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 23/06/2017 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
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 UNIVERSAL ISSUES 
UNIVERSAL ISSUES / Weltarbeiterklasse: Aufstand oder Klassenkampf? [1]
Date of publication at Tlaxcala: 15/01/2016
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Weltarbeiterklasse: Aufstand oder Klassenkampf? [1]

Wildcat

 

Der Klas­sen­be­griff hat wie­der Kon­junk­tur. Seit der jüngs­ten Welt­wirt­schafts­kri­se frag­ten sogar bür­ger­li­che Zei­tun­gen: "Hatte Marx doch recht?" Seit zwei Jah­ren steht mit Tho­mas Pi­ket­tys "Das Kapi­tal im 21. Jahr­hun­dert" ein Buch auf den Best­sel­ler­lis­ten, das aus­führ­lich nach­weist, wie der ka­pi­ta­lis­ti­sche Ak­ku­mu­la­ti­ons­pro­zess his­to­risch zur Kon­zen­tra­ti­on des Reich­tums in den Hän­den einer win­zi­gen Min­der­heit von Ver­mö­gens­be­sit­zern ge­führt hat. Die gra­vie­ren­de Un­gleich­heit auch in den west­li­chen De­mo­kra­ti­en lässt die Angst vor Auf­stän­den wach­sen. Die­ses Ge­spenst ging in den letz­ten Jah­ren be­stän­dig um - von Riots in Athen, Lon­don, Bal­ti­more bis zu den Re­vol­ten in Nord­afri­ka, die auch mal Re­gie­run­gen hin­weg­feg­ten. Und wie immer in sol­chen Zei­ten ruft eine Frak­ti­on der Herr­schen­den nach Re­pres­si­on und Waf­fen, die an­de­re the­ma­ti­siert die "So­zia­le Frage", die man end­lich mit­tels Re­for­men und Um­ver­tei­lungs­po­li­tik an­ge­hen müsse.

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Was Sie sehen ist nicht unbedingt wahr (Der Furz), von Chen Wenling, Kina

Die glo­ba­le Krise hat den Ka­pi­ta­lis­mus de­le­gi­ti­miert; die Po­li­tik der Herr­schen­den und Re­gie­run­gen, die Krise die Ar­bei­te­rIn­nen und Armen be­zah­len zu las­sen, hat zu Wut und Ver­zweif­lung ge­führt. Wer woll­te noch be­strei­ten, dass wir in einer "Klas­sen­ge­sell­schaft" leben? Aber was be­deu­tet das?

"Klas­sen" im en­ge­ren Sinn ent­ste­hen erst mit dem Ka­pi­ta­lis­mus. Aber die Tren­nung von den Pro­duk­ti­ons­mit­teln, die die Ei­gen­tums­lo­sig­keit der Pro­le­ta­ri­er be­grün­det, war kein ein­ma­li­ger his­to­ri­scher Vor­gang. Sie wird tag­täg­lich im Pro­duk­ti­ons­pro­zess voll­zo­gen: die Ar­bei­te­rIn­nen pro­du­zie­ren, aber das Pro­dukt ihrer Ar­beit ge­hört ihnen nicht. Sie be­kom­men nur das, was zu ihrer Re­pro­duk­ti­on als Ar­beits­kraft not­wen­dig ist bzw. was sie sich an Le­bens­stan­dard er­kämpft haben.

Klas­sen­ge­sell­schaf­ten ken­nen im Prin­zip keine per Ge­burt er­wor­be­nen Pri­vi­le­gi­en, der Be­sitz von Geld ent­schei­det über die so­zia­le Stel­lung. Sie er­mög­li­chen im Prin­zip den Auf­stieg vom Tel­lerwä­scher zum Bör­sen­spe­ku­lan­ten (oder zu­min­dest zum Klein­un­ter­neh­mer, das ist die Hoff­nung vie­ler Mi­gran­tIn­nen). Ge­nau­so kön­nen Klein­bür­ger oder selbst­stän­di­ge Hand­wer­ker in die Rei­hen der Ei­gen­tums­lo­sen ab­stei­gen. Auf­stieg ist al­ler­dings sel­ten das Er­geb­nis ei­ge­ner Ar­beit, son­dern der Fä­hig­keit, selbst zum Ka­pi­ta­lis­ten zu wer­den und sich die Ar­beit an­de­rer an­zu­eig­nen. (Auch die Mafia ver­fügt über diese Fä­hig­keit.)

Tat­säch­lich fin­det ein Pro­zess der Klas­sen­po­la­ri­sie­rung statt, in dem schon Marx und En­gels eine ex­plo­si­ve Kraft und die Vor­aus­set­zung zur Re­vo­lu­ti­on sahen. "Die pro­le­ta­ri­sche Be­we­gung ist die selbst­stän­di­ge Be­we­gung der un­ge­heu­ren Mehr­zahl im In­ter­es­se der un­ge­heu­ren Mehr­zahl." (Ma­ni­fest) Im­ma­nu­el Wal­ler­stein nann­te Marx' Hy­po­the­se über die Po­la­ri­sie­rung der Klas­sen seine ra­di­kals­te, die sich auch - auf das Welt­sys­tem be­zo­gen - als rich­tig er­wie­sen habe; Po­la­ri­sie­rung heißt auf der einen Seite Pro­le­ta­ri­sie­rung, auf der an­de­ren Seite Bour­geoi­si­fi­zie­rung.

Ka­pi­tal ist nicht ein­fach Ver­mö­gen, das sich in den Hän­den we­ni­ger sam­melt. Das Ka­pi­tal ist Vor­aus­set­zung und Er­geb­nis des ka­pi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses, in dem le­ben­di­ge Ar­beit Wert pro­du­ziert, der von an­de­ren an­ge­eig­net wird. Für den Ka­pi­ta­lis­mus ty­pisch ist nicht die "Aus­beu­tung" eines ein­zel­nen Ar­bei­ters durch einen Hand­werks­meis­ter, son­dern die Aus­beu­tung einer gro­ßen Masse von Ar­bei­te­rIn­nen in der Fa­brik. Es ist eine Produk­ti­ons­wei­se, die dar­auf be­ruht, dass Mil­lio­nen von Men­schen zu­sam­men ar­bei­ten, auch wenn sie sich gar nicht ken­nen. Sie pro­du­zie­ren ge­mein­sam Wert, sie kön­nen aber auch ge­mein­sam diese Ar­beit ver­wei­gern und die ge­sell­schaft­li­che Ar­beits­tei­lung in Frage stel­len. Als Ar­beits­kraft sind die Ar­bei­te­rIn­nen Teil des Ka­pi­tals; als Ar­bei­ter­klas­se größ­ter Feind in sei­nem In­nern.

