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 21/09/2020 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 AFRICA 
AFRICA / Die politische Dimension von Völkermorden: Ruanda & DR Kongo
Date of publication at Tlaxcala: 07/10/2010
Original: The politics of genocide: Rwanda & DR Congo
Translations available: Español  Français 

Die politische Dimension von Völkermorden: Ruanda & DR Kongo

Martin Shaw

Translated by  Susanne Schuster سوزان شوستر

 

 

Eine revisionistische, von Noam Chomsky befürwortete Lesart des Völkermordes in Ruanda 1994 bestätigt die moralische Blindheit der linken Leugner, laut Martin Shaw.
 

Politische Auseinandersetzungen um die Geschichte von Völkermorden sind am offenkundigsten in Kontroversen im Zusammenhang mit dem Holocaust (siehe „The Holocaust, genocide studies, and politics“, 18. August 2010). Doch sie spitzen sich auch zu im Hinblick auf Ruanda, wo 1994 das „Hutu Power“-Regime Hunderttausende von Tutsi sowie moderate Hutu tötete (siehe Gérard Prunier, The Rwanda Crisis, 1954-94: History of a Genocide [C Hurst, 2nd edition, 1998]).
 
Der politische Zusammenhang dieser Entwicklung liegt darin, dass die von Paul Kagame angeführte Regierung der Ruandischen Patriotischen Front (RPF) – die den Genozid beendete, als sie die Macht ergriff – einerseits dazu entschlossen ist, das Versagen des Westens, den Völkermord 1994 zu stoppen, zum Verankeren ihrer eigenen Straffreiheit zu benutzen und andererseits die Opfer des ruandischen Völkermordes auszunutzen, um Kritik an ihrem eigenen autoritären Regierungssystem und ihrer externen Agression abzuwenden.
 
Diese Strategie zeigt immer weniger Wirkung. Die Erkenntnis, dass die RPF selbst für Massaker an Zivilisten, hauptsächlich Hutu, verantwortlich ist, gewinnt zunehmend an Dynamik und hat zu Vorwürfen geführt, dass dies auch als Völkermord eingestuft werden könnte. Bisher wurde die Aufmerksamheit hauptsächlich auf innerhalb Ruandas verübte Massaker gerichtet, die während des Überfalls der RPF 1994 und der darauf folgenden Phase der Machtkonsolidierung verübt wurden, die berüchtigtsten 1995 bei Kibeho.
 
Diese Ereignisse veranlassten einige Hutu-Propagandisten dazu, die Theorie des „zweifachen Völkermordes“ zu artikulieren. Doch dies ist eine grob vereinfachende und verfälschende Idee, denn die Massaker der RPF waren örtlich begrenzt, ihnen fehlten die nationale Dimension und die unablässigen Angriffe der Mordkampagne der Hutu-Power. Es besteht trotzdem kein Zweifel daran, dass die RPF völkermordähnliche Massaker an Hutu-Zivilisten verübt hat.
 
Im Brennpunkt des Interesses liegt nun die Zeit nach dem Genozid 1994, als die RPF Hutu-Génocidaires in das damalige Zaïre (heute die Demokratische Republik Kongo) verfolgte und dabei die verheerenden Kriege auslöste, die das Land bis 2003 verschlungen haben und in einigen Regionen bis heute wüten. In diesen Kriegen haben sich ständig wechselnde (und für die Uneingeweihten verwirrende) Koalitionen von Staaten und kongolesische bewaffnete Gruppen bekämpft und Gräueltaten (einschließlich systematische Vergewaltigungen) an Zivilisten begangen.
 
Ein neuer Bericht
 
Gérard Prunier erklärt in seiner monumentalen Studie über die Kriege im Kongo – From Genocide to Continental War: The 'Congolese' Conflict and the Crisis of Contemporary Africa (C Hurst, 2009), dass das ruandische RPF-Regime der konstanteste und entschlossenste externe Beteiligte in allen diesen Konflikten war und dass seine Verantwortung für Massaker seit langem bekannt ist (siehe Gérard Prunier, "The eastern DR Congo: dynamics of conflict", 17. November 2008).
 
