungen des wirtschaftlichen und sozialen Kannibalismus, führen. Aber es gibt ja einen Scheideweg: Um diese zu sehen, muss man sich aber darüber im Klaren sein, dass in diesem globalen Dorf die Staaten und ihre Führer, ob sie es nun wollen oder nicht, immer weniger unabhängig sind, immer mehr von wenigen Zentren der transnationalen Macht ferngesteuert werden: hunderte von Gruppen, mit einigen Tausenden Abzweigungen und Dutzende Tausende Verbindungen, insgesamt ein Krebs.

Der Scheideweg ist aber da. Es gibt eine alternative Richtung, die uns in die Lage versetzt, eine sozial, ökologisch und wirtschaftlich positive Gelegenheit zu nutzen (Ich spreche von Real- und nicht von Finanzwirtschaft und auch nicht von der Mutter jeglichen Finanzbetrugs: die krebsartige Beschaffenheit der Schuldwährung). Es ist ein Weg, der so sehr die „offizielle“ Kultur widerruft, dass man ihn mit den Mitteln der Wissenschaft und der offiziellen Kommunikation gar nicht mehr nachverfolgen kann.

Ich gehe mit ihm nur im Wald spazieren

Nutzst du deshalb die Sprache des Märchens und der Phanta-Politik, wie in deinem Buch „Il Golpe Latino“?

Na ja. Das ist wohl das einer der wenigen, wenn nicht das einzige Stilmittel, das uns noch bleibt, um uns gegen die unaufhaltsame Zensur der Macht aufzulehnen und die Neugierde des Bürgers anzuspornen, der dann unabhängige Nachforschungen betreibt und sein Bewusstsein erweitert.

Wie wird sich deiner Meinung nach das Leben nach dem Corona Virus verändern?

Das kann ich dir nicht sagen. Ich hoffe, es tritt eine Verbesserung ein. Es gibt mir Hoffnung zu sehen, dass immer mehr Menschen dieser Einbahnstraße immer überdrüssiger ist. Mir wird auch immer klarer, dass es andere mögliche Richtungen gibt, die für den Einzelnen, die kleinen und großen Gemeinschaften und sogar für die einzige große Familie der Lebewesen sicher weniger selbstzerstörerisch, sinnvoller und positiver sind.

Arzt aus Kuba

 Zeichnungen von Mauro Biani

 





Courtesy of Tlaxcala
Source: http://tlaxcala-int.org/article.asp?reference=28481&enligne=aff
Publication date of original article: 29/03/2020
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=28484

 

Tags: Coronavirus-KriseOrganisierte WeltpanikAfrikaEUESMMainstreammedienItalien
 

 
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