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 20/08/2017 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 UNIVERSAL ISSUES 
UNIVERSAL ISSUES / Nach Nizza: wir dürfen dem IS nicht das geben, was er fordert
Date of publication at Tlaxcala: 22/07/2016
Original: After Nice, Don’t Give ISIS What It’s Asking For

Nach Nizza: wir dürfen dem IS nicht das geben, was er fordert

Murtaza Hussain مرتضی حسین

Translated by  Milena Rampoldi ميلينا رامبولدي میلنا رامپلدی Милена Рампольди
Edited by  Fausto Giudice Фаусто Джудиче فاوستو جيوديشي

 

Man weiß noch nicht viel über Mohamed Lahouaiej Bouhlel, den 31jährigen Mann, den die französische Polizei für das fürchterliche Verbrechen des Massenmordes letzte Nacht in der Südstadt von Nizza verantwortlich macht. Als Folge der Tötungen hat der französische Präsident Francois Hollande den Angriff als „Islamistischen Terrorismus“ denunziert, der mit der militanten Gruppe des Islamischen Staates in Verbindung steht. Die Unterstützer des IS haben diese Erklärungen im Netz fieberhaft wiederholt und sich zum Angriff bekannt, den sie als einen anderen Angriff gegen ihre Feinde in Westeuropa priesen.

Emad Hajjaj, Jordanien/Palästina

 

Während der Beweggrund des Angriffs immer noch ermittelt wird, lohnt es sich, zu erörtern, warum der Islamische Staat so heiß darauf ist, solche Vorfälle auf sich zu nehmen. An der Oberfläche erscheint das Rasen eines LKWs in eine Menschenmenge, die sich versammelt hat, um die Feuerwerke des Bastille-Tages zu sehen, wie eine Tat des puren Nihilismus. Kein militärisches Ziel wurde getroffen. Den ersten Berichten zufolge könnten die Tötungen zu französischen Angriffen gegen die vom IS bereits schrumpfenden Territorien in Irak und Syrien führen. Und die französischen Muslime – viele Opfer des Anschlags sind den Berichten zufolge Muslime – werden wahrscheinlich mit Sicherheitsrazzien und  den Gegenreaktionen der Bevölkerung zu kämpfen haben, die infolge eines unverständlichen Aktes des Massenmordes in Angst und Schrecken versetzt wurde.

Aber die Erklärungen und die Geschichte des Islamischen Staates zeigen, dass dieses Ergebnis genau das ist, was der IS anstrebt. In der Ausgabe vom Februar 2015 ihrer Online-Zeitschrift Dabiq  rief die Gruppe zu Gewaltverbrechen im Westen auf, die die „Grauzone [aus der Welt schaffen würden]“, indem sie Spaltung säen und einen unlösbaren Konflikt zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen in den westlichen Gesellschaften erzeugen. Ein solcher Konflikt würde die Muslime, die im Westen leben, „entweder dazu zwingen, sich von ihrer Religion loszusagen … oder in den Islamischen Staat [auszuwandern] und vor der Verfolgung der Regierungen und Bürger der Kreuzritter zu fliehen.”

Diese Strategie der Gewaltanwendung zwecks Spaltung der Gesellschaft nachahmt die Taktiken der Gruppe im Irak, wo sie provokative Angriffe gegen die schiitische Bevölkerung ausübte, um bewusst einen konfessionsgebundenen Konflikt auszulösen, der bis heute wütet.

Es kann sein, dass der Islamische Staat keine direkte Verbindung zu Bouhlel hatte. Im Unterscheid zu vielen vorherigen Angreifern war er nicht im Visier der französischen Sicherheitskräfte. Es gibt keine Hinweise, dass er beim IS trainiert wurde oder ins IS-Gebiet reiste. Die ersten Berichte der Menschen, die ihn kannten, malen ein Bild eines deprimierten und wütenden Mannes, der „den großen Teil seiner Zeit damit verbrachte, in einer Bar unten an der Straße zu sitzen, wo er pokerte und trank“. Er ist ein Kleinkrimineller und wurde schon einmal im Mai 2016 wegen eines Unfalls mit aggressiver Fahrweise verhaftet.

Aber irgendwie sind diese Details von keinerlei Bedeutung. Das IS-Terrorismusmodell basiert auf der Umwandlung solcher Menschen wie Bouhlel zur Waffe; die Gruppe ruft Junge, Wütende und Planlose weltweit dazu auf, in ihrem Namen auf die Anderen in ihrer Umgebung loszugehen. Auf diese Weise wird die Macht der verzweifelten Rebellen durch eine Kombination von sozialen Medien und Propaganda der Tat verherrlicht. Ein einflussreicher, von der Gruppe verwendeter Text mit dem Titel The Management of Savagery („Idarat al-tawahusch“, dt. „Die Verwaltung der Barbarei“) beschreibt die terroristischen Angriffe als Mittel  „Opposition  aufzuhetzen“ zwecks Involvierung normaler Menschen in den Konflikt, damit jeder „ob er nun will oder nicht, Farbe bekennen und wissen muss, auf welcher Seite er steht.“

Die tödlichen Angriffe im Westen, in Paris, Brüssel, Orlando, usw., lassen aber das Ziel des Islamischen Staates, eine gespaltene Welt hervorzubringen, der Wirklichkeit näher kommen.

Rechtsradikale, minderheitsfeindliche Parteien werden in Europa immer beliebter, während Umfragen in den USA zeigen, dass der Großteil der Öffentlichkeit vorher undenkbare Maßnahmen wie das Einreiseverbot für muslimische Ausländer in Betracht zieht. Wie ein Hurrikan in Zeitlupe schadet jedes einzelne Gewaltverbrechen immer mehr der Möglichkeit einer toleranten, liberalen Gesellschaft. Nach dem gestrigen Angriff in Nizza, tat der ehemalige republikanische Präsident des Repräsentantenhauses Newt Gingrich noch eins drauf, indem er „in den USA einen Test für jede Person muslimischer Herkunft hierzulande“ forderte. Er fügte hinzu: „Wenn sie an die Scharia glauben, sollen sie ausgewiesen werden“. Das war wohl eher ironisch, so  eine Behauptung von  Gingrich zu hören, der in den letzten Jahren Unterstützung bot, damit die muslimischen Mtarbeiter in Capitol Hill beten durften und sogar an Planungstreffen für das Islamic Free Market Institute teilnahm, eine Gruppe von Befürwortern des freien Markts, die Scharia-Finanzprodukte interstützt.

Der selbstverständlich nicht umsetzbare Wutausbruch Gingrichs spiegelt auf jeden Fall die Verhärtung der öffentlichen Meinung wieder. Mit der Zeit und Zunahme der Angriffe durch Einzeltäter und anderer im Namen des IS, ist es auch nicht auszuschließen, dass Vorschläge wie dieser Fuß fassen werden.

Aber sei es von einer strategischen als auch moralischen Perspektive aus gesehen wäre das Schlimmste, was man infolge des Horrors der Vorfälle wie dem von Nizza tun könnte, dem IS genau das zu geben, was er will: Polarisierung und Hass zwischen den Gemeinschaften. Vorschläge für eine ethnische Säuberung oder einen „Krieg der Zivilisationen“ erfüllen vielleicht den Wunsch, sich zäh zu zeigen, aber in Wirklichkeit unterstützen sie nur das Narrativ der Gruppe bezüglich einer Welt, die unwiderruflich den religiösen Linien entlang gespalten sei.

Westeuropa ist in der Vergangenheit mit größeren Wellen des Terrorismus konfrontiert worden, ohne auf die Strategie der Terroristen einzugehen oder seine inneren Werte zu opfern. Die Krise des Islamischen Staates fordert einen ähnlichen Grad an Standhaftigkeit. Aber nur wenn wir die gestellte Falle erkannt haben, können wir auch vermeiden, uns selber eine viel schlimmere Niederlage zuzufügen als eine verzweifelte, fanatische aufsässige Gruppe jemals hoffen würde, aus eigener Kraft zu erreichen.

 





Courtesy of Tlaxcala
Source: https://theintercept.com/2016/07/15/after-nice-dont-give-isis-what-its-asking-for/
Publication date of original article: 15/07/2016
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=18485

 

Tags: Nizza LKW-AnschlagFrankreichKampf der Kulturen
 

 
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