Die westlichen Regierungen ihrerseits, vor allem diejenigen der Vereinigten Staaten und Großbritanniens, verwiesen stets auf Ruandas „Opfer“-Status, und verteidigten das Land in einigen Fällen gar gegen schwerwiegende Anschuldigungen, Verbrechen begangen zu haben, für die echte Beweise vorliegen
 
Doch ein detaillierter Bericht der UN-Hochkommisarin für Menschenrechte, welcher Le Monde zugespielt wurde, verzeichnet „die schwersten Verletzungen der Menschenrechte und des Humanitären Völkerrechts“, die innerhalb der DR Kongo zwischen 1993 und 2003 begangen wurden, und zwar handelt es sich dabei um Vorwürfe, dass Zivilisten systematisch und in Massen angegriffen wurden. Eine Zusammenfassung auf Seite 512 liest sich so:
 
„Diese Angriffe hatten ein sehr große Opferzahl zur Folge, wahrscheinlich Zehntausende von Mitgliedern der Ethnie der Hutu, alle Nationalitäten mit eingeschlossen. Bei der überwiegenden Mehrheit der Fälle handelte es sich nicht um Menschen, die bei Kampfhandlungen unbeabsichtigt getötet wurden, sondern um Menschen, die hauptsächlich von [ruandischen und alliierten] Kräften zu Hunderten verfolgt und hingerichtet wurden, oftmals mit spitzen Waffen. Die Opfer waren hauptsächlich Kinder, Frauen, ältere Menschen und Kranke, die für die Angreifer keine Bedrohung darstellten. Es fanden auch zahlreiche schwere Angriffe gegen die physische und psychologische Unversehrtheit der Hutu statt, viele von ihnen wurden angeschossen, vergewaltigt, verbrannt oder geschlagen. Eine sehr große Zahl von Opfern wurde zur Flucht gezwungen und musste sehr große Strecken zurücklegen, um ihren Verfolgern, die sie töten wollten, zu entkommen. Die Jagd dauerte viele Monate und resultierte im Tod einer unbekannten Zahl von Menschen, die grausamen, unmenschlichen und entwürdigenden Lebensbedingungen ausgesetzt waren, ohne Zugang zu Nahrung oder Medikamenten. Für sie bestimmte humanitäre Hilfe wurde mehrmals absichtlich blockiert, vor allem im Ostkongo, dadurch hat man sie überlebensnotwendiger Hilfe beraubt.“
 
In dem Bericht wird vorsichtig argumentiert (Absätze 514-18), dass die Angriffe auf Hutu als Genozid eingestuft werden könnten.
 
Dies ist eine hoch brisante Schlussfolgerung für die ruandische Regierung (die vorhersehbarerweise damit droht, die Friedensmissionen in der Region in Frage zu stellen). Für die Vereinten Nationen und westliche Regierungen wird sie peinlich und unangenehm sein – in einem Ausmaß, dass Zweifel daran bestehen, ob der Bericht überhaupt jemals veröffentlicht wird.
 
Das große Leugnen
 
Für eine entschlossene Gruppe, die den Genozid in Ruanda leugnet, wird damit noch mehr Öl ins Feuer gegossen. Ein neues Buch von Edward S. Herman und David Peterson mit einem Schwerpunkt auf der Verwendung des Begriffs „Völkermord“ in den Medien und der akademischen Welt – The Politics of Genocide (Monthly Review Press, 2010) – argumentiert, dass das westliche Establishment „im Hinblick auf Ruanda eine Propagandalinie geschluckt hat, derzufolge Täter- und Opferrollen verdreht worden sind“ (S. 51), dass die RPF nicht nur Hutu getötet hat, sondern auch die „Haupt- Génocidaireswaren (S. 54), dass es „lange vor dem Zeitraum zwischen April bis Juli 1994 Massentötungen und ethnische Säuberungen von Hutu durch die RPF“ gab (S. 53), und dass im Ergebnis „die Hauptzahl der Opfer wahrscheinlich Hutu und nicht Tutsi waren“ (mit Zustimmung zitiert, S. 58).
 
