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 18/11/2017 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 AFRICA 
AFRICA / Malainin Lakhal: „Der Konflikt in Westsahara ist der letzte ungelöste Entkolonialisierungsfall in Afrika“
Date of publication at Tlaxcala: 02/08/2017
Original: “The conflict in Western Sahara is the last case of decolonization in Africa”: Malainin Lakhal
Translations available: Italiano 

Malainin Lakhal: „Der Konflikt in Westsahara ist der letzte ungelöste Entkolonialisierungsfall in Afrika“

Milena Rampoldi ميلينا رامبولدي میلنا رامپلدی Милена Рампольди

Edited by  Fausto Giudice Фаусто Джудиче فاوستو جيوديشي

 

Nachstehend, ein wichtiges Interview mit dem Journalisten und  politischen Aktivisten Malainin Lakhal aus der Westsahara. Wir haben über seine Biographie, seinen Kampf um die Westsahara, über den marokkanischen Kolonialismus und über den Belang der Poesie und des politischen Kampfes für das vergessene Volk der Westsahara gesprochen. Die Westsahara ist in der Tat die letzte Kolonie Afrikas.

Erzählen Sie uns von den wichtigsten Schritten Ihres Kampfes für die Westsahara.

Wie die meisten saharauischen Jugendlichen in meiner Generation lebte ich in den ersten Tagen der marokkanischen Besatzung und Unterdrückung in der Westsahara. Ich musste mich anpassen, um zu lernen, wie man dagegen kämpft, anstatt sich diesem kolonialen Willen zu unterwerfen.

Ich habe zwar in marokkanischen Kolonialschulen studiert, aber es gelang mir, meine Identität zu behalten und allen marokkanischen Versuchen zu entgehen, die beabsichtigten, mir eine Gehirnwäsche zu verpassen, wie sie es mit ihren eigenen Leuten getan haben. Das marokkanische Regime kam mit einer ganzen Kolonisierungspolitik zur Westsahara. Es war nicht nur darauf ausgerichtet, den militanten Gruppen Widerstand zu leisten, sie zu töten, sie zu verhaften und zu foltern- diese Kolonialpolitik zielte auf die normalen Bürger und auch auf die Menschen aus der Sahara, die sich politisch eng verwickelt hatten. Natürlich waren Kinder und Studenten die Hauptziele einer kompletten Bildungspolitik, die darauf abzielte, eine ganze Generation von ihrer Geschichte, Kultur und natürlich von allen möglichen politischen Tendenzen zugunsten der Freiheit zu isolieren. Aber, wie alle kolonialen Mächte, löste diese Politik auch Verdacht und Widerstand unter uns - der Jugend, aus. Es gelang uns, die marokkanische Propaganda und deren Lügen zu identifizieren, und es gelang uns ebenfalls, sie mit ganz einfachen Mitteln auszusetzen. Dies ist im Allgemeinen die Umgebung, in der ich aufgewachsen bin. Ein Umfeld der Kolonisation, Unterdrückung, aber auch Widerstand mit Würde.

 Wie tausende Menschen in der Sahara, war ich auch Opfer des erzwungenes Verschwindens, der Gefangenschaft, der Folter und der Misshandlung. Genau dieselbe Behandlung, die alle kolonisierten Menschen erlitten, um eine Widerstand leistende Generation zu schaffen. Seit den späten achtziger Jahren war ich als Student in der saharauische Untergrundbewegung tätig. Dann war ich Mitte der neunziger Jahre als Mitglied in der Bewegung arbeitsloser Absolventen tätig, um mich endlich für einen direkten und offenen Widerstand gegen den Besatzer ab 1997 zu stellen. Meine Waffen waren Bewusstseinsbildung, Schreiben und friedliches Demonstrieren, die Organisation von Demonstrationen und die Rekrutierung von Aktivisten, damit sie sich der Bewegung anschließen. Im Jahre 2000 musste ich aus meinem besetzten Gebiet fliehen und in die  saharauische Flüchtlingslager in Algerien gehen, weil die marokkanische Polizeiverfolgung für meine Sicherheit und körperliche Unversehrtheit zu gefährlich wurde. In den Lagern engagierte ich mich als Journalist und nahm auch als Mitglied in verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen, vor allem AFAPREDESA (Menschenrechte), Journalisten- und Schriftstellerverband (UPES), saharauische Gewerkschaft (UGTSARIO) und Beobachtungsstelle  natürlicher Ressourcen (Observatorio Saharaui de Recursos Naturales), u.a. teil. Ich kämpfe immer noch für die Freiheit meines Landes, um die Aufmerksamkeit auf die Sache zu lenken, indem ich viel dazu schreibe und erzähle. Ich schreibe in verschiedenen nationalen und internationalen Medien.

