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EUROPE / Ratzinger & der pädophile Priester
Date of publication at Tlaxcala: 18/02/2020

Ratzinger & der pädophile Priester

CORRECTIV

 

Ein wegen Missbrauchs verurteilter Priester erzählt, dass eines Tages Kardinal Joseph Ratzinger vor seiner Tür steht. Recherchen von CORRECTIV und Frontal21 zeigen die Verbindungen des emeritierten Papstes Benedikt XVI. zu dem Priester auf. Weitere mutmaßliche Opfer, die sich während der Recherchen meldeten, zeigen, dass die katholische Kirche sexuellen Missbrauch in den eigenen Reihen nicht genügend verfolgt.

 

Die Kapelle in Simetsbichl ist ein weiß getünchtes Gebäude mit Spitzdach. Sie liegt hinter dem Ortsrand des bayerischen Ortes Garching. Im Innern reihen sich Bänke, am Kopfende steht Maria im Strahlenkranz vor einem Altar mit Kerzen, Blumen und Bittbüchern. Darin haben Besucher geschrieben, was sie bewegt: Bitten um Heilung, Hilfe bei einer Schwangerschaft oder einem Jobwechsel. Und dann steht in einem goldenen Schreibblock in krakeliger Kinderhandschrift der Satz:

 

Das Bittbuch in der Kapelle Simetsbichl © Ivo Mayr/CORRECTIV

Es gibt kein Datum über dem Eintrag. Wann der Junge seine Bitte an die Gottesmutter schrieb, lässt sich nicht sagen. Bis in die 1990er Jahre reichen die Bitten in den Büchern zurück. Doch man kann seine Bitten auch hinten in ein noch leeres Buch schreiben. Vielleicht hat der Junge es hinter leeren Seiten verstecken wollen und die anderen Fürbitten haben Stefans Satz im Laufe der Zeit eingeholt.

Heute weist die Bitte auf eine Zeit hin, als einer der bekanntesten Missbrauchstäter der katholischen Kirche in Deutschland die Gemeinde im bayerischen Garching führte. Nicht weit von der Kapelle mit dem Bittbuch entfernt, etwa eine halbe Stunde zu Fuß, kommt man zur Kirche St. Nikolaus in Garching. Im dortigen Pfarrhaus wohnte der Priester Peter H. bis 2008. Über Jahrzehnte hat er minderjährige Jungen missbraucht und wurde von der Kirche von Gemeinde zu Gemeinde geschickt. In Garching und Engelsberg, in Essen und – wie neue Recherchen von CORRECTIV und Frontal21 zeigen – auch weitere Kinder in Bottrop.

»Tolle Buben«

Der Fall Peter H. steht als Symbol für Vertuschungsversuche der Kirche. Für das Schützen von Missbrauchstätern. Und für das Schweigen bis in die höchsten Ränge der katholischen Kirche. Bis hinauf zum emeritierten Papst Benedikt XVI.

Bereits die New York Times hatte in früheren Recherchen einen Zusammenhang zwischen dem damals amtierenden Papst und H. hergestellt. Ein Brief an den einflussreichen Kardinal Reinhard Marx von 2012, der CORRECTIV in Abschrift vorliegt, zeigt jedoch, dass der Fall auch die Kirchenmänner nicht kalt ließ. Die Bischöfe waren besorgt über die Verbindung zwischen Benedikt XVI. und dem pädophilen Priester.

CORRECTIV und Frontal21 haben den Fall in den vergangenen Monaten erneut recherchiert, Zeugen befragt und Dokumente ausgewertet. Dabei zeigt sich, dass die Zahl der Missbrauchsopfer offenbar wesentlich höher liegen könnte, als bekannt und als in den Kirchenakten festgehalten wird. Es zeigt vor allem, dass die Verbindungen zwischen dem Missbrauchstäter H. und Kardinal Ratzinger, dem späteren Papst, größer waren, als die Kirche und ihre Repräsentanten es bis heute wahrhaben wollen. Ein enger Vertrauter Ratzingers hat jahrelang mit dem Priester zusammen eine Gemeinde betreut, ohne zu verhindern, dass dieser sich mit Messdienern umgab, obwohl er – wie die Kirchenleitung – von dessen Gefährlichkeit wusste. Vor allem lässt sich nun erstmals ein persönliches Treffen zwischen H. und Kardinal Ratzinger nachweisen.