Ge­ne­ra­tio­nen von Ar­beits­wis­sen­schaft­lern haben ver­sucht, den Ar­bei­te­rIn­nen das Wis­sen dar­über, wie pro­du­ziert wird, zu ent­eig­nen, um sich von ihnen un­ab­hän­gig zu ma­chen. Sie haben Par­al­lel­pro­duk­tio­nen auf­ge­baut, um im Streik­fall wei­ter pro­du­zie­ren zu kön­nen. Sie haben Fa­bri­ken ge­schlos­sen und wo­an­ders neue hin­ge­stellt, um neue Ar­bei­te­rIn­nen bes­ser aus­zu­beu­ten und kon­trol­lie­ren zu kön­nen. Aber das Ge­spenst konn­ten sie damit nicht aus­trei­ben. In der Streik­wel­le 2010 spuk­te es zum ers­ten Mal auf dem ge­sam­ten Erd­ball gleich­zei­tig. Diese Kämp­fe sind ge­ra­de dabei, die Welt zu ver­än­dern. Sogar die Aka­de­mie hat den Schuss ge­hört und die Ar­bei­ter­klas­se nach lan­ger Zeit wie­der zum Ob­jekt ihrer For­schung ge­macht, wie zahl­rei­che Ver­öf­fent­li­chun­gen, neue Zeit­schrif­ten und In­ter­net­sei­ten zei­gen, mit denen linke So­zi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen Ver­bin­dun­gen zwi­schen den Ar­bei­te­rIn­nen ver­schie­de­ner Kon­ti­nen­te her­stel­len wol­len. In der BRD waren die Ar­bei­te­rIn­nen 25 Jahre lang al­lei­ne mit ihren Kämp­fen - auch hier be­zie­hen sich nun wie­der so­zia­le Be­we­gun­gen und In­tel­lek­tu­el­le dar­auf.

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Rück­blick

1978 - die Ar­bei­ter­klas­se auf der Höhe ihrer Macht

Bis 1989 konn­ten wir uns die Welt er­klä­ren bzw. die Klas­sen­kämp­fe haben sie uns er­klärt. Der re­vo­lu­tio­nä­re Auf­bruch um 1968 hatte zu einem neuen Schub von Ar­bei­ter­kämp­fen in den meis­ten Län­dern ge­führt und in den Me­tro­po­len eine um­fas­sen­de Kri­tik des Fa­brik­sys­tems und der ge­werk­schaft­lich be­glei­te­ten Ar­beits­kul­tur her­vor­ge­bracht. Ende der 70er Jahre war die Ar­bei­ter­klas­se auf dem Hö­he­punkt ihrer Macht. Löhne und Ein­kom­men waren ta­rif­lich ab­ge­si­chert, nicht ein­fach künd­ba­re un­be­fris­te­te Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se noch die Regel. Ma­te­ri­ell stan­den die Ar­bei­te­rIn­nen der In­dus­trie­län­der im Rah­men ihrer So­zi­al­pak­te so gut da wie nie zuvor in der Ge­schich­te. Und mit ihren Kämp­fen in den in­dus­tri­el­len Kern­sek­to­ren hat­ten sie Ver­bes­se­run­gen für alle durch­ge­setzt.

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Der Streik bei Ford in Köln 1973

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Schon in der Krise 1973/74 hatte mit der Ver­la­ge­rung ar­beits­in­ten­si­ver Mas­sen­pro­duk­ti­on nach Süd­ost­asi­en und der Um­struk­tu­rie­rung in den Fa­bri­ken der Abbau ihrer Pro­duk­ti­ons­macht be­gon­nen. Das Ka­pi­tal woll­te sich der kämp­fe­ri­schen und selbst­be­wusst ge­wor­de­nen Ar­bei­te­rIn­nen ent­le­di­gen. Der Putsch in Chile 1973 und der Auf­stieg der "Chi­ca­go-Boys" wie­sen die Rich­tung für die mit den Namen That­cher und Rea­gan ver­bun­de­ne Kon­ter­re­vo­lu­tion 1979/80, die zu sä­ku­la­ren Nie­der­la­gen bis dahin zen­tra­ler Teile der Ar­bei­ter­klas­se führ­te (1980 Nie­der­la­ge bei Fiat, Mi­li­tär­putsch in der Tür­kei, 1979-81 die Kon­ter­re­vo­lu­ti­on im Iran nach der Zer­schla­gung der Ar­bei­ter­rä­te; Ende 1981 Kriegs­recht in Polen, 1985 dann die Nie­der­la­ge der bri­ti­schen Berg­ar­bei­ter...) Es folg­ten di­rek­te An­grif­fe in Form von Mas­sen­ent­las­sun­gen und Auf­spal­tung der Be­leg­schaf­ten. Die na­tio­na­len Ar­bei­ter­klas­sen ver­schanz­ten sich am Ar­beits­platz und konn­ten für sich sel­ber - mit gro­ßen Un­ter­schie­den zwi­schen den Län­dern - lange Zeit di­rek­te Ver­schlech­te­run­gen ab­weh­ren.

Für die Zeit­ge­nos­sen waren die 1980er Jahre in West­eu­ro­pa wi­der­sprüch­lich: ei­ner­seits mas­si­ve An­grif­fe, an­de­rer­seits ra­di­ka­le so­zia­le Be­we­gun­gen. Aber von heute aus ge­se­hen war es ein Jahr­zehnt dra­ma­ti­scher Nie­der­la­gen. Im Zuge der Aus­te­ri­täts­po­li­tik be­gann der Abbau so­zi­al­staat­li­cher Leis­tun­gen bzw. ihre ver­stärk­te Bin­dung an die Be­reit­schaft zur Ar­beit. Bil­der aus den USA mit Schlan­gen Ar­beits­lo­ser vor Per­so­nal­bü­ros stan­den für eine neue Di­men­si­on der Ver­ar­mung eines Teils der einst so mäch­ti­gen US-Ar­bei­ter­klas­se. Die große Zäsur in der BRD mar­kier­te die ge­werk­schaft­li­che Mo­bi­li­sie­rung für Ar­beits­zeit­ver­kür­zung (zur Be­kämp­fung der Ar­beits­lo­sig­keit!) im Aus­tausch gegen eine Fle­xi­bi­li­sie­rung und Auf­wei­chung des "Nor­mal­ar­beits­ver­hält­nis­ses". Die 1980er Jahre ste­hen zudem für Mi­li­tär­dik­ta­tu­ren und wirt­schaft­li­chen Nie­der­gang in wei­ten Tei­len La­tein­ame­ri­kas, den Staats­bank­rott in Me­xi­ko, die Schul­den­kri­se und IWF-Dik­ta­te zur Er­zwin­gung von "Struk­tur­an­pas­sungs­pro­gram­men".

