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 06/04/2020 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 AFRICA 
AFRICA / Algerien: besser Moslem als Schwarze(r)
Date of publication at Tlaxcala: 09/06/2016
Original: Noir en Algérie? Mieux vaut être musulman
Translations available: عربي  English 

Algerien: besser Moslem als Schwarze(r)

Kamel Daoud كامل داود

Translated by  Milena Rampoldi ميلينا رامبولدي میلنا رامپلدی Милена Рампольди
Edited by  Fausto Giudice Фаусто Джудиче فاوستو جيوديشي

 

Seit einigen Jahren sieht man an den Kreuzungen der großen Städte Nordalgeriens Familien aus der Südsahara.

Sie betteln und tragen groteske Aufmachungen: übergroße Kopftücher für die Frauen und auch für die Mädchen; Djellabas aus Stoff für Männer; zur Schau gestellte Tasbih (muslimische Gebetsketten). Sie sprechen zu oft den Namen „Allah“ aus und rezitieren die Koranverse falsch. Zahlreiche schwarze Migranten greifen, auch wenn sie keine Muslime sind, auf islamische Symbole zurück, um die Barmherzigkeit der Algerier zu erwecken.

Warum tun sie das? Sie tun es, weil das Elend in die Lage versetzt, die Kultur besser zu entziffern als die Reflexion und die Migranten ohne Dach über dem Kopf und ohne Brot hier schnell verstanden haben, dass es keine Empathie zwischen Menschen, sondern nur zwischen Anhängern ein und derselben Religion gibt.

Der Standpunkt zu den Schwarzen war in Algerien über Jahre von einer diskreten Distanz charakterisiert, die sich dann in gewalttätige Ablehnung verwandelte

Ein anderes Beispiel: Im Oktober 2015 fiel eine Migrantin aus Kamerun in Oran einer Gruppenvergewaltigung unter Bedrohung durch einen Hund zum Opfer. Die Frau erstattete Anzeige bei den Behörden, aber sie wurde unter zwei Vorwänden zurückgewiesen: sie hatte keine Papier und war keine Muslimin. Die Geschichte von  Marie-Simone ist zu einem berühmten Rechtsfall geworden. Schließlich bekam das Opfer mit Hilfe der Unterstützung einiger algerischer Bürger Recht. Aber sie ist die Ausnahme.

Die Situation war aber nicht immer so. Der Standpunkt gegenüber den Schwarzen in Algerien, der über Jahre durch eine diskrete Distanz gekennzeichnet war, hat sich in letzter Zeit in gewalttätige Ablehnung verwandelt. Es liegen keine zuverlässigen offiziellen Statistiken vor, aber zahlreiche Migranten kommen hier aus Mali, Niger und Libyen. Und es ist klar, dass die Anzahl der Einwanderer aus der Subsahara in den letzten Jahren zugenommen hat. Einerseits ist dieses Phänomen auf die Instabilität der Nachbarländer, vor allem Libyens, zurückzuführen, das in der Vergangenheit als die große Drehscheibe der Migration von Afrika nach Europa galt.

Sébastien Thibaul, NYT

 

Die nicht-muslimischen Schwarzen als Opfer

Während ein Einwanderer in Europa sein Glück versuchen kann, indem er auf das Humanitäre und die Schuldgefühle anspielt, so ist der Andere im Algerien der letzten Jahre nur noch durch die Linse der Konfessionen sichtbar. Im Westen basiert der Rassismus auf der Hautfarbe, in den arabischen Ländern auf der Religion. Dennoch sind diese beiden Formen des Rassismus miteinander verbunden: die Menschen im Westen verleugnen die Araber (oder stellen sie unter Generalverdacht). Und die Araber verleugnen die Schwarzen (oder stellen sie unter Generalverdacht). Welcher ist der kausale Zusammenhang? Die Verleugnung als Dominoeffekt? Vielleicht. Die Ähnlichkeit - die Mimesis - ist verblüffend.

Aber diese komplexen Aspekte interessieren hier keinen: sie werden einfach ignoriert. Natürlich gibt es muslimische Algerier, die weder sektiererisch noch rassistisch denken, aber sie zählen wenig in der Elite oder in der öffentlichen Debatte. Der fundamentalistische Diskurs beeinflusst auch die gemäßigtsten religiösen Standpunkte. Teilweise lässt sich das in Algerien wie auch in anderen arabischen Ländern auf die durch Scheidewände getrennten Medien- und intellektuellen Diskurse zurückführen.

Einerseits liest man gewaltige Artikel über den Rassismus in Europa, die den „Dschungel“ von Calais als eine Art Konzentrationslager beschreiben und gelogene Vereinfachungen wie „Für Araber oder Afrikaner gibt es in Frankreich keine Arbeit“ bringen, wie beispielsweise in einem Titel einer islamistischen Zeitung Ende Februar stand. Andererseits finden sich Analysen, die den Namen des Ku Klux Klan verdienen und in denen die Schwarzen als Menschen mit mangelndem Bürgersinn, Verbrecher und Überträger von Krankheiten beleidigt werden. Diese Doppelmoral ist nicht nur kurios, sondern vor allem bequem und zerstörerisch.

