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 24/06/2018 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 EUROPE 
EUROPE / Die Ethnisierung sexistischer Gewalt in Italien
Date of publication at Tlaxcala: 14/09/2017
Original: L'etnicizzazione della violenza sessista

Die Ethnisierung sexistischer Gewalt in Italien

Annamaria Rivera

Translated by  Milena Rampoldi ميلينا رامبولدي میلنا رامپلدی Милена Рампольди
Edited by  Fausto Giudice Фаусто Джудиче فاوستو جيوديشي

 

Die vor kurzem in Rom erfolgte Festnahme eines Bürgers aus Bangladesch wegen des Verdachts der Vergewaltigung und des Raubs zu Lasten einer jungen Finnländerin, führt – fürchten wir – zu einer hysterischen Medienkampagne, die die sexistische Gewalt wie einen Notfall angeht, der vorweg den  „Anderen“ angelastet wird. Die sexuelle Gewalt ist vielmehr strukturell und transversal, wie das Beispiel der beiden Carabinieri aus Florenz genau beweist. Sie werden der Vergewaltigung verdächtigt, aber wurden lediglich vom Dienst suspendiert und nicht festgenommen.

Man kann zumindest hoffen, dass die letzte Episode die fünf-sternige Stadträtin  (Fünf-Sterne-Bewegung) von Venaria Reale, Claudia Nozzetti, nicht das wiederholen lassen wird, was sie in einem ungenauen Italienisch über die mutmaßlichen Vergewaltiger-Aliens von Rimini geschrieben hatte, aber nicht gewagt hatte, gegenüber den Carabinieri zu behaupten: „Ich hoffe, sie werden sie dazu zwingen, sich gegenseitig den Schwanz  abzuschneiden und zu essen“.

Der differenzierte Umgang mit den Nachrichten über die sexistische Gewalt, nach Nationalität und Herkunft der Vergewaltiger, zeigt sich an einem Aspekt, der nur scheinbar ein Detail ist. Im Falle der mutmaßlichen Vergewaltiger in Uniform haben die Medien es nicht mal gewagt, die typischen Vergleiche mit den Tieren anzuführen („Rudel“, „Rudelanführer“, „Jagd gegen diese Bestien“, wie im Fall von Rimini). In diesen Vergleichen wird aber gerade den Nicht-Menschen eine hingegen typische menschliche Eigenschaft zugesprochen. Und das ist ein verhasster Topos, der in den verschiedensten Medien, egal welcher Orientierung, verbreitet ist.

Im Falle von Rimini haben auch die Fake News nicht gefehlt, u.a. die Nachricht von Alessandro Meluzzi (ehemaliger Senator der Berlusconi-Koalition Pol der Freiheiten), der in einem Tweet vier Bilder der mutmaßlichen Täter veröffentlichte. Dabei stand der folgende Kommentar: „Nun ist aber Schluss mit diesen kotzigen Untertieren!“. Diese Zeitungsente landete natürlich gleich auf einigen Zeitungen der Rechten.

Die Darstellung der beiden Gruppenvergewaltigungen von Rimini in den Medien war genau so maßlos, vulgär, vorverurteilend und verstieß auch  gegen die mindesten Regeln der Unschuldvermutung und des Schutzes von Minderjährigen wie die Darstellung der Vergewaltigung durch die Männer in Uniform vorsichtig war: sie wurde im Konditional formuliert, war skeptisch gegenüber den Beweismitteln und den Zeugnisaussagen und voller Anspielungen auf den Lebensstil und die (Un)sittlichkeit  der Opfer.

Hierzu reicht es, die Behauptung des Bürgermeisters von Florenz, Dario Nardella (Demokratische Partei, PD) zu zitieren, der auf den unverschämten Gemeinplatz „Die waren ja geradezu auf der Suche danach“ zurückgreift, wenn er sagt: „Es ist wichtig, dass die US-amerikanischen Studenten auch mit der Unterstützung der Universitäten und unserer Institutionen lernen, dass Florenz nicht die Stadt zum Austoben ist“.  

Die Untersuchung zum Fall in Florenz wurde von der Tageszeitung Corriere della Sera in Form eines Comics behandelt

http://tlaxcala-int.org/upload/gal_16874.jpg

In Italien ist die Tendenz gar nicht neu, nach der die Verbrechen nach dem „ethnischen“ Profil der mutmaßlichen Täter und der aktuellen politischen Atmosphäre ausgewählt, hierarchisiert, betont oder minimalisiert werden. Und falls die Opfer Migranten oder Mitglieder einer Minderheit sind, werden die auch brutalsten Verbrechen in die Lokalzeitungen verbannt. Beispielhaft ist der Fall des brutalen Mords von 2016 in der Provinz von Parma. Opfer war der Tunesier Mohamed Habassi, der von zwei „respektablen“ Bürgern aus Parma gefoltert und verstümmelt wurde. Es handelt sich hierbei um einen brutalen Fall, der erst nach dem ersten meiner drei Artikeln zur Sache in die nationalen Medien gelangte.