Von dem Fenster der Wohnung, in der Peter H. heute wohnt, kann man auf einen Kinderspielplatz schauen. In dem mehrstöckigen Haus in München wohnen auch Familien mit Kindern. Mehrmals haben CORRECTIV und Frontal21 versucht, mit H. zu sprechen. Ihn zu den Geschehnissen zu befragen. Ihm die Möglichkeit zu geben, zu neuen Erkenntnissen Stellung zu beziehen. Doch alle Briefe, die in H.s Briefkasten seit November 2019 eingeworfen wurden, blieben unbeantwortet. Bis heute will sich H. zu den neuen Anschuldigungen nicht äußern.

Akten, die CORRECTIV und Frontal21 vorliegen, lassen jedoch erahnen, wie H. seine Taten selbst sieht. H. wurde über mehrere Jahre an verschiedenen Orten sexueller Missbrauch vorgeworfen. Zu den Vorwürfen befragt, gab der damals in einer internen kirchlichen Befragung er auf der einen Seite zu, dass er ein „pädophiler Priester“ sei und die „ganze Welt“ dies wisse. Aber dann relativiert er. Er sei nie gewalttätig geworden, nie hätte er die Jungen penetriert oder habe sich oral befriedigen lassen. Nur eine Ausnahme habe es gegeben. Fälle, die nicht mehr zu leugnen sind, spielt er herunter. Viele Fälle seien ihm angehängt worden. Außerdem sei der Zeitgeist schuld gewesen. Der Umgang mit Sexualität wäre lockerer gewesen. Die Jugendlichen hätten so offen über Sex geredet und waren doch „tolle Buben“, rechtfertigt er sich laut Unterlagen des Bistums Essen. Er sei verführt worden.

Der offene Umgang der Jugendlichen mit Sexualität habe ihn erst auf die Idee gebracht. Seine Zeit als Pfarrer solle nicht auf die Missbrauchstaten reduziert werden. Er habe viel Gutes getan. Und die Kirche habe ihn ja immer wieder eingesetzt, obwohl sie von seinen Neigungen wusste, ihn geschützt und Verständnis entgegengebracht und eben nicht bestraft, denn damals hätte man das ja noch anders bewertet. Und er könne nun nicht plötzlich von der Kirche bestraft werden für Taten, die längst verjährt sind, nur weil sich die heutige Sicht auf die Dinge geändert habe. CORRECTIV hat H. mehrere Briefe geschrieben, ihn zum Gespräch eingeladen. Aber H. hat bis heute nicht darauf reagiert.

Der »Menschenfänger«

Schon bald nachdem H. 1987 seinen Pfarrdienst in Garching an der Alz antritt, ist er in der Gemeinde beliebt. Der Priester ist für Garching und Engelsberg zuständig, ein bayerisches Bilderbuchdorf um eine Kirche mit Zwiebelturm wenige Kilometer von Garching entfernt.  H. gilt als energisch.

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Verschwiegen und vertuscht

Die Kirche und der Missbrauch
von Marcus Bensmann (CORRECTIV), Michael Haselrieder und Anne Herzlieb

Mehr zu den Enthüllungen heute Abend in der ZDF-Sendung Frontal 21 um 21 Uhr und in der ZDF-Mediathek.  Video verfügbar gegen 22.30 Uhr
Hier klicken

 





Courtesy of CORRECTIV
Source: https://correctiv.org/top-stories/2020/02/18/ratzinger-und-der-paedophile-priester/
Publication date of original article: 18/02/2020
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=28122

 

Tags: PädokriminalitätKatholische KircheRatzingerDeutschland, bleiche MutterCORRECTIV
 

 
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