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 25/08/2016 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 AFRICA 
AFRICA / Reportage in Kasserine, Tunesien: „Niemand kann den Zorn des Hungers stillen“
Date of publication at Tlaxcala: 26/01/2016
Original: Reportage à Kasserine, Tunisie : “Personne ne saura calmer la colère de la faim ”
Translations available: فارسی 

Reportage in Kasserine, Tunesien: „Niemand kann den Zorn des Hungers stillen“

Henda Chennaoui هندة الشناوي

Translated by  Milena Rampoldi ميلينا رامبولدي میلنا رامپلدی Милена Рампольди
Edited by  Fausto Giudice Фаусто Джудиче فاوستو جيوديشي

 

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Die Revolution der Jugendlichen wird von den Alten konfisziert!“ steht auf einem Blatt Papier, das ein junger Mann schweigend inmitten Hunderter von Diplomen trägt, die von den Arbeitslosen von Kasserine hochgehalten werden. Es ist Mittwoch, der 20. Januar 2016, vier Tage nach dem Tode von Ridha Yahyaoui, dem „Märtyrer der Arbeitslosigkeit“. Fast 1500 Menschen skandieren in den Gärten des Gouvernorats mit einer Stimme die Parole: „Arbeit, Freiheit und Würde!“ Diese Atmosphäre erinnert an den Dezember 2010, als die Jugendlichen von Kasserine durch ihre Entschlossenheit und ihren Mut das Feuer des Aufstandes erneut entzündeten.

 

Das Sit-in der jungen Arbeitslosen von Kasserine geht trotz der Polizeirepression vor dem Sitz des Gouvernorats weiter. Mittwochmorgen besetzen immer noch Hunderte junger Leute die Orte. Die 34jährige Wahida Zidi aus Foussana hat ihr Psychologiestudium an der 9. April-Fakultät in Tunis abgeschlossen. Nach 6 Jahren prekärer Arbeit in einem Call-Center in Tunis ist sie in der Hoffnung, eine ordentliche Arbeit zu finden, in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Auf den Treppen des großen Gebäudes, das vom Gouverneur und den Beamten verlassen wurde, hämmert Wahida:

„Wir geben unsere Rechte nicht auf! Die Entscheider, die uns mit Versprechen täuschen, die sie nicht halten! Es reicht! Die Verantwortlichen, die sich taub stellen! Es reicht! Wir müssen solidarisch und entschlossen hier bleiben, bis sie hören, was wir zu sagen haben! “

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Während wir versuchen, unserer Stimme Gehör zu verschaffen, hat sich der Gouverneur hinter den Streitkräften versteckt, hinter diesen Polizisten aus Stahl, die eine Mauer der Apartheid aufgebaut haben“, kommentiert der dreißigjährige Wajdi Khadraoui, ohne Abschluss und seit der Revolution arbeitslos, ironisch.

„Wir werden diese Mauer zum Einsturz bringen. Wir werden ihre Türen abreißen und die Schlüssel beschlagnahmen. Unser Kampf richtet sich nicht mehr gegen den Gouverneur, der für den Tod von Ridha Yahyaoui und unsere Armut verantwortlich ist, sondern auch gegen die zentrale Regierung, die zur fortlaufenden Verarmung der marginalisierten Regionen führt“, so Wajdi.

Er weist darauf hin, dass die positive Diskriminierung gegenüber den benachteiligten Regionen, die in der neuen Verfassung verankert ist, nicht auf der Tagesordnung der Regierung steht. „Unser Sit-in betrifft nicht ausschließlich die Arbeitslosen, sondern die gesamte Region bzw. das ganze Land! Wir wollen konkrete wirtschaftliche Reformen, eine neue Entwicklungspolitik und die umgehende Veröffentlichung der Korruptionsakten“, erklärt der junge Mann, umgeben von seinen Genossen.

Am Vorabend haben zwei Jugendliche versucht, sich vom Dach des Gouvernorats das Leben zu nehmen. „Wir waren vollkommen entsetzt und gleichzeitig auch wütend, weil die Sicherheitskräfte sich gar nicht rührten, um die beiden Selbstmordgefährdeten zu retten. Gleich danach haben sie uns mit Tränengas beschossen und mit Knüppeln angegriffen, um uns zu zerstreuen“, bezeugt Yamina Ferchichi, 29, mit einem Gewerbeabschluss aus dem Jahre 2012. Mit anderen fünf Jugendlichen hat Yamina Dienstagnacht dem Ausgehverbot und der polizeilichen Repression getrotzt, um das Sit-in fortzusetzen. „Wir lehnen uns gegen die fünfjährige Abwesenheit des Staates auf. Wir werden hier nicht mehr weggehen, bevor wir keinen konkreten politischen Willen wahrnehmen, die Korruption, Vetternwirtschaft und Inkompetenz der regionalen Verantwortlichen zu beenden“, setzt Rafik Rezgui, 34, ein Teilnehmer am Sit-in mit Diplom in Französisch, fort.

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Der Sicherheitsdienst improvisiert eine Sitzung inmitten des Sit-ins.

„Wir werden versuchen, uns zu organisieren, um das Sit-in und das Gebäude zu sichern. Die Behörden erklären in den Medien, dass wir durch Randalierer infiltriert sind. Dem ist aber nicht so. Die Demos sind friedlich. Das Sit-in wird von den Arbeitslosen und ihren Familien organisiert. Und wir wissen genau, wer hier seit 2011 immer dieselben Randalierer sind,“ erklärt Wajdi.

In der Stadtmitte besetzen die Einwohner der Märtyrer-Viertel von Ennour und Ezouhour weiterhin die Straße. Die Jüngsten markieren ihr Territorium durch verbrannte Reifen und Steine. Es herrscht Spannung. Offensichtlich wird eine erneute gewalttätige Straßenschlacht erwartet. Die Polizeiwagen rasen in voller Geschwindigkeit vorbei. Die Menge der Aufständischen läuft zur Hauptkreuzung des Ennour-Viertels zusammen. „Niemand kann den Zorn des Hungers stillen! Es ist Schluss mit Gehorsam. Wir haben keine Angst vor der Polizei“, erklärt ein Junge des Ennour -Viertels trotzend und fügt hinzu: „Wir schlagen nur die Polizeiangriffe zurück. Denn Ridha Yahyaoui ist nicht vergebens gestorben. Wir springen für ihn ein.“

In einer Entfernung von 300 Kilometern entfachen die betäubenden „Sofortmaßnahmenaus Tunis nur noch den Zorn der in Vergessenheit geratenen Bewohner von Kasserine. „Die Entlassung des ersten Delegierten reicht nicht aus. Die Treffen zwischen dem Gouverneur und den lokalen Abgeordneten hinter verschlossenen Türen bringen gar nichts. Die Geldspritzen und andere improvisierte Subventionen führen ohne konkrete Reformen und ohne einen wahren Entwicklungsplan zu nichts. Wir wollen Entscheider, die nachdenken und nach wahren Lösungen suchen“, erklärt Sami Mnasri, der schon im Januar 2011 auf die Barrikaden gegangen war. 

Fotos: Rabii Gharsalli, Nawaat
Video: Mohamed Ali Mansali, Nawaat





Courtesy of Tlaxcala
Source: http://bit.ly/1SAP0pL
Publication date of original article: 21/01/2016
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=17115

 

Tags: Tunesische Revolution 2.0Kasserine-AufstandLogische RevoltenSozialbewegungendiplomierte ArbeitslosenPolizeirepressionKorruptionRidha YahyaouiTunesien
 

 
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