Warum ist es so wichtig, dass rund um die Welt von der Westsahara gesprochen wird?

Es ist nicht nur wichtig! Es ist eine Frage des Lebens und des Todes für das gesamte internationale rechtliche und politische System. Der Konflikt in der Westsahara ist der der letzte ungelöste Entkolonialisierungsfall in Afrika, wo die Kolonialmacht Marokko, die von der alten Kolonialmacht Frankreich unterstützt wird, versucht, einer ganzen Nation, ihr Grundrecht auf Selbstbestimmung zu verweigern. Dies ist ein Verstoß gegen das Völkerrecht. Es ist ein Fall des Versuches, die Erweiterung des marokkanischen Territoriums zu verhängen, um ein anderes Gebiet mit Gewalt einzubeziehen. Es ist ein Fall der Verleugnung der grundlegendsten Rechte der Freiheit, des Ausdrucks, der Bewegung, der kulturellen und der wirtschaftlichen Rechte. Es ist ein Fall, in dem ein Kolonisator einfach einem kolonisierten Volk alle seine Rechte verleugnet und dennoch davon entkommt, weil Frankreich und vielleicht auch eine Handvoll anderer Regierungen glauben, dass die Menschen und die Menschenrechte keine Rolle spielen. Was für sie wichtig ist, sind ihr Interesse und ihre Fähigkeit, die natürlichen Ressourcen einer kolonisierten Nation in völliger Straflosigkeit auszunutzen. Diese Regierungen sind übrigens die gleichen, die über die Menschenrechte lehren und vorgeben, sie überall zu verteidigen. Unglaubliche Heuchelei.

Warum ist der marokkanische Kolonialismus immer noch präsent? Was sind die Hauptgründe?

Die Hauptgründe für die Beharrlichkeit der marokkanischen Besatzung sind politisch, wirtschaftlich und geographisch. Marokko muss einen internationalen oder regionalen Konflikt haben, um die Aufmerksamkeit seiner Menschen von ihren wirklichen Problemen abzulenken, die nicht mehr als das Regime und seine Speere sind. Ein weiterer Grund ist ein wirtschaftlich. Marokko gewinnt jährlich Milliarden von Dollars aus der Besatzung. Man muss nur den Hunderten von Ladungen folgen, die jährlich gestohlenes Phosphat aus den besetzten Zonen transportieren, um eine Art Vorstellung über das Ausmaß der Plünderung zu haben. Ein gutes Beispiel ist die von der südafrikanischen Justiz  seit Anfang Mai in Port Elizabeth festgehaltene Schiffsladung. Es sind 45.000 Tonnen, die etwa 4 bis 5 Millionen Dollar wert sind. Stellen Sie sich vor, wie viele Millionen Dollar Marokko von den mehr als hundert Ladungen bekommen hat, die seit 2008 von Western Sahara Resource Watch aufgezeichnet wurden. Jedes Jahr verlassen Hunderte von Schiffen die Häfen der Westsahara voller Phosphat, Fische und Sand. In letzter Zeit haben wir auch festgestellt, dass die Marokkaner auch Gold aus den besetzten Gebieten entziehen und in die Golfstaaten  führen.

Dann kommen auch die geographischen und geostrategischen Gründe, die erklären, warum Marokko bereit ist, alles zu opfern, um die Besetzung aufrechtzuerhalten. Marokko ist in Ansicht auf die Fläche, ein kleines Land, vor allem wurde mehr als 50 bis 60% seines Territoriums wegen der Berge und der Trockengebiete unbrauchbar gemacht. Es hat keine signifikanten natürlichen Ressourcen und es hat mehr als 30 Millionen Menschen zu ernähren. So wird die Erweiterung des Territoriums in der Westsahara dem Königreich 268.000 km2 Fläche geben, die reich an Mineralien ist und von einer kleinen Nation bewohnt wird, die nicht einmal eine Million Menschen erreicht. Es wird Marokko auch eine 1.400 km lange Küste geben, die reich an Fischerei und einer Wüste ist, wo alle erneuerbaren Energien, aufgrund der starken Sonnenstrahlen, Wind und den starken Wellen an der Küste, erzeugt werden können. Auf der geostrategischen Ebene bedient Marokko die Pläne und Strategien des Westens, vor allem Frankreichs, was sich nicht leisten kann, dass Algerien später einmal zu einer regionalen Macht wird. In Bezug auf die Fläche ist Algerien, im Gegensatz zu Marokko, riesig und ist auch sehr reich an Ressourcen. Somit hat Algerien alles, was nötig ist, um eine Supermacht in Afrika zu sein. Das ist etwas, was Frankreich niemals zulassen wird. Dies sind einige Gründe und es gibt viele andere, die ich bereits in einem früheren Interview in der afrikanisch-USamerikanischen Webseite AfricaSpeaks4Africa.org  erwähnt habe.