Seit Mitte der 1980er Jahre stell­ten die vier "jun­gen Ti­ger­staa­ten" Hong­kong, Sin­ga­pur, Tai­wan und Süd­ko­rea mit hohen Wachs­tums­ra­ten alte Theo­re­me der De­pen­denz­theo­rie auf den Kopf. Mit der mäch­ti­gen Streik­be­we­gung 1987 rich­te­ten alle den Blick nach Süd­ko­rea. Unter den Be­din­gun­gen einer west­lich aus­ge­rich­te­ten Ent­wick­lungs­dik­ta­tur, die noch 1980 einen Ar­bei­ter­auf­stand blu­tig zu­sam­men­schie­ßen ließ, war eine Ar­bei­ter­klas­se ent­stan­den, die das süd­ko­rea­ni­sche Ka­pi­tal und sein Fa­brik­re­gime mit ra­di­ka­len Kampf­for­men her­aus­for­der­te. In­ner­halb we­ni­ger Jahre konn­te sie mit hohen Lohn­zu­wäch­sen den An­schluss an ihre Kol­le­gIn­nen im Wes­ten schaf­fen. Ende der 80er Jahre schien auch in Eu­ro­pa eine Neu­zu­sam­men­set­zung der Klas­se in den Kämp­fen her­an­zu­rei­fen (die Kran­ken­schwes­tern, Ki­ta-Streik, Lo­ko­mo­tiv­füh­rer in Ita­li­en und Frank­reich, dort auch die LKW-Fah­rer, wil­der Streik bei VW ...) - aber dann kam ein Mas­sa­ker, das die Welt ver­än­der­te, Krise und Krieg...

Krise und Pro­le­ta­ri­sie­rungs­schub in den 90ern

Im Juni 1989 er­öff­ne­ten die Trup­pen das Feuer auf dem Ti­en­an­men-Platz haupt­säch­lich des­halb, weil mas­sen­haft Ar­bei­te­rIn­nen den Stu­den­ten zu Hilfe kamen. Nicht Stu­den­ten, son­dern Ar­bei­ter­füh­rer wur­den zum Tode und zu den längs­ten Haft­stra­fen ver­ur­teilt. In­of­fi­zi­el­le Ge­werk­schaf­ten wur­den so­fort ver­bo­ten, ihre Füh­rer ins Ge­fäng­nis ge­wor­fen.

Das Bei­spiel wie­der­hol­te sich in Ber­lin oder Leip­zig nicht. Dort gab das Re­gime auf. Als 1989 die Mauer fiel, ging Wild­cat op­ti­mis­tisch an den Zu­sam­men­bruch des real exis­tie­ren­den So­zia­lis­mus heran. 1988/89 hat­ten sich in West­deutsch­land die Klas­sen­kämp­fe in­ten­si­viert, im Ver­lauf des Um­bruchs in der DDR kam es zu - heute längst ver­ges­se­nen - Mas­sen­dis­kus­sio­nen in den dor­ti­gen Be­trie­ben und auf der Stra­ße über eine ge­sell­schaft­li­che Per­spek­ti­ve jen­seits von Ka­pi­ta­lis­mus und DDR-So­zia­lis­mus. Mit der wirt­schaft­li­chen Rui­nie­rung der ehe­ma­li­gen DDR ent­wi­ckel­te sich im Osten zu­nächst eine brei­te Kampf­be­we­gung gegen Fa­brik­schlie­ßun­gen und so­zia­le Ver­schlech­te­run­gen.

Mit dem Mas­sa­ker des Golf­kriegs 1991 und der Wirt­schafts­kri­se, die in der BRD nach dem Ver­ei­ni­gungs­boom ver­spä­tet, aber umso mas­si­ver 1993 ein­setz­te, bra­chen in der west­deut­schen Me­tall­in­dus­trie alle Dämme. Um den Ex­port­stand­ort BRD zu ret­ten, ak­zep­tier­te bei­spiels­wei­se die IG Me­tall im "Pforz­hei­mer Ab­kom­men" 1994 Ar­beits­in­ten­si­vie­rung und mas­si­ve zeit­li­che Fle­xi­bi­li­sie­rung. Dazu kamen so­zia­le Ver­schlech­te­run­gen auf brei­ter Front.

Die er­hoff­ten Kämp­fe - vor allem der in Ab­wick­lung be­find­li­chen DDR-Ar­bei­ter­klas­se - blie­ben weit­ge­hend aus. Die Ab­wan­de­rung gut aus­ge­bil­de­ter Ar­bei­te­rIn­nen nach Wes­ten funk­tio­nier­te als Ven­til - und sorg­te dafür, dass in der BRD zum ers­ten Mal die Löhne san­ken. Wäh­rend im Osten die Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit durch immer neue War­te­schlei­fen und Kurz­ar­beit zu null Stun­den ab­ge­fe­dert wurde, hör­ten wir in den Be­trie­ben auf ein­mal Sprü­che wie "Haupt­sa­che Ar­beit!", wenn wir dar­auf hin­wie­sen, dass der Kol­le­ge ne­ben­dran dop­pelt so viel ver­dient. Die "in­dus­tri­el­le Re­ser­ve­ar­mee" war zu­rück! Durch den mas­si­ven Ge­brauch von Leih­ar­beit und be­fris­te­ten Ver­trä­gen konn­ten Be­leg­schaf­ten nun aus­ein­an­der di­vi­diert wer­den.

In den 1970er Jah­ren hat­ten wir im Wes­ten ge­lernt, dass der Druck auf die be­schäf­tig­ten Ar­bei­te­rIn­nen durch die "Re­ser­ve­ar­mee" der Ar­beits­lo­sen nicht mehr funk­tio­nier­te: so­lan­ge der nächs­te Job si­cher war, konn­te man die be­zahl­te Ar­beits­lo­sig­keit als will­kom­me­ne Pause ge­nie­ßen. Des­halb waren wir vor­sich­tig, die­sen Be­griff zu ge­brau­chen, und ar­gu­men­tier­ten in die­sen Jah­ren vor allem gegen eine vor­ei­li­ge Ka­pi­tu­la­ti­on an. Die Hartz-Ge­set­ze sorg­ten dann dafür, dass die Ein­kom­men bei (län­ge­rer) Ar­beits­lo­sig­keit sehr viel stär­ker fie­len so dass auch an die­ser Stel­le die Dämme bra­chen.

Die Auf­lö­sung des "Ost­blocks" war auch eine Zäsur, die einen neuen Schub der Pro­le­ta­ri­sie­rung der Welt­be­völ­ke­rung in Gang setz­te. Wäh­rend in den ost­eu­ro­päi­schen Län­dern in einer Art "ur­sprüng­li­cher Ak­ku­mu­la­ti­on" hohe Funk­tio­nä­re in einer wil­den Pri­va­ti­sie­rung rie­si­ge Ver­mö­gen zu­sam­men­raub­ten, ver­lor die Masse der Ar­bei­te­rIn­nen ihre über den so­zia­lis­ti­schen Staat ver­mit­tel­ten An­sprü­che auf Land, Woh­nun­gen und Ren­ten. Welt­weit steu­er­ten alle Re­gimes auf "Neo­li­be­ra­lis­mus"um, dazu kamen Krie­ge - zum ers­ten Mal auch wie­der in Eu­ro­pa.