Bei den Anderen sind es Vergehen, bei uns gelten sie als Notwendigkeit

Anfang März kam es in Ouargla, in einem der wichtigsten Ballungsräume der algerischen Sahara, zu Auseinandersetzungen zwischen den Einheimischen und den Migranten aus der Subsahara infolge der Ermordung eines Algeriers durch einen Nigrer. Der Vorfall verwandelte sich schnell in eine Blutrache der Bevölkerung, mit einer Jagd auf Migranten auf den Straßen. Es gab Dutzende Verletzte. Es kam auch zu einem Angriff gegen ein Flüchtlingslager. Die Behörden haben die massive Verlegung von Einwanderern in eine südlichere Stadt angeordnet. Diese Verlegung bedeutet normalerweise den Auftakt der Ausweisung aus dem Land. Ähnliches ereignete sich in Béchar im westlichen Teil des Landes.

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Am 25. März haben Einwohner von Béchar, 1150 km südwestlich von Algier, ein Pogrom gegen Migranten aus der Subsahara durchgeführt

Diese Welle des Fremdenhasses, die eine beispiellose Gewalt mit sich bringt, hat die algerische Sahara heimgesucht, ohne auf massive Kritik zu stoßen: denn die Denunzierung des Rassismus beschränkt sich im Allgemeinen auf die Verbrechen des Westens. Bei den Anderen sind es Verstoße, bei uns Notwendigkeit. Wie kommt es aber, dass man das, was man anderswo anprangert, bei sich reproduziert und offensichtlich gar keine Schuldgefühle hat? Wie baut sich das Opfer von Rassismus seinerseits ein rassistisches Bewusstsein auf?

In Algerien sind die laizistischen und linken Eliten kurzsichtig geworden, weil sie das kolonialistische Trauma als die einzig mögliche Weltanschauung pflegen. Die Schwarzen, die als Dekolonisierte oder Dekolonisierer wahrgenommen werden, werden entweder verteidigt oder idealisiert. Sie stellen gar nicht mehr einen Unterschied dar, sondern reflektieren nur noch unsere eigenen Sorgen.

In ihren antiwestlichen Diskursen denken die wohlmeinenden Algerier, dass sie die Schwarzen schützen, indem sie die rassistische Umgebung denunzieren. Aber sie besuchen nicht die traurigen Flüchtlingslager und leben auch nicht mit den Schwarzen zusammen, lassen sie nicht ihre Töchter heiraten und reichen ihnen in der heißen Jahreszeit auch nicht die Hand. Die laizistischen Algerier nennen die Migranten aus der Subsahara oft „Afrikaner“, als würde der Maghreb nicht zum selben Kontinent gehören.

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Migrantenlager in Ouargla

 

Die Widersprüchlichkeit einer religiösen Konvertierung als Ausweg

Die religiösen Fundamentalisten sind nicht weniger rassistisch. Anlässlich eines Fußballspiels zwischen Algerien und Mali im November 2014 veröffentlichte die islamistische Zeitung Echourouk ein Foto schwarzer Fans mit dem Titel: „Weder Guten Tag, noch Willkommen. AIDS hinter euch und Ebola vor euch“. Aber die Vorurteile der Religiösen führen diese zu einer anderen Gleichung, die gleichzeitig einfach und monströs ist: Der Andere ist Muslim oder nichts.

Für Schwarze ist die Konvertierung zum Islam keine Sicherheitsgarantie

Die religiös Konservativen sehen genauso wie die laizistischen Eliten die Schwarzen als Opfer der Ungerechtigkeit der weißen Kolonialherren, aber ihrer Meinung nach ist die Erlösung nur durch Allahs Hilfe möglich. Ihre Propaganda erinnert oft ans Beispiel der Mythologie der ersten Jahre des Islam: Bilal, der schwarze Sklave aus Abessinien, der durch seine Konvertierung zum Islam frei wurde.

Aber für jeden Bilal gibt es Millionen anderer Schwarzer, inklusive der Konvertiten, die über Generationen versklavt wurden. Die arabische Sklaverei ist bis heute ein Tabuthema, das durch die Verurteilungen der westlichen Sklaverei verschwiegen wird.

Wenn man schwarz ist, ist die Konvertierung zum Islam nämlich keine Sicherheitsgarantie. Das Verbrechen eines Einzeltäters reicht aus, um Hunderte auszuweisen. Der Pogrom in Béchar ist an einem Freitag, dem Tag des wöchentlichen Gemeinschaftsgebetes ausgebrochen, nachdem die Predigten zur Läuterung aufgerufen hatten, um auf die Sitten der Migranten zu reagieren, die als zu lasch wahrgenommen werden. Für die religiös Konservativen lenkt die Kultur die Menschen aus der Subsahara von der strikten Orthodoxie ab. Somit sind auch die schwarzen Muslime keine wahren Muslime.

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Unter dem Motto "Weder Oussif [Sklave] Weder 3Azzi [Neger], Baraka et Yezzi" [genug ist genug"], hat eine Gruppe von Aktivisten am 21. März die erste transmaghrebinische Kampagne gegen Rassismus gestartet. Diese Initiative läuft sowohl in Tunesien, Marokko, Algerien und Mauretanien bis zum 20. Juni 2016





Courtesy of Tlaxcala
Source: http://www.nytimes.com/2016/05/03/opinion/kamel-daoud-noir-en-algerie-mieux-vaut-etre-musulman.html
Publication date of original article: 02/05/2016
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=18085

 

Tags: AlgerienRassismus
 

 
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