Neu ist auch nicht die Tendenz, die Verbrechen gegen Frauen zu instrumentalisieren, wenn sie von den „Anderen“ verübt wurden. Dies erfolgt mit dem Ziel, den ungesündesten, kollektiven Stimmungen zu folgen und gesetzliche Maßnahmen zu ergreifen, die sich am Rassismus und am Polizeistaat orientieren. Bekannt wurde der „Kriegsrat“ der zweiten Prodi-Regierung, der nach dem Vergewaltigungsmord von Giovanna Reggiani am 30. Oktober 2007 im Viertel von Tor di Quinto in Rom einberufen wurde. Wegen dieses Verbrechens wurde dann Romulus Nicolae Mailatun, ein rumänischer Staatsbürger der Roma-Minderheit, zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt. Aber vorher wurde die gesamte Roma-Minderheit aus Rumänien verdächtigt und bestraft, und dies mit der Zerstörung der Hütten und illegalen Wohnräume und durch die Gesetzesverordnung Nr. 181 vom 1. November 2007, die direkt in Kraft trat und die Ausweisung von EU-Bürgern erlaubte.

Beispielhaft ist auch die Kampagne, die zwischen Januar und März 2009 rund um die „Vergewaltigung von Caffarella“ ins Leben gerufen wurde. Hier wurden zwei rumänische Roma beschuldigt, die dann freigesprochen wurden. Bei der Gelegenheit schlugen Roberto Calderoli und Luca Zaia, Minister der vierten Berlusconi-Regierung und zwei Meister der aggressiven Machokultur, die chemische Kastrierung der Vergewaltiger vor.

Seitdem wird dieser Vorschlag jedes Mal in den Medien unterbreitet, ob es nun um konkrete oder imaginäre Vergewaltigungen geht. Wichtig ist, dass die Täter Ausländer sind. Salvini schlägt dies für die mutmaßlichen Vergewaltiger von Rimini vor: „Wenn sie schuldig befunden  werden, sollen sie chemisch kastriert werden, egal ob sie minderjährig sind oder nicht. Und dann nach Hause mit ihnen!“ Im Gegensatz dazu kommt es im Falle des konstanten und strukturellen Phänomens  der sexuellen Gewalt, die von italienischen Staatsbürgern sogar mit Uniform ausgeübt wird, zu keinem öffentlichen Alarm. Es werden auch nicht so barbarische Vorschläge unterbreitet. Stellen Sie sich mal vor, was für einen Skandal der Vorschlag einer chemischen Kastrierung der Carabinieri, falls sie „schuldig befunden worden wären“, hervorgerufen hätte!

Hierzu sei darauf hingewiesen: nur eine pathologische phallische Fixierung, umso mehr bei Frauen (siehe bei der oben angeführten Nozzetti), verleitet zur Annahme, dass das „Hauptwerkzeug“ der Vergewaltigung der Penis, d.h. ein unkontrollierter, sexueller Impuls ist, eher als der unbewusste oder bewusste Wille und Wunsch, Frauen zu erniedrigen, zu bestrafen und auszulöschen.

 

"Hände weg von unseren Frauen", fordern Fascho-Männer in Rimini

Auch nicht neu, besser gesagt so alt wie das Lynchen, ist das Thema des „Anderen“, der unseren Frauen auflauert. Alt ist auch die Anschauung, nach der die Anderen die natürliche Haltung hätten, Frauen zu unterdrücken, zu versklaven und zu vergewaltigen. Aber in Wirklichkeit sind die Vergewaltigung wie auch der Frauenmord in allen Gesellschaftsschichten und Umgebungen, in allen Kulturen, Religionen und Nationalitäten vertreten. Gemeinsam haben all diese Taten nur Eines: sie werden von Männern verübt. Wir wissen außerdem auch, dass sei es in Italien als auch im Ausland der Großteil der Vergewaltigungen und Frauenmorde in der nächsten Umgebung der Frauen verübt wird.

Seit Jahrzehnten spricht die feministische Bewegung in Italien vom Skandal dieser verbreiteten Gewalt und vom System, das sie begünstigt. Aber während die Frauen immer freier, unabhängiger und selbstbewusster werden, verändern sich die strukturellen Mechanismen der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts sehr wenig. Gerade diese Errungenschaften führen - ohne eine öffentliche, geteilte Darstellung desselben Rechts, derselben Würde und desselben Wertes des weiblichen Geschlechts - im Großteil der Männerwelt, die unter einer traditionellen Männlichkeitskrise leidet, zur Zunahme von Frustrationen, Zorn und Bestrafungswünschen gegenüber den Frauen.





Courtesy of Tlaxcala
Source: http://temi.repubblica.it/micromega-online/letnicizzazione-della-violenza-sessista/
Publication date of original article: 12/09/2017
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=21522

 

Tags: VergewaltigungRassismusItalienMedienhetze
 

 
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