Wie­der­kehr der Pro­le­ta­ri­tät

Als An­fang/Mitte der 1990er Jahre in der BRD die "Glo­ba­li­sie­rung" als Droh­ku­lis­se auf­ge­baut wurde (nach "Lean Pro­duc­tion" und "To­yo­tis­mus" in den Jah­ren zuvor), ver­such­te Wild­cat zum einen, die Trumpf­kar­ten der Ar­bei­te­rIn­nen stark zu ma­chen ("die brau­chen das Ar­bei­ter­wis­sen", "hohe Trans­port- und Trans­ak­ti­ons­kos­ten"), zum an­de­ren die Mög­lich­kei­ten in einer wei­te­ren Stufe der Ver­ge­sell­schaf­tung der Pro­duk­ti­on her­aus­zu­ar­bei­ten. Wenn die ganze Welt ka­pi­ta­lis­tisch ist, dann gibt es keine nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Räume mehr, keine Re­ser­ven von Ar­beits­kraft, dann steht ir­gend­wann eine welt­wei­te Ar­bei­ter­klas­se dem Ka­pi­tal ge­gen­über. "Statt den Schein der Über­macht und des Aus­ge­lie­fert­seins zu fes­ti­gen, müs­sen wir fra­gen, wo die neuen Ab­hän­gig­kei­ten des Ka­pi­tals von der Ar­bei­ter­klas­se lie­gen ... Wenn Ar­bei­te­rInnen quer über Kon­ti­nen­te hin­weg zu­sam­men­ar­bei­ten, lie­gen darin auch neue Mög­lich­kei­ten, das Ka­pi­tal glo­bal zu be­kämp­fen."(2) Auch die EU sahen wir nicht so­fort und au­to­ma­tisch als Ver­schlech­te­rung der Kampf­mög­lich­kei­ten. Ge­dan­ken, die da­mals nur we­ni­ge tei­len woll­ten. Unser Vor­schlag einer eu­ro­päi­schen mi­li­tan­ten Un­ter­su­chung ver­schie­de­ner Sek­to­ren - Au­to­in­dus­trie, Kran­ken­haus­ar­beit, Mi­gra­ti­on, Pre­ka­ri­sie­rung - ver­san­de­te. Für die meis­ten Lin­ken stan­den an­de­re Fra­gen im Vor­der­grund: das Ende des "so­zia­lis­ti­schen La­gers"; die neue Welle von Na­tio­na­lis­mus und Ras­sis­mus; Flücht­lin­ge; der Auf­bau von Al­ter­na­tiv-Ge­werk­schaf­ten ...

1993 rief Karl Heinz Roth mit sei­nen The­sen zur "Wie­der­kehr der Pro­le­ta­ri­tät" die Linke dazu auf, sich wie­der mit der "Ar­beit" zu be­schäf­ti­gen. Gegen die Pro­pa­gan­dis­ten einer Post­mo­der­ne skiz­zier­te er "ten­den­zi­ell ein neues Pro­le­ta­ri­at in einer ka­pi­ta­lis­ti­schen Welt". Er sah eine "An­glei­chung der Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se in Rich­tung Pre­ka­ri­sie­rung, Werks­ver­trä­ge und ab­hän­gi­ger Selbst­stän­dig­keit". Sei­ner Idee, selbst von Pre­ka­ri­sie­rung be­trof­fe­ne Linke müss­ten ein be­son­de­res In­ter­es­se an einer mi­li­tan­ten Un­ter­su­chung der Klas­sen­ver­hält­nis­se haben, lag al­ler­dings eine Fehl­ein­schät­zung zu­grun­de: Zum einen war die Auf­lö­sung lin­ker Struk­tu­ren und die Ver­ein­ze­lung schon sehr weit fort­ge­schrit­ten, zum an­de­ren fan­den sich für linke Aka­de­mi­ker immer noch ir­gend­wel­che For­schungs- oder Stif­tungs­gel­der. Von der tra­di­tio­nellen Lin­ken fing sich Roth eine har­sche und recht­ha­be­ri­sche Kri­tik ein,weil er die zen­tra­len Teile der Ar­bei­ter­klas­se vor­schnell auf­gab; seine an­vi­sier­ten "pro­le­ta­ri­schen Zir­kel" wur­den als sek­tie­re­risch bei­sei­te ge­scho­ben.

Von heute aus ge­se­hen sind seine Vor­aus­sa­gen ver­blüf­fend ak­tu­ell, ob­wohl sich die an­ge­spro­che­nen Ver­än­de­run­gen durch die "Glo­ba­li­sie­rung" der Pro­duk­ti­on ge­ra­de erst an­deu­te­ten und Zu­gang zum In­ter­net und elek­tro­ni­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on Nor­mal­sterb­li­chen noch nicht of­fen­stand. Viele Hoff­nun­gen auf eine Aus­wei­tung von So­zi­al­re­vol­ten haben sich seit­her zer­schla­gen, viele sei­ner vor allem in der Re­plik auf die Kri­ti­ken an­ge­ris­se­nen Vor­schlä­ge zu einer in­ter­na­tio­na­len As­so­zi­ie­rung wur­den nicht auf­ge­nom­men bzw. har­ren immer noch der Um­set­zung. Der Haupt­grund aber, wes­halb ein sol­cher Vor­schlag nicht auf brei­te Zu­stim­mung stieß: die 1990er Jahre waren in Eu­ro­pa ein Jahr­zehnt der Nie­der­la­gen, wel­che die Linke mit post­mo­der­nen und post­struk­tu­ra­lis­ti­schen Theo­ri­en und der Suche nach der rich­ti­gen Iden­ti­tät im vor­aus­ei­len­den Ge­hor­sam ver­in­ner­licht hatte. Alle Ver­su­che von Ver­all­ge­mei­ne­rung wur­den von innen her­aus zer­stört.

War es die Rolle von Wild­cat seit ihrem Be­ste­hen ge­we­sen, die welt­wei­ten Klas­sen­kämp­fe hier­her zu holen, so funk­tio­nier­te das nach der Auf­lö­sung des Ost­blocks nicht mehr. Auch viele Le­se­rIn­nen re­si­gnier­ten vor dem ver­kün­de­ten Sieg des Ka­pi­ta­lis­mus.

Wild­cat woll­te nicht ein­fach wei­ter­ma­chen wie bis­her und die Fahne hoch­hal­ten. 1995 stell­te die Re­dak­ti­on für meh­re­re Jahre die Zeit­schrift ein und führ­te die Dis­kus­sio­nen im Wild­cat-Zir­ku­lar wei­ter.

