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IMAGE AND SOUND / Die Klärung der Identität
Niklas Frank: „Wir Deutschen müssen das doch wissen, was hinter dem Wort „Jagen“ eigentlich steckt“
Date of publication at Tlaxcala: 14/10/2019
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Die Klärung der Identität
Niklas Frank: „Wir Deutschen müssen das doch wissen, was hinter dem Wort „Jagen“ eigentlich steckt“

Das Erste

Edited by  Hamid Beheschti حميد بهشتي

 

Am 10. Oktober 2019 wurde auf die Synagoge der Stadt Halle ein Anschlag verübt, wobei dem Attentäter wegen der Standfestigkeit der Tür das Eindringen ins Gebäude nicht gelungen ist. Dann sah er sich gezwungen, seine Absicht mit der Tötung einer Passantin und des Verkäufers einer Imbissbude irgendwie Geltung zu verschaffen. Schließlich wurde er auf der Flucht von Sicherheitskräften überwältigt und festgenommen. Der Anschlag wurde am Jom Kippur verübt, gefilmt und gleichzeitig ins Netz gestellt. Die Aufnahme wurde dann entfernt und ist für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich.

Nach diesem Ereignis folgte eine Welle der Trauerbekundungen und des Entsetzens von Politikern und einer breiten Öffentlichkeit. Die öffentliche Empörung ist besonders deswegen so groß, weil der Attentäter laut offiziellen Informationen ein junger Mann mit extrem nationalistischen Ideen ist und unter dem Einfluss ebensolcher Propaganda steht. Nach dem Attentat wurde ein Interview mit Niklas Frank, dem Sohn eines führenden Nationalsozialisten und Massenmörders, Hans Frank, Generalgouverneur im besetzten Polen, im Oktober 1946 in Nûrnberg hingerichtet, bei Panorama im 1. Programm gesendet.  

Niklas Frank hat seinem Vater wegen dessen führenden Rolle am Massenmord an Hunderttausender Juden den Rücken gekehrt und sich von den menschenfeindlichen Ideen der “Säuberung Deutschlands von Rassenverunreinigung“ abgewandt. Zugleich liebt er nach seiner eigenen Bekundung seine Heimat und findet Deutschland sehr schön.

Er wendet sich einerseits von seiner familiären Identität und andererseits von seiner nationalistischen Erziehung ab. Er redet klar und wirkt intelligent. Er hat es geschafft, mit der verabscheuungswürdigen nationalistischen Vergangenheit seiner Familie abzurechnen, sodass er aufrichtig, ruhig und gelassen weiterleben kann.

Die Klärung seiner Identität weist auf seine Überzeugung hin, dass niemand die Last anderer tragen muss und ist das Ergebnis des bewussten Umgangs mit seiner Identität. Er zeigt uns, einen Weg auf, reflektiert mit negativen Vorbildern umzugehen. Man sollte seinem Beispiel folgen.-HB

 

Abschrift

Fast wie damals? Sohn eines NS-Verbrechers über die AfD

Anmoderation

Anja Reschke:

Nach dem grauenvollen Anschlag gestern in Halle bekundeten viele Politiker ihr Beileid. Das ist wichtig. Irritierend allerdings waren dabei die Erschütterungsbekundungen einiger AfD Politiker. So twitterte der thüringische Spitzenkandidat Björn Höcke gleich am Nachmittag: "Was sind das nur für Menschen, die anderen Menschen so etwas antun?!"

Und man fragt sich erstaunt, meint er das ernst? Nun, das sind Nazis. Die Nachfolger derjenigen, die Millionen von Juden kaltblütig ermordet haben. Zu deren Gedenken in Berlin das Holocaust-Mahnmal errichtet wurde. Genau das Mahnmal, das Björn Höcke „Denkmal der Schande“ genannt hatte und eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad gefordert hatte. Bloß nicht mehr erinnert werden wollte an Leute, die sowas machen.

Es gibt einen Mann, der sich sein ganzes Leben lang sehr intensiv damit beschäftigt hat, was das für Menschen sind, die so etwas machen. Andere umbringen, wegen ihrer Religion, weil sie sie für minderwertig halten. Niklas Frank hat mehr Einblicke als die allermeisten von uns, denn er ist der Sohn von so einem, der so etwas vor fast 80 Jahren gemacht hat. Der Sohn eines führenden Nationalsozialisten, eines Massenmörders. Er hat sich hineingearbeitet in die Gedankengänge seines Vaters. Viele Jahre lang war er ein gefragter Experte, jemand der so nah dran war - ein Zeitzeuge. Dann wurde es still um ihn, er ist lange in Rente. Jetzt hat er sich wieder zu Wort gemeldet. Robert Bongen und Pia Lenz haben ihn getroffen und sich angehört, was er zu sagen hat.