Herman und Peterson geben an, dass „eine Reihe von Beobachtern sowie Beteiligte an den Geschehnissen im Jahr 1994 behaupten, dass die überwiegende Mehrheit der Toten Hutu waren, bei einigen Schätzungen ist sogar die Rede von bis zu zwei Millionen Toten“ (S. 58). Doch eine Überprüfung der Quellen für diese schockierende Behauptung ergibt, dass es nur einen Brief von einem ehemaligen RPF-Militäroffizier und die persönliche Kommunikation eines ehemaligen Verteidigungsrates vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Ruanda Strafgerichtshof in Ruanda (n. 127, S. 132) gibt – und beide sind Beteiligte, nicht „Beobachter“. Für die Autoren reicht dies aus, um die Vorstellung von „800.000 oder mehr Toten unter Tutsi“ als Propaganda der RPF und des Westens abzutun (siehe Adam Jones, "On Genocide Deniers - Challenging Herman and Peterson", AllAfrica.com. 16. Juli 2010).
 
Das Buch verdient Beachtung aufgrund der Tatsache, dass es mit einem ausführlichen Vorwort von Noam Chomsky beginnt, dem langjährigen Mitstreiter von Herman. Chomsky bleibt für viele ein vorbildlicher Verfechter von Menschenrechten, ein Zitat von ihm schmückt sogar die angesehene akademische Website, wo der der Presse zugespielte UN-Bericht veröffentlicht worden ist.
 
Viele andere sind jedoch zu einer anderen Auffassung gelangt, nachdem sie seine Kommentare über die Bilanz der Khmer Rouge in Kambodscha, seine Nachsichtigkeit gegenüber Autoren, die den Holocaust leugnen und seine Haltung, die das Leugnen des bosnischen Genozid unterstützte, genau untersucht haben. Vor diesem grauenhaften Hintergrund (um eines von Chomskys bevorzugten Worten zu benutzen) geht seine Befürwortung von The Politics of Genocide – mit seinem Leugnen des Genozids in Ruanda wie in Bosnien – sogar noch weiter.
 
Eine tote Zone
 
Dieses Buch und Noam Chomskys Vorwort zeigen unbeabsichtigterweise, wie multidirektional die politische Dimension von Völkermorden geworden ist. Es stimmt zwar, dass offizielle westliche Propagandisten „unsere“ Verbrechen minimieren und diejenigen „unserer“ Feinde in einer grob vereinfachten Art und Weise darstellen und dass dieser Schwindel aufgedeckt werden muss. Doch klar ist auch, dass anti-westliche Propagandisten – darunter Herman, Peterson und Chomsky – der gleichen Auslassungen und Verzerrungen auf der „anderen“ Seite bezichtigt werden können.
 
Sie argumentieren, dass in offiziellen westlichen Darstellungen „unsere Opfer es nicht wert sind, unsere Beachtung und unsere Empörung zu verdienen und dass sie nie unter einem von uns verübten 'Völkermord' leiden (S. 104, Kursivschrift im Original). Doch in anti-westlichen Darstellungen in der Tradition Chomskys findet ein identischer Prozess statt: die Feinde des Westens, ob serbische Nationalisten oder ruandische „Hutu-Power“, haben nie einen „Völkermord“ verübt und ihre Verbrechen sind immer von geringerem Stellenwert als die Verbrechen der vom Westen unterstützten Kräfte.
 
Der Journalist John Pilger befürwortet The Politics of Genocide auf dem Bucheinband mit dem Zitat, dass Herman und Peterson „unser aller Recht auf eine wahrheitsgemäße historische Erinnerung verteidigen“. Dieses wichtige Recht kann nie wahrgenommen werden, wenn die Männer und Frauen von Srebrenica, die massakrierten und vertriebenen kosovarischen Albaner und die abgemetzelten ruandischen Tutsi als „wertlose Opfer“ behandelt werden.
 
Für Genozid-Forscher bietet dieses Buch eine Fülle von Quellen. Es ist kein seriöser Beitrag zur Forschung im Interesse einer „wahrheitsgemäßen historischen Erinnerung“.

 





Courtesy of OpenDemocracy
Source: http://www.opendemocracy.net/martin-shaw/politics-of-genocide-rwanda-and-dr-congo
Publication date of original article: 16/09/2010
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=1720

 

Tags: RuandaDR KongoUgandaPaul KagameGenozidVölkermordAfrikaNoam Chomsky
 

 
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