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No-glob

Das Auf­tre­ten der EZLN im La­can­do­ni­schen Ur­wald zum Be­ginn des NAFTA-Ab­kom­mens 1994 hatte die Re­vo­lu­ti­on wie­der auf die Ta­ges­ord­nung ge­setzt und völ­lig neue Dis­kur­se und große Hoff­nun­gen aus­ge­löst. Schon gar, als eine "An­ti-Glo­ba­li­sie­rungs-Be­we­gung" 1999 an­läss­lich der WTO-Kon­fe­renz in Se­at­tle mit der or­ga­ni­sier­ten Ar­bei­ter­be­we­gung zu­sam­men­traf.

Die ra­di­ka­len Kämp­fe schie­nen im "glo­ba­len Süden" und auf dem Land statt­zu­fin­den, in Kämp­fen gegen "Ein­he­gun­gen" und "In­wert­set­zung", nicht in den Fa­bri­ken der Welt. Dort wur­den Leute unter Druck ge­setzt, ihre Ar­beits­plät­ze fie­len weg, sie soll­ten mehr ar­bei­ten usw. - und lesen dann einen Zei­tungs­ar­ti­kel, der ihnen das alles er­klärt: Glo­ba­li­sie­rung be­deu­tet ver­schärf­te Kon­kur­renz, nur mit nied­ri­ge­ren Löh­nen kön­nen wir stand­hal­ten. Klingt erst­mal lo­gisch, oder? Letzt­lich sind das aber alles Auf­fas­sun­gen, die dich in dei­ner Rolle als Opfer von ir­gend­wel­chen groß­mäch­ti­gen Vor­gän­gen fest­schrei­ben. Des­halb ar­bei­te­ten wir uns am Be­griff Glo­ba­li­sie­rung und sei­ner pro­pa­gan­dis­ti­schen An­wen­dung ab: Bei den De­bat­ten um "Glo­ba­li­sie­rung" "geht es auf der ideo­lo­gi­schen Ebene darum, eine in­zwi­schen drei­ßig­jäh­ri­ge welt­wei­te Sta­gna­ti­ons­pha­se des Ka­pi­ta­lis­mus als Tri­umph­zug zu ver­kau­fen".(3)

Statt von "Glo­ba­li­sie­rung" oder "Neo­li­be­ra­lis­mus"schrie­ben wir wei­ter­hin von "Ka­pi­ta­lis­mus" und wie­sen auf die stür­mi­sche Ent­wick­lung in Asien hin.

In Asien spielt die Musik...

Der Be­griff "Welt­ar­bei­ter­klas­se" taucht zum ers­ten Mal im Wild­cat-Zir­ku­lar 25 (April 1996) auf. Der Ar­ti­kel "Welt in Um­wäl­zung" be­schrieb den von hef­ti­gen Kämp­fen und Riots be­glei­te­ten Pro­zess der Pro­le­ta­ri­sie­rung von Ban­gla­desch über In­do­ne­si­en bis nach China und die Her­aus­bil­dung einer neuen, vom Land in die Städ­te zie­hen­den Ar­beits­kraft: junge Frau­en, die der pa­tri­ar­cha­len Ord­nung im Dorf die Fa­brik­ar­beit vor­zie­hen. Diese jun­gen Ar­bei­te­rIn­nen wer­den als Avant­gar­de des Ma­king einer neuen Ar­bei­ter­klas­se be­nannt, die zu gro­ßen Hoff­nun­gen An­lass gebe. Eine "Ex­plo­si­on der Be­dürf­nis­se" sei die Grund­la­ge des "Neo­li­be­ra­lis­mus", der in den alten In­dus­trie­län­dern die Ar­bei­ter­ri­gi­di­tät zer­setzt habe und nun von Asien aus eine welt­wei­te Um­wäl­zung der Klas­sen­ver­hält­nis­se ein­lei­te. Die Ar­bei­te­rIn­nen der Me­tro­po­len seien bald nicht mehr die ein­zi­gen, die Autos bauen könn­ten. Es war ein Auf­ruf zur Un­ter­su­chung die­ser Ver­än­de­run­gen in Asien, La­tein­ame­ri­ka und Afri­ka - und eine Auf­ar­bei­tung theo­re­ti­scher "Alt­las­ten" wie der "neuen Ein­he­gun­gen" und "Ende der Ent­wick­lung".

Im Wild­cat-Zir­ku­lar wurde in der Folge hef­tig ge­strit­ten über die selbst­er­klä­ren­de Kraft von Pres­se­mel­dun­gen über Ar­bei­te­r­un­ru­hen und die Be­deu­tung der Ar­bei­ter­klas­se in Ost­asi­en. Ein Teil der Re­dak­ti­on leug­ne­te eine "Krise des Ka­pi­tals" und ver­leg­te alle re­vo­lu­tio­nä­ren Hoff­nun­gen in die "neue" Ar­bei­ter­klas­se in Asien:

"Wor­auf wir also hin­wei­sen wol­len: die Welt­ar­bei­ter­klas­se setzt sich in einem Um­fang und einer Ge­schwin­dig­keit, die ohne Bei­spiel sind, neu zu­sam­men. Das hat zwei As­pek­te und beide As­pek­te ver­bes­sern die Mög­lich­kei­ten für Kom­mu­nis­mus.

1. Das Pro­le­ta­ri­at ist zah­len­mä­ßig zur Mehr­heit der Welt­be­völ­ke­rung ge­wor­den, oder an­ders aus­ge­drückt: Der Auf­bruch der Mas­sen auf der Suche nach Glück ist ein Schritt zur Voll-En­dung des ent­wi­ckel­ten Ka­pi­ta­lis­mus. Was Marx/En­gels vor 150 Jah­ren im 'Kom­mu­nis­ti­schen Ma­ni­fest' pos­tu­liert haben, kann jetzt erst wahr wer­den.