O-Ton

Niklas Frank, Sohn von Hans Frank:

„Mein Vater war als Stellvertreter Hitlers vor allem Generalgouverneur im besetzten Polen. Belzec, Treblinka, Sobibór, war alles sein Bereich. Und Zitate gibt’s ja genug. „Wir müssen die Juden vernichten, wo immer wir sie finden“. Und ganz entsetzliche Sachen für einen gebildeten Menschen. Er war ohne jede Gnade! Ohne jede Gnade. Mein Vater wurde dann nach dem Krieg von den Amerikanern am 4. Mai 1945 verhaftet und im November in Nürnberg im Hauptkriegsverbrecherprozess gegen die Top-Nazis angeklagt.“

O-Ton Wochenschau, Nürnberg 1946:

„Hans Frank führte als Generalgouverneur von Polen die Deportation von Sklavenarbeitern nach Deutschland ein. Die drei Millionen Juden des Generalgouvernements wurden systematisch und brutal ausgerottet. Frank wurde zum Tode durch den Strang verurteilt.“

O-Ton

Niklas Frank, Sohn von Hans Frank:

„Ich schau ihn mir schon hin und wieder an… Und denke mir, dass die ähnliche Unmenschlichkeit, die mein Vater in vielen Sätzen geäußert hat, jetzt wieder in Worte geformt und zu Sätzen geformt wird, dass wir laut äußern, dass halt andere Menschen eventuell sterben müssen, damit unser Volksgefühl richtig bleibt, dass unser Deutschsein richtig bleibt, dass wir Leute verjagen müssen, weil die am Ende am deutschen Volkskörper wie böse Würmer saugen. All das ist genau, wie es damals war.“

Originalton Hans Frank: „Diese krummnasigen Raubpiraten. Dieses verdammte Gesindel, das hat doch der Führer hinausgefegt aus Deutschland mit einem ungeheureren eisernen Besen.“

O-Ton

 

Markus Frohnmaier, AfD-Bundestagsabgeordneter (Quelle: AFD Live, 28.10.2015):

„Ich sage diesen linken Gesinnungsterroristen, diesem Parteienfilz, ganz klar: wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet.“

O-Ton

Alice Weidel, AfD-Fraktionsvorsitzende:

„Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat nicht sichern.“

O-Ton

Alexander Gauland, AfD-Parteivorsitzender (24.09.2017):

„Wir werden sie jagen, wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen.“

O-Töne

Niklas Frank, Sohn von Hans Frank: „Wir Deutschen müssen das doch wissen, was hinter dem Wort „Jagen“ eigentlich steckt. Weil, wir haben es ja durchgeführt, nicht? Gejagt wurden ja auch die Juden durch die Städte, durch die Orte. Das kennt der ja. Muss er ja auch als Filme gesehen haben, als Fotos. Und sagt so was! Das ist einfach...“

Panorama: „Aber ist der Vergleich zulässig?“

Niklas Frank, Sohn von Hans Frank: „Natürlich ist er zulässig. Für mich total. Für mich ist das genau der ähnliche Strang. Mein Vater hat auch nicht 1918 schon oder als er Hitler zum ersten Mal sah, hat er auch noch nicht gesagt „Wir müssen alle vernichten“. Das kommt peu à peu. Werden die Grenzen verschoben.“

O-Ton

Alexander Gauland, AfD-Parteivorsitzender (Quelle: ZDF, 27.08.2017):

„Eine spezifisch deutsche Kultur ist jenseits der Sprache schlich nicht identifizierbar. Das sagt eine Deutsch-Türkin. Ladet sie mal ins Eichsfeld ein und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her und wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können.“

O-Ton

Niklas Frank, Sohn von Hans Frank:

„Entsorgen ist ein solcher Begriff, der immer – und das müsste er auch wissen, und ist auch jedem Deutschen klar: entsorgen hat immer den Beiklang von ermorden bei uns. Das haben die Jungs wie mein Vater geschafft in den 12 Jahren. Entsorgen heißt immer ermorden. Und da wird eben schon, durch solche Sätze wird eben schon die Mordlust, die immer noch bei uns da ist, angestachelt, vorbereitet, aufgeweckt aus dem Schlummer. Aus dem Poesiealbum meines Vaters, das ist sein Diensttagebuch. Kaum war er Generalgouverneur hat er 2 Stenographen eingestellt. „Wir sind uns klar, dass dieser Mischmasch asiatischer Abkömmlinge am besten wieder nach Asien zurück latschen soll, wo er hergekommen ist. Protokollvermerk: Heiterkeit. Sie müssen weg. Das ist es doch. Das ist alles...als ob die Jungs von der AfD auch das Diensttagebuch meines Vaters hätten. Ich würde sagen, sowohl meinem Vater war es bewusst, dass er nicht menschlich agiert und genauso ist es auch den AfD-Menschen bewusst, dass sie unmenschlich agieren. Und eigentlich eine Unmenschlichkeit als Regierungsform zum Ziel haben. Ja, es gibt ja diese Szene, dass er nach einer Party mit viel Frauen und dem italienischen Journalisten und Autor… durch Krakau spazieren und an einem Gitter, an einem Loch ein deutscher SS-Mann steht und dann fragt mein Vater ihn: „Was machen Sie denn da?“ „Da kommen immer Kinder durch, die flüchten wollen oder betteln wollen um Nahrungsmittel.“ Und da lässt sich mein Vater das Gewehr geben, um selber so ein Kind zu erschießen. Das ist genau dieselbe Situation wie bei Beatrix Storch. Das ist für mich fokussiert die gesamte AfD-Ideologie ist für mich fokussiert und zusammengebacken zu diesem winzigenWörtchen „Ja“, man kann auch auf Kinder schießen. Was mich vor allem furchtbar aufregt, dass man, wenn man mit irgendwelchen AfDlern reden würde und ihnen diese Zitate zeigen würde, sagen: ja, das hat er nicht so gemeint. Aber, dass so ein Mensch, der so etwas sagt wie die Beatrix  Storch oder auch der Gauland überhaupt noch in der Partei sind oder dass man da nicht selber austritt, weil die nicht rausgeworfen werden, das zeigt, dass sie alle eines Geistes sind.

O-Ton

Björn Höcke, AfD-Fraktionsvorsitzender Thüringen (Quelle: AfD-Landtags-TV, 23. September 2015): „Thüringer! Deutsch! 3000 Jahre Europa. 1000 Jahre Deutschland. Ich gebe euch nicht her. Und ich weiß, ihr gebt sie auch nicht her!“

O-Ton

Alexander Gauland, Parteivorsitzender AfD (Quelle: AfD Kompakt TV, 2.9.2017):

„Man muss uns diese zwölf Jahre jetzt nicht mehr vorhalten. Sie betreffen unsere Identität heute nicht mehr. Und das sprechen wir auch aus. Und deshalb, liebe Freunde, haben wir auch das Recht, uns nicht nur unser Land, sondern auch unsere Vergangenheit zurückzuholen.“

O--Ton

Niklas Frank, Sohn von Hans Frank:

„Wer Deutschland wirklich liebt – und ich liebe Deutschland, ich finde Deutschland unglaublich schön. Wer Deutschland wirklich liebt, hat zuallererst den Schmerz über die 12 Jahre in sich. Und muss sehen, dass die 12 Jahre einfach nicht untergegangen sind, sondern, dass dieses Gift, das damals aktiv verbreitet wurde und in Mord und Todschlag geendet hat, weitergegeben wird.

Ich sehe halt auch, dass er wieder viel lebendiger ist, als es so ausschaut. Mein Vater - wenn er jetzt aus der Hölle das Treiben der AfD sieht, dann nickt er mir natürlich triumphierend zu. Weil zumindest erleben die die Anfänge, die er gerne noch viel stärker sehen würde in der AfD. Und die immer mehr auf ihn zurückkommen und zurücklaufen und ihn und seine Ideen wieder ganz lebendig machen.

Bericht: Pia Lenz, Robert Bongen

Kamera: Pia Lenz, Henning Wirtz

Schnitt: Tom Lehnhardt





Courtesy of Das Erste/Tlaxcala
Source: https://bit.ly/2MGSoka
Publication date of original article: 10/10/2019
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=27207

 

Tags: NazisIdentitätNationalismusNiklas FrankDeutschland, bleiche MutterHans FrankAfDHalle-Anschlag
 

 
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