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Erzählen Sie uns von den wichtigsten Menschenrechtsverletzungen Marokkos gegen die Menschen in der Sahara.

Die hauptsächliche Menschenrechtsverletzung ist natürlich die Verletzung des Rechts aller Völker zur Selbstbestimmung. Die zweite ist die Erweiterung ihres Territoriums durch den Einsatz von Gewalt. Dann kommt eine Reihe von zivilen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Rechten. All diese Verletzungen sind gut dokumentiert von allen internationalen Organisationen, die man sich vorstellen kann. Es handelt von Organisationen wie Amnesty, HRW, Frontline und die Robert-Kennedy-Stiftung und von Berichten der UN-Sonderberichterstatter, insbesondere der Berichterstatter über Folter. Aber haben Sie jemals irgendeine Art von Anprangerung oder Verurteilung durch die UNO an Marokko gehört? Noch nie. Ich fange an zu glauben, dass die Erwähnung all dieser Verletzungen und Vertuschungen, sie zu enthüllen, nur eine Zeitverschwendung ist. Denn die so genannte internationale Gemeinschaft ist abwesend und kümmert sich mehr um die Reality-Show-Programme im Fernsehen als um das wahre Leben und die Leiden der Völker, die wegen der kriminellen Politik der Regimes wie das marokkanische verursacht werden.

ProMosaik meint, dass die politische Poesie eine wichtige Botschaft der Solidarität für das Volk in der Sahara übermitteln kann. Was halten Sie davon?

Ich bin selbst ein Dichter. Zumindest war ich es früher, weil es sehr lange her ist, seit ich den Wunsch hatte, Gedichte über meine Gefühle zu schreiben. Emotional ist es sehr schwer, Gedichte zu schreiben, besonders wenn das Publikum der Poesie immer kleiner und kleiner wird, auch in meinem Land, das sonst mit seinen traditionellen Dichtern berühmt ist, die die Bevölkerung besser bewegen konnten als jeder Politiker.

Doch ich bin damit einverstanden, dass die Poesie ein gutes Mittel sein kann, um die Geschichte, die Botschaft und die Gefühle zu vermitteln, die die Westsahara für Nation, Mensch und einzelne Individuen halten. Ich weiß auch, dass es ein riesiges Erbe der politischen Poesie in den Sahara-Flüchtlingslagern gibt, die von wenigen ikonischen Dichtern produziert werden, die es verdienen, einem weiterem Publikum ausgesetzt zu sein.

Was haben Sie bis jetzt mit Ihrem Schreiben erreicht und was ist Ihr Traum für die Zukunft?

Ich habe es geschafft, Tausenden von Schülern, jungen Frauen und Männern, Studenten und Forschern, die ich einmal getroffen habe, oder die einige meiner Schriften gelesen haben, die Augen zu öffnen. Ich habe Hunderte von Vorträgen in verschiedenen Ländern rund um die Welt geführt, die vielen Menschen die Möglichkeit gegeben haben, zu wissen, was das eigentliche Problem ist und was in diesem Konflikt wirklich auf dem Spiel steht. Denn viele Leute denken oder sagen, dass der Kampf in der Westsahara sie nicht betrifft, liegen jedoch völlig falsch. Dieser Konflikt betrifft jeden Menschen irgendwo in der Welt, der sich um seine eigene Freiheit kümmert. Das Angreifen des Territoriums der Westsahara ist ein Test Marokkos und der Mächte, die dahinter stecken. Wenn es gelingen sollte, kann jede andere starke Nation eine andere schwache angreifen und sein koloniales Fait accompli (vollendete Tatsache) verhängen, genau so wie Marokko bereit ist, dies zu tun. Es wird ein Präzedenzfall sein und keiner kann sich über die Kolonisation in der Zukunft beschweren. So kann ich es mir vorstellen. Es ist lustig, dass zurzeit ein anderes arabisches Land, Katar, anfängt, ein leicht ähnliches Mobbing durch seine Nachbarländer zu erleiden. Ich sage den Kataris, die Marokko vorhin unterstützt haben:  Willkommen in unserer Welt!

 





Courtesy of Tlaxcala
Source: https://promosaik.blogspot.com.com/2017/07/malainin-lakhal-conflict-in-western.html
Publication date of original article: 09/07/2017
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=21108

 

Tags: Besetzte WestsaharaMarokkanische BesatzungSaharauischer Widerstand
 

 
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