2. Die 'alte' Ar­bei­ter­klas­se, die ein Syn­onym ist für So­zi­al­de­mo­kra­tis­mus, Ge­werk­schaf­ten, Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei­en, So­zi­alstaat, Blau-Mann, Ar­bei­ter­stolz, Be­triebs­in­ter­es­se ... ver­liert welt­weit an Be­deu­tung und zer­setzt sich in Fa­brik­flucht, Ver­trei­bun­gen aus der Fa­brik und in Ab­wehr­kämp­fen glei­cher­ma­ßen. Das ist hier nicht prin­zi­pi­ell an­ders als etwa in China. Dafür ent­steht eine neue Klas­se aus jun­gen Ar­bei­tern und vor allem Ar­bei­te­rin­nen der ers­ten Ge­ne­ra­ti­on. Und es ist über­flüs­sig zu er­klä­ren, warum ein sieb­zehn­jäh­ri­ges Mäd­chen mehr re­vo­lu­tio­nä­re Hoff­nung ver­kör­pert als ein 35-jäh­ri­ger Fa­mi­li­en­va­ter."(4)

Der an­de­re Teil der Re­dak­ti­on sah al­len­falls eine Wie­der­ho­lung der Ge­schich­te der Mas­sen­ar­bei­ter­kämp­fe, aber keine neue Qua­li­tät, und be­stand auf einer theo­re­ti­schen Fun­die­rung des Be­griffs "Welt­ar­bei­ter­klas­se": "Die Ent­ste­hung einer 'Welt­ar­bei­ter­klas­se' ist die Frage nach der rea­len Ver­ge­sell­schaf­tung durch die welt­wei­te pro­duk­ti­ve Ko­ope­ra­ti­on, d.h. die Frage, in­wie­weit die welt­wei­te Pro­duk­ti­on des Ka­pi­tals als ge­sell­schaft­li­ches Ver­hält­nis die Mög­lich­keit des Kom­mu­nis­mus auf­macht. [...] Es kommt [...] dar­auf an, den in­ne­ren Zu­sam­men­hang zwi­schen den Aus­ge­beu­te­ten auf der Welt zu be­grei­fen, näm­lich dass sie schon zu­sam­men diese (ver­kehr­te) Welt pro­du­zie­ren - und sie des­halb ver­än­dern kön­nen."(5)

"Ein Haupt­pro­blem der re­vo­lu­tio­nä­ren Po­li­tik be­steht heute darin, dass es ihr nicht ge­lingt, den welt­wei­ten Pro­duk­ti­ons­pro­zess in einer sol­chen, ra­di­kal ent­mys­ti­fi­zie­ren­den Weise theo­re­tisch und  prak­tisch zu kri­ti­sie­ren."(6)

Welt­wei­te Pro­le­ta­ri­sie­rung und An­ge­bots­schock

Auch Karl-Heinz Roth sprach im Ja­nu­ar 1998 davon, dass sich 150 Jahre nach dem Kom­mu­nis­ti­schen Ma­ni­fest das Pro­le­ta­ri­at erst­mals ob­jek­tiv welt­weit kon­sti­tu­iert habe - und ent­ge­gen Rosa Lu­xem­burgs Vor­aus­sa­ge auch die nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Mi­lieus end­gül­tig ein­ver­leibt seien. "Erst­mals in der Ge­schich­te stel­len die Ei­gen­tums­lo­sen, die ihre Ar­beits­kraft feil­hal­ten und ver­kau­fen müs­sen, um leben zu kön­nen, quan­ti­ta­tiv die Mehr­heit der Welt­be­völ­ke­rung."(7)

Diese Be­haup­tung stellt min­des­tens auf zwei ebe­nen fra­gen: Fas­sen wir die­sen Pro­zess in einem ers­ten Schritt als Her­aus­bil­dung einer sub­sis­tenz­lo­sen Klas­se, dem dann ein zwei­ter in Form der Ver­wand­lung von land­lo­sen Pro­le­ta­ri­ern in Lohn­ar­bei­ter folgt, oder ent­steht ein wah­rer Kos­mos von un­ter­schied­li­chen Aus­beu­tungs­ver­hält­nis­sen? Was be­deu­tet dies für die Her­aus­bil­dung von Kämp­fen?(8) Die au­to­no­me Linke in der BRD hatte sich die 1980er Jahre hin­durch mehr auf die Sub­sis­ten­zöko­no­mie (oder was man in sie hin­ein­dich­te­te) und die Riots der aus der ka­pi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­on Aus­ge­grenz­ten be­zo­gen als auf "Lohn­ar­beiter-In­nen".

Wal­ler­stein hatte be­reits 1983 dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die über­wie­gen­de Mehr­heit der Welt­be­völ­ke­rung heut­zu­ta­ge här­ter und län­ger und mit einer ge­rin­ge­ren Ver­gü­tung als vor 400 Jah­ren ar­bei­te. Die­sen Pro­zess zu­neh­men­der Ab­hän­gig­keit von Lohn­ein­künf­ten könne man im Marx­schen Sinn "Pro­le­ta­ri­sie­rung" nen­nen. Auf der einen Seite be­deu­tet das: Zu­nah­me der rea­len Kauf­kraft; es ist daher von lang­fris­ti­gem In­ter­es­se für das Ka­pi­tal, je­doch gegen die In­ter­es­sen der in­di­vi­du­el­len Ar­beit­ge­ber, die an nied­ri­gen Re­pro­duk­ti­ons­kos­ten der Ar­beits­kräf­te in­ter­es­siert sind, d. h. einer "Halb­pro­le­ta­ri­sie­rung", einer Haus­halts­öko­no­mie mit Ein­kom­men aus ver­schie­de­nen Quel­len und Ei­gen­ar­beit.(9) Die volle Pro­le­ta­ri­sie­rung (Mann und Frau sind freie Lohn­ar­bei­te­rIn­nen und kau­fen sich alle Le­bens­mit­tel) streb­ten hin­ge­gen eher die Pro­le­ta­ri­er an. Diese braucht einen "So­zi­al­staat", der an die­je­ni­gen Ein­kom­men trans­fe­riert, die nicht ar­bei­ten. Ide­al­ty­pisch für die "volle Pro­le­ta­ri­sie­rung"war etwa die DDR - die ihren Ar­beits­kräf­te­man­gel durch Im­mi­gran­ten aus Viet­nam und Mo­sam­bik behob. In An­leh­nung an Lu­xem­burgs These, dass der Ka­pi­ta­lis­mus nicht die Ar­beits­kräf­te re­pro­du­zie­ren kann, die er aus­beu­tet, zeig­te er, dass große Teile der Welt­be­völ­ke­rung nie die volle Pro­le­ta­ri­sie­rung er­rei­chen, son­dern die Haus­hal­te ab­hän­gig blei­ben von Sub­sis­tenz­pro­duk­ti­on und selbst­stän­di­gen Tä­tig­kei­ten aller Art.

Forces of Labor

Wild­cat the­ma­ti­sier­te in die­ser neuen glo­ba­len Un­über­sicht­lich­keit die Ver­letz­lich­keit der neuen Trans­port­ket­ten und rich­te­te die Auf­merk­sam­keit auf die neuen Pro­duk­ti­ons­stand­or­te - in den 1990er Jah­ren waren nicht nur in Asien, son­dern auch in Ost­eu­ro­pa neue Au­to­fa­bri­ken ge­baut wor­den.

