TLAXCALA تلاكسكالا Τλαξκάλα Тлакскала la red internacional de traductores por la diversidad lingüística le réseau international des traducteurs pour la diversité linguistique the international network of translators for linguistic diversity الشبكة العالمية للمترجمين من اجل التنويع اللغوي das internationale Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt a rede internacional de tradutores pela diversidade linguística la rete internazionale di traduttori per la diversità linguistica la xarxa internacional dels traductors per a la diversitat lingüística översättarnas internationella nätverk för språklig mångfald شبکه بین المللی مترجمین خواهان حفظ تنوع گویش το διεθνής δίκτυο των μεταφραστών για τη γλωσσική ποικιλία международная сеть переводчиков языкового разнообразия Aẓeḍḍa n yemsuqqlen i lmend n uṭṭuqqet n yilsawen dilsel çeşitlilik için uluslararası çevirmen ağı la internacia reto de tradukistoj por la lingva diverso

 15/12/2017 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 LAND OF PALESTINE 
LAND OF PALESTINE / Dystopie* im Gazastreifen
Date of publication at Tlaxcala: 04/12/2017
Original: Dystopia* in the Gaza Strip
Translations available: Italiano  Español 

Dystopie* im Gazastreifen

Gideon Levy جدعون ليفي גדעון לוי

Translated by  Karin Nebauer

 

Kinder in Gaza leben in einer Hölle: ein Psychologe spricht über um sich greifenden sexuellen Mißbrauch, über Drogen und Verzweiflung.

Das Interview mit dem israelischen Psychologen Mohammed Mansour ist eines der schockierendsten, erschreckendsten und erschütternsten Dokumente, die in Haaretz in letzter Zeit veröffentlicht wurden. Wäre Israel eine moralische Gesellschaft und nicht eine nationalistische und gehirngewaschene, würden ihre Fundamente wackeln. Es hätte Tagesgespräch sein müssen, ein Tagessturm. Gerade eine Stunde (von Israel) entfernt gibt es eine humanitäre Katastrophe, ein Horror, für den Israel die Hauptschuld trägt – und Israel ist mit den angeblichen sexuellen Übergriffen von TV-Chef Alex Gilady beschäftigt.

Mansour kam von einem Besuch im Gazastreifen mit den Ärzten für Menschenrechte-Israel zurück. Er ist Experte in Traumatherapie - und niemand kann von seinen Beobachtungen während seiner zwei letzten Besuche unberührt bleiben. Rechte oder Linke, es spielt keine Rolle, jeder Mensch mit einem Fünkchen Menschlichkeit muss schockiert sein.

Mohammed Abed/Getty Images

Mehr als ein Drittel der Kinder, die er im Dschabaliya -Flüchtlingslager getroffen hat,  haben berichtet, sexuell missbraucht worden zu sein. Ihre Eltern, im Kampf ums Überleben gefangen und selbst unter Depressionen leidend, sind nicht in der Lage sie zu schützen. In Gaza ist es nicht möglich die Kinder und ihre Eltern von den Quellen des Traumas wegzubringen, denn das Trauma hat kein Ende und wird keines haben; Erwachsene und Kinder leben in einer schrecklichen Qual. Niemand in Gaza ist psychisch gesund. Chaos, das ist das richtige Wort.

Mansour beschreibt eine Dystopie*, eine zerfallende Gesellschaft. Verwüstung. Die Menschen in Gaza beweisen ein erstaunliches Durchhaltevermögen, Zusammenhalt und Solidarität in ihren Familien, Dörfern, Wohnvierteln und Flüchtlingslagern - nach all den Plagen, die sie erlitten haben: Flüchtlinge, Kinder von Flüchtlingen, Enkel von Flüchtlingen, Urenkel von Flüchtlingen, sie fallen auseinander.

Mansour beschrieb einen äußersten Kampf ums nackte Überleben, mit der Abhängigkeit von Schmerzmitteln als letzter Zuflucht. Nichts, was wir von Gaza kannten, ist übrig geblieben, Nichts erinnert uns an das Gaza, das wir liebten. „Es wird schwierig sein, Gazas Menschlichkeit wieder herzustellen. Gaza ist Hölle“, sagt Mansour.

