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 13/08/2020 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 ASIA & OCEANIA 
ASIA & OCEANIA / Ernährungssicherung, wenn man auf Frauen hört: Eine Story aus Kerala
Date of publication at Tlaxcala: 06/11/2010
Original: Food security as if women mattered: A story from Kerala

Ernährungssicherung, wenn man auf Frauen hört: Eine Story aus Kerala

Ananya Mukherjee-Reed

Translated by  Einar Schlereth

 

Kerala, gefeiert als Gottes eigenes Land, verdankt seine hohen Entwicklungs-Indizes den Frauen. Durch ihre Organisation Kudumbashree (for more information see here) haben diese Frauen nicht nur die örtliche landwirtschaftliche Ökonomie verjüngt, sondern auch eine soziale Veränderung geschaffen im Sinne der Frauen. Ananya Mukherjee-Reed erforscht auf ihren Reisen quer durch das Land die unglaublich vielen Errungenschaften.

Kudumbashree Aktivitäten

Kerala ist ein Staat mit nahezu 32 Millionen Einwohnern im Süden Indiens und ist bekannt für seine Erfolge menschlicher Entwicklung. Allen größeren menschlichen Entwicklungs-Indizes zufolge stand Kerala ständig an erster Stelle im Vergleich mit sowohl anderen indischen Staaten als auch anderen Entwicklungsländern. Was an diesen Erfolgen am bemerkenswertesten ist, sind jedoch die sozialen Prozesse, vermittels derer sie zustande-gekommen sind. Eine Geschichte von Mobilisierungen von oben und unten und wechselseitiges Zusammenwirken von 'Staat' und 'bürgerlicher Gesellschaft' haben zu einer Kultur kollektiven sozialen Esperimentierens geführt, was ziemlich einzigartig ist, obwohl offensichtlich nicht frei von Komplexität oder Widersprüchen.

 Gemeinsame Aktivitäten

Ein Aspekt dieser Dynamik ist die Rolle der Frauen. Zwar haben Keralas Frauen historisch ein bemerkenswert höheres Niveau an Bildung, Gesundheit, Mutterschaftspflege usw. gehabt, doch hatte sich ihre soziale Position oder Teilhabe am öffentlichen Leben nicht entsprechend verbessert. Doch genau dies befindet sich in einer dramatischen Veränderung. Tatsächlich kann, bis Sie diesen Text zu Ende gelesen haben, bereits ein neues Kapitel in Keralas Sozialgeschichte begonnen haben.

Erstmals sind 50% aller Sitze bei Keralas örtlichen Wahlen für Frauen reserviert und 40 000 Frauen werden sich um politische Ämter bewerben. 11 600 davon gehören Kudumbashree an, ein Netzwerk von Frauengruppen in Kerala mit 3.7 Millionen Mitgliedern. Kudumbashree ist auch das größte Anti-Armuts-Programm der Kerala-Regierung.

Im April 2010 begann ich durch Kerala zu reisen, um dieses Experiment direkt zu beobachten. So weit ich sehen konnte, ist Kudumbashree vor allem ein sozialer Raum, in dem Frauen – die doppelt und dreifach marginalisierten – aktiv die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Kommunen bestimmen können und ihre kollektiven Forderungen dem Staat und den öffentlichen Institutionen vortragen können.

Kudumbashree hat viele unterschiedliche Aktivitäten, aber ich beobachtete vor allem eine und zwar die innovative Herangehensweise zur Lösung der Krise der Ernährungsicherheit.

Etwa 250 000 Frauen von Kudumbashree aus ganz Kerala haben sich zusammengetan, um Landwirtschaftskollektive zu bilden, die gemeinsam Land pachten, es bebauen, die Erträge zur Deckung ihrer Bedürfnisse nutzen und den Überschuss auf den örtlichen Märkten verkaufen. Gegenwärtig bebauen diese Kollektive ca. 25 000 ha an, verteilt über 14 Distrikte in Kerala. Die Idee ist, den Anteil der Frauen in der Landwirtschaft zu vergrößern, und insbesondere sicherzustellen, dass die Frauen als Produzenten Kontrolle über ihre Produktion, Verteilung und den Nahrungskonsum haben.