Dazu pass­te das Büch­lein Forces of Labor von Be­ver­ly Sil­ver, die im Rah­men der Welt­sys­tem­ana­ly­se die Un­ru­hen der Ar­bei­ter­klas­se in den Mit­tel­punkt ihrer For­schun­gen stell­te. Sie konn­te his­to­risch nach­wei­sen, dass dort, wo das Ka­pi­tal hin­geht, Kämp­fe fol­gen: Als Re­ak­ti­on auf die Ar­bei­ter­re­vol­ten in den 1970er Jah­ren baute das Ka­pi­tal neue Au­to­fa­bri­ken in Süd­afri­ka und Bra­si­li­en - und löste damit eine neue Dy­na­mik von Ar­bei­ter­kämp­fen mit hoher Durch­schlags­kraft aus. In den 1980er Jah­ren boom­te die Au­to­in­dus­trie in Süd­ko­rea - was zu ähn­lich an­hal­ten­den Kämp­fen einer neuen Ar­bei­ter­klas­se führ­te.

Wich­tig war, dass Sil­ver auf die ganze Welt schau­te und fest­stell­te, dass fixes immer nur vor­über­ge­hen­de Re­pa­ra­tu­ren des Sys­tems waren und das Ka­pi­tal immer wie­der auf Wi­der­stand stieß weil Ar­bei­ter­kampf im Ka­pi­ta­lis­mus en­de­misch ist. Ihre sche­ma­ti­sche Ein­tei­lung in Kämp­fe "Marx­schen" bzw. "Po­la­ny­schen" Typs waren hin­ge­gen nicht un­be­dingt hilf­reich. 

Sil­ver hielt die Schwä­chung der "Ver­hand­lungs­macht" der Ar­bei­ter in den Län­dern des Nor­dens nur für zeit­wei­lig. Ihr Da­ten­ma­te­ri­al en­de­te al­ler­dings ur­sprüng­lich 1990 und wurde dann bis 1996 ver­län­gert - und bis 1990 pas­sen ihre Er­klä­rungs­an­sät­ze auch. In Ost­eu­ro­pa hin­ge­gen liegt der Lohn heute noch deut­lich nied­ri­ger als im Wes­ten; Au­to­ar­bei­ter haben auf­ge­hört, über­all zu den mit Ab­stand am bes­ten ver­die­nen­den Ar­bei­te­rIn­nen zu ge­hö­ren. Sil­ver hat ein zir­ku­lä­res Welt­bild, "Kri­sen" sind immer zy­klisch, auf sie fol­gen stets Pha­sen der Ent­wick­lung und des Booms. Eine große Krise be­deu­tet bei ihr Um­bruch, In­sta­bi­li­tät und letzt­lich ein neuer He­ge­mon im Welt­sys­tem. Sie stellt sich nicht die Frage, wie aus Ar­bei­ter­kampf Kom­mu­nis­mus wird, und sie hat die lange Phase "über­se­hen", in der die neue Ar­bei­ter­klas­se Süd­ost-Asi­ens keine re­vo­lu­tio­nä­re Be­dro­hung für den Ka­pi­ta­lis­mus war. Heute er­klärt Sil­ver die tiefe Krise der welt­wei­ten Ar­bei­ter­be­we­gun­gen seit den 1990er Jah­ren damit, dass der fi­nan­zi­el­le Fix mit einem De­making eta­blier­ter Ar­bei­ter­klas­sen ver­bun­den war. Aus der Pro­duk­ti­on wurde Ka­pi­tal ab­ge­zo­gen, die de­struk­ti­ve Seite war do­mi­nant. Trotz­dem sei der fi­nan­ci­al fix nur tem­po­rär wirk­sam ge­we­sen und habe die Krise des Ka­pi­tals zudem ört­lich ver­scho­ben - im End­ef­fekt aber zu einer neuen tie­fen Le­gi­ti­ma­ti­ons­kri­se des Ka­pi­ta­lis­mus ge­führt.(10)

Tat­säch­lich gab es wohl noch nie so viel or­ga­ni­sier­ten Wi­der­stand gegen In­fra­struk­tur­pro­jek­te, Stau­däm­me, Kraft­wer­ke - und zwar auch ge­ra­de in neu in­dus­tria­li­sier­ten Län­dern wie In­di­en, In­do­ne­si­en oder China. Ob wir die nun als Kämp­fe gegen die "Kom­mo­di­fi­zie­rung" be­grei­fen - oder ein­fach gegen die Zer­stö­rung der Le­bens­grund­la­gen: es gibt in­zwi­schen eine welt­wei­te Er­fah­rung, dass "tech­ni­scher Fort­schritt" nicht un­be­dingt zu "Ent­wick­lung" führt, son­dern mit Zer­stö­rung ein­her­geht - und dass man sich da­ge­gen or­ga­ni­sie­ren kann.

Aber in der Phase 1990 bis 2005 ist das Ka­pi­tal auf so wenig Wi­der­stand von Ar­bei­te­rIn­nen bei einem In­dus­tria­li­sie­rungs­pro­zess ge­sto­ßen wie noch nie. Es konn­te die Be­din­gun­gen von Ar­bei­te­rIn­nen per­ma­nent ver­schlech­tern, ohne von ihrem kol­lek­ti­ven Wi­der­stand be­droht zu wer­den. Die vor­her­ge­sag­te Kom­pen­sa­ti­on von In­dus­trie­ar­beits­plät­zen durch hö­her­wer­ti­ge Dienst­leis­tungs­jobs hat sich in Luft auf­ge­löst. Ar­bei­ter­kämp­fe waren in die­ser Phase welt­weit - auch in China - fast nur noch Ab­wehr­kämp­fe der "alten Ar­bei­ter­klas­se" gegen Be­triebs­schlie­ßun­gen oder Aus­la­ge­run­gen. (Das er­klärt ne­ben­bei, warum die Linke in die­ser Zeit den Klas­sen­be­griff über Bord ge­wor­fen hat.)

Die Öff­nung des in­di­schen und chi­ne­si­schen Ar­beits­markts hatte in den 1990er Jah­ren einen "An­ge­bots­schock" er­zeugt: Das An­ge­bot an Ar­beits­kräf­ten ver­dop­pel­te sich quasi über Nacht. China hatte dop­pelt so viele In­dus­trie­be­schäf­tig­te wie alle G7-Staa­ten zu­sam­men. Es war zur Fa­brik der Welt und Haupt-Ex­port-Standort für in­dus­tri­ell her­ge­stell­te Ge­brauchs­gü­ter ge­wor­den, ins­be­son­de­re für hohe Stück­zah­len. Die Fol­gen waren für einen Teil der welt­wei­ten Ar­bei­ter­klas­se zu­nächst - wie von vie­len vor­her­ge­sagt - ka­ta­stro­phal: die Tex­til­in­dus­trie ver­ließ La­tein­ame­ri­ka und ging nach Asien. Der Bei­tritt Chi­nas zur WTO im Jahr 2002 und das Aus­lau­fen des Mul­ti­fa­ser­ab­kom­mens 2005 soll­ten dem gan­zen die Krone auf­set­zen - aber dann kam es an­ders: in China be­gan­nen Ar­bei­te­rIn­nen in den neuen Fa­bri­ken zu kämp­fen, ihre Kämp­fe wei­te­ren sich aus...