Die Schilderungen von Mansour, so brutal sie sind, sollten niemanden überraschen. Alles ist nach Buch durchgeführt worden, nach dem größten Buch der Experimente an Menschen. Das ist die einzig mögliche Konsequenz aus der Gefangennahme von zwei Millionen Menschen in einem riesigen Käfig für über zehn Jahre, ohne irgendeinen Ausweg und ohne irgendeine Hoffnung. 

Die Blockade des Gazastreifens ist das größte Kriegsverbrechen, das Israel jemals begangen hat. Das ist die zweite Nakba, noch grauenvoller als ihr Vorgänger. Dieses Mal kann sich Israel nicht mit Krieg und fliehenden Arabern ausreden. Nicht einmal die maßlosen Sicherheitsausreden können noch irgendjemanden überzeugen, außer den Israelis, die gegen Gaza aufgehetzt sind.  Einzig sie haben kein moralisches Problem mit einem Menschenkäfig an ihrer Grenze. Einzig sie haben tausend Ausreden und Schuldzuweisungen gegen die ganze Welt, darunter falsche wie die Behauptung Hamas sei durch Gewaltanwendung an die Macht gekommen; oder dass die Qassam-Raketen nach dem Rückzug Israels aus dem Gazastreifen 2005 angefangen hätten – um damit das ohnehin immer ruhige Gewissen zum Schweigen zu bringen – und schließlich sind das ja Araber.

Wir sprechen über Gaza. Wir sprechen über menschliche Wesen. Zehntausende Kinder und Babys ohne Gegenwart und ohne Zukunft. Menschliche Opfer, deren Schicksal niemanden interessiert.

In der Pause zwischen einem brutalen israelischen Angriff und einem anderen, in den Ruinen, die Israel ohne Sinn verursacht hat, und die noch nicht wiederaufgebaut sind, steht Gaza sogar vor der elendsten Prognose (für die Zukunft,). Die Vereinten Nationen haben gewarnt, dass der Gazastreifen 2020 "unbewohnbar" sein könnte. 2017 ist er bereits eine Hölle.

Israel hat im Lauf eines Jahrzehnts keinem israelischen Journalisten erlaubt, in den Gazastreifen zu fahren – um den Israelis auch das kleinste Unbehagen zu ersparen, das das, was man dort zu sehen bekommt, auslösen könnte. Freiwillige von den Ärzten für Menschenrechte, alle von ihnen Araber, sind die einzigen Israelis, die  es schaffen, nach Gaza einzureisen. Mansours Bericht ist ein Bericht, der aus einem Ghetto herausgeschmuggelt wurde. Der Gazastreifen kann mit einem Ghetto verglichen werden. Mit gesenktem Kopf und lautem Aufschrei müssen wir beide vergleichen. Gaza ist ein Ghetto, und die Welt schweigt.

Anm d. Hrsgb.

*Als Dystopie, auch Anti-Utopie und Mätopie, wird in der Literatur das Gegenstück der positiven Utopie (vgl. Eutopie) bezeichnet. Die Dystopie ist eine Erzählung, welche ein negatives Zerrbild der zukünftigen Menschheit zeigt. Diese Zukunft ist von einer Gesellschaft geprägt, die sich zum Negativen entwickelt hat. Häufige Themen sind die Versklavung der Menschheit und allgemein die Beschneidung sämtlicher Freiheiten, was oftmals durch eine übermächtige Technik bedingt wird, die zwar vom Menschen selbst entworfen wurde, aber zukünftig nicht mehr zu händeln ist. Darüber hinaus zeigt die Dystopie oftmals den totalitären Staat und dessen Machtmittel, wobei nur kleine Gruppen Privilegien genießen und der Lebensstandard in Unter- und Mittelschicht unter dem Niveau zeitgenössischer Gesellschaften liegt. Häufig findet sich in solchen Dystopien ein Protagonist, der ebendiese gesellschaftlichen Verhältnisse hinterfragt und spürt, dass etwas im Argen liegt, wobei er in der Folge gegen das System oder die Machthaber aufbegehrt. (aus Wortwuchs)

 





Courtesy of Tlaxcala
Source: https://www.haaretz.com/opinion/.premium-1.821845
Publication date of original article: 09/11/2017
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=22182

 

Tags: Sexueller MissbrauchGazaPalästina/Israel
 

 
Print this page
Print this page
Send this page
Send this page


 All Tlaxcala pages are protected under Copyleft.