Vermarktung ihrer Produkte

Diese Strategie, die Frauen in die Landwirtschaft einzubinden, kommt zu einem kritischen Zeitpunkt in Kerala. Wie im größten Teil der Welt sind enorme Mengen von Keralas Ackerland in die Entwicklung von Wohnungsbau und Handel geflossen. Gleichzeitig haben die sinkenden Preise für Landwirtschaftsprodukte und die steigenden Löhne die Landwirtschaft zu einem Verlust-Geschäft gemacht – was zum stetigen Niedergang der Nahrungsmittelproduktion im Staat Kerala geführt hat. In diesem Zusammenhang hat Kerala seine Strategie für Ernährungssicherheit entwickelt. Anders als beim üblichen Herangehen an dieses Problem geht man statt über die Frage der Nahrungsverteilung an das Problem der Produktion. In der Tat haben globale Bewegungen wie die Via Campesina zu erklären versucht, dass es keine Ernährungssicherheit geben kann, wenn die Produktion von Nahrung nicht verbessert und die eigentlichen Produzenten keine Kontrolle über die Nahrungswirtschaft bekommen.

Als ich durch Kerala reiste, schien es mir, als ob die Kudumbashree-Bäuerinnen die Schlüsselfiguren sind beim Versuch, die Agrarwirtschaft zu verjüngen. Sie bringen durch ihre kollektive Organisation Ackerland zurück in die Produktion. Langsam aber sicher werden die Verbindungen zwischen örtlichem Lebensunterhalt, örtlichen Märkten und örtlichem Konsum wiederbelebt. Bei meinen Reisen war meine Absicht nicht so sehr, Kudumbashree zu 'bewerten', als vielmehr zu verstehen, was die Experimente konkret für die Protagonisten bedeuten.

Für die meisten der 250 Frauen, die ich bisher getroffen, ist Landwirtschaft nichts Neues. Aber für einige ist es das erste Mal, dass sie für ihren Unterhalt arbeiten müssen. Für andere ist es ein wichtiger Übergang aus ihrer Rolle als landwirtschaftliche Arbeiterin. „Früher waren wir einfach Arbeiter. Jetzt sind wir die Hoffnung“, sagte Savitri, eine landlose Dalit-Frau (Dalit = Unberührbare) im Distrikt Palakkad. Die 'Hoffnung', von der sie spricht, entspringt ihrer neuen Rolle als 'Produzentin' und Bäuerin. Nun arbeitet sie für sich und ihre Gruppe auf dem Land, das sie kollektiv gepachtet haben. „Als Arbeiter wußte ich, dass es nur die Arbeit, nur schwere Schufterei gab und am Ende hatte man nichts davon“, sagt sie. Im Distrikt Idukki traf ich mehrere Frauen, die ihre Arbeit als Lohnarbeiterinnen aufgegeben haben, um Bäuerinnen zu werden. Es gibt viel Enthusiasmus für die Ausweitung ihrer Aktivitäten, aber das Land ist knapp.

Palakkad hat mit die niedrigsten Löhne für landwirtschaftliche Arbeit in Kerala und für Frauen noch niedriger (45-65 Rs. Täglich. 50 Rs. sind Euro 0.8). Im Vergleich verdienen die Frauen jetzt 125 Rs. täglich, wie es durch das National Rural Employment Guarantee Scheme (NREGS – Festlegung des Minimallohnes) der indischen Regierung vorgeschrieben ist. Der Arbeitstag wurde auch neu ausgehandelt, um die heißesten Mittagsstunden zu vermeiden.

„Als Bauern können wir jetzt unsere Arbeitszeit, unsere Betriebsmittel und Arbeit kontrollieren“, war der Refrain, den ich wieder und wieder hörte. Dhanalakhsmi, eine junge Frau in Elappully, sagt mir, dass ihr Wechsel von einer Arbeiterin in eine Produzentin einen tiefen Eindruck auf ihre Kinder gemacht habe. „Sie sehen mich jetzt ganz anders. Auf unseren Zusammenkünften, wo wir unsere Höfe, unser Einkommen diskutieren oder einfach unsere Probleme austauschen, schauen sie mit großem Interesse zu.“

Kudumbashrees Bauernkollektive haben einige erstaunliche Ergebnisse erzielt. In Perambra im Distrikt Koshikode zum Beispiel haben die Frauen und die örtliche Gemeinde zusammen gearbeitet, um 140 Acres (56 ha) in Ackerland umzuwandeln, das 26 Jahre lang brach lag. Jetzt ist es üppig grün, mit Reis, Gemüse undCassava bewachsen; Zugvögel, die verschwunden waren, sind jetzt zurückgekehrt.

26 Jahre lang war der Hauptkanal, der durch Perambra fließt, verschlammt. Die erste Herausforderung für die Gemeinde bestand darin, ihn wieder zum Leben zu erwecken. „Als wir mit dem Kanal arbeiten, wurden wir von Schlangen gebissen, bekamen ernste Verletzungen von zerbrochenem Glas und Spritzen. Viele von uns mußten ins Hospital. Aber wir gaben nicht auf“, sagt eine Frau. Die ganze Gemeinde wurde mobilisiert und machte mit. Zwei Männer, Abdullah und Narayanan, sagen mir, dass sie meinten, die Gemeinde habe sich verändert, seit mehr und mehr Frauen mit produktiver Arbeit begonnen haben.

Das Anbauexperiment zeugt auch vom Potential des NREGS. Viele kritisieren es als bloß zeitweiliges Arbeitsbeschaffungsprogramm, das auf lange Sicht nicht effizient ist. Um brachliegendes Land urbar zu machen, verwendet Kudumbashree Gelder der NREGS, die dafür vorgesehen sind. In Perambra haben 1037 Frauen 14 518 Tage gearbeitet mit dem Ergebnis, dass über zwei Millionen Rupien in die Haushalte von Kudumbashree geflossen sind. Dazu kommen Gelder von verschiedenen Ämtern und Bankdarlehen zu minimalen Zinsen.

Aber das höhere Einkommen ist nur ein Teil des Gesamtbildes. Die Frauen lenken meine Aufmerksamkeit auf andere Veränderungen, die sie in Gang gebracht haben. Erstens sind die Frauen außerordentlich stolz, dass ihre Produktion organisch ist. Mehrere Kudumbashree-Gruppen produzieren ihren eigenen organischen Dünger und praktizieren kluge Wasseranwendung, da Wasser in Kerala Mangelware ist. In Payyoli sagte mir eine Kudumbashree-Gruppe, dass es ihr 'Traum' sei, eine vollständige Reihe organischer Produkte zu entwickeln, angefangen beim Futter bis zum Dünger ud bis zu einer Reihe organischer Milchprodukte. Und es ist erst ein Jahr her, dass sie mit Landwirtschaft begonnen haben. „Mit ein wenig Unterstützung und Mitteln gibt es kein Ende für das, was wir tun können.“

Zweitens, und in gewisser Weise am wichtigsten, sind die Aussichten, die sich für ihre soziale Einbindung eröffnet haben. Viele Kudumbashree-Bäuerinnen, die vorher Arbeiter waren, sind auch Dalits, und sind daher besonders glücklich, einem Kollektiv von Frauen aus anderen Kasten anzugehören. Das bedeutet viel für Gemeinden, die von der Kasten-Ungerechtigkeit gequält sind.

Der Schmerz dieser Ungerechtigkeit sitzt tief im örtlichen Bewußtsein. Ich hörte dies deutlich in der Stimme von Arun, einem 12-jährigen Dalit-Jungen, der sehr schüchtern ein Lied für mich sang, worauf die anderen bestanden hatten. Als er sang und die Arbeiterinnen von den nahen Feldern herbeikamen, um ihm zuzuhören trotz der brütenden Nachmittagshitze von 43° C, verschwand seine Schüchternheit allmählich, seine Stimme wurde lauter und seine Augen leuchteten so strahlend, wie ich es selten gesehen habe. Das Lied lautete: Die höheren Kasten können nicht unsere Berührung ertragen, aber es bekümmert sie nicht, die Früchte unserer Arbeit zu genießen.

Für jene, die diese Demütigung erlebt haben, bedeutet es viel zu sehen, wie die ganze Gemeinde zusammen arbeitet, um in Perambras brachliegende Felder Leben einzuhauchen. Wo immer ich hinkam, gaben die Kudumbashree Frauen ihrem Widerstand gegen das Kastensystem Ausdruck. Pushpa, eine sehr dynamische Kudumbashree-Leiterin, sagte mir, dass es ihr Traum sei, „das Ende des Kastensystems zu erleben“.
Tatsächlich sind Hunger, Armut oder Ernährungs-Unsicherheit keine isolierten Probleme, die von Technokraten gelöst werden können, so 'qualifiziert' sie auch sein mögen. Denn sie berühren die gesamte soziale Realität der Gemeinden; und wie oft gibt es Lösungen, die vielleicht funktionieren könnten, aber ohne die Macht, sie in die Praxis umzusetzen. Wie die Kudumbashree-Erfahrung deutlich zeigt, kann es keine Nahrungssicherheit, insbesondere eine sozial einschließende Nahrungssicherheit, geben ohne eine wirkliche Stärkung der Nahrungsmittelproduzenten und der Nahrung produzierenden Gemeinden.





Courtesy of Ananya Mukherjee-Reed
Source: http://southasia.oneworld.net/weekend/food-security-as-if-women-mattered-a-story-from-kerala
Publication date of original article: 24/10/2010
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=2301

 

Tags: AsienIndienKeralaKudumbashree50% Quote für Frauen bei WahlenErnährungssicherheit
 

 
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