Was sich in den letz­ten 40 Jah­ren ver­än­dert hat

Seit der "Öl­kri­se" 1973 gab es lang­fris­tig wirk­sa­me Ver­än­de­run­gen: Die Welt­be­völ­ke­rung liegt heute bei über sie­ben Mil­li­ar­den Men­schen. 1950-1970 war sie mit zwei Pro­zent jähr­lich ge­wach­sen, seit­her sinkt die Wachs­tums­ra­te, vor allem dort, wo Pro­le­ta­ri­sie­rung statt­fin­det.

In den heu­ti­gen "Ent­wick­lungs­län­dern" wächst die Ar­beits­kraft jähr­lich um zwei Pro­zent, d. h. sie hat sich in 30 Jah­ren ver­dop­pelt, wäh­rend in Eu­ro­pa die­ser Pro­zess 90 Jahre ge­dau­ert hat. Die Pro­le­ta­ri­sie­rung geht viel ra­san­ter voran, als die ka­pi­ta­lis­ti­sche Öko­no­mie Ar­beits­kräf­te auf­neh­men kann: viele fin­den keine Lohn­ar­beit, von der sie leben kön­nen. Eine große Zahl der Pro­leta­ri­sier­ten lan­det im in­for­mel­len Sek­tor. Der An­teil der Frau­en an der Lohn­ar­beit steigt. Die Ar­beits­lo­sig­keit vor allem bei jun­gen Leu­ten ist sehr hoch, noch höher bei Mi­gran­ten bzw. Min­der­hei­ten. (Be­drü­ckend für die ein­gangs er­wähn­ten Ängs­te der Herr­schen­den: Es gibt eine Kor­re­la­ti­on zwi­schen hoher Ar­beits­lo­sig­keit bei jun­gen Män­nern und Auf­stands­häu­fig­keit; der so­ci­al un­rest hat sich seit 2009 sprung­haft um zehn Pro­zent er­höht - vor allem in Nah­ost und Nord­afri­ka, aber auch in Süd­ost­eu­ro­pa und den GUS-Staa­ten, etwas we­ni­ger in Süd­asi­en.)

Die Be­schäf­ti­gung in der Land­wirt­schaft ist dra­ma­tisch zu­rück­ge­gan­gen; nur in den ärms­ten Län­dern ar­bei­tet noch immer mehr als die Hälf­te der Men­schen dort. Die Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zes­se in der Agrar­in­dus­trie set­zen sich fort, aus Bau­ern wer­den Land­ar­bei­ter, die zum Teil in Städ­ten leben; Klein­bau­ern kön­nen nicht mehr al­lein von der Land­wirt­schaft leben. In Ost­asi­en führt die Land­flucht in gro­ßem Maße di­rekt in die In­dus­trie­ar­beit, wäh­rend in La­tein­ame­ri­ka und Afri­ka vor allem der Dienst­leis­tungs­sek­tor wächst.

Seit 2007 lebt (mehr als) die Hälf­te der Mensch­heit in Städ­ten. Die Me­ga­städ­te wach­sen ins­be­son­de­re in den Ent­wick­lungs­län­dern, 80 Pro­zent der Be­woh­ne­rIn­nen leben in Slums. Die Slum­ci­ties sind ein Aus­druck davon, dass die Men­schen Teil der glo­ba­len Ar­bei­ter­klas­se sein wol­len. Sie sind Aus­gangs­punkt und Durch­gangs­sta­ti­on für ein bes­se­res Leben - in die­sem oder einem an­de­ren Land, wo Ar­beits­kraft ge­braucht wird.

In den welt­wei­ten Pro­le­ta­ri­sie­rungs­pro­zes­sen wird "Wan­der­ar­beit" ("mi­gran­ti­sche Ar­beit") zur all­ge­meins­ten Form von Ar­beit, so­wohl in der Form von Ein­wan­de­rung (etwa in die EU) als auch in der von Bin­nen­wan­de­rung (z. B. in China, hier schätzt die Re­gie­rung 130 Mil­lio­nen Bin­nen­mi­gran­tIn­nen, von denen 80 Mil­lio­nen vom är­me­ren Bin­nen­land in die Küs­ten­städ­te ge­wan­dert sind). Die Zahl der in­ter­na­tio­na­len Mi­gran­tIn­nen ist heute (2013) welt­weit höher als je zuvor: 232 Mil­lio­nen (2000 waren es erst 175 Mil­lio­nen), davon ge­schätzt 20-30 Mil­lio­nen ohne Pa­pie­re. Ihr An­teil an der Be­völ­ke­rung stieg zwi­schen 2000 und 2013 von 2,9 auf 3,3 Pro­zent. Die große Mehr­heit sind Ar­beits­mi­gran­ten, nicht Flücht­lin­ge oder Asyl­su­chen­de.

Eine Be­son­der­heit ist die Zu­nah­me eines Pro­le­ta­ri­ats von Wan­der­ar­bei­te­rIn­nen, die - ver­mit­telt durch in­ter­na­tio­na­le Ar­beits­ver­mitt­lungs­agen­tu­ren - in un­ter­schied­li­chen Län­dern zu schlech­ten Löh­nen ein­fa­che Ar­beit ver­rich­ten, aber dort nicht sess­haft wer­den sol­len: Bau­ar­bei­ter aus In­di­en, Pa­kis­tan oder Ban­gla­desch, die auf den Groß­bau­stel­len der Golf­staa­ten ar­bei­te­ten, in Camps leben, eine kol­lek­ti­ven Si­tua­ti­on, die immer wie­der zu Streiks und Re­bel­li­on ge­führt hat - und mit dra­ko­ni­scher Re­pres­si­on kon­fron­tiert ist. Mil­lio­nen von Haus­ar­bei­te­rin­nen aus den Phil­ip­pi­nen oder

In­do­ne­si­en usw., die in Haus­hal­ten rei­cher oder bes­ser­ver­die­nen­der Haus­hal­te in den Golf­staa­ten, aber auch in Hong­kong ar­bei­ten. Pfle­ge­rin­nen für alte Men­schen, die von Ost- nach West­eu­ro­pa gehen, um in Haus­hal­ten zu ar­bei­ten, die sich eine Pfle­ge­rin aus dem Land selbst nicht leis­ten kön­nen. Es wer­den auch ver­mehrt In­dus­trie­ar­bei­te­rIn­nen für Freie Pro­duk­ti­ons­zo­nen in fer­nen Län­dern an­ge­wor­ben, um die an­säs­si­ge Ar­bei­ter­klas­se zu zer­set­zen.

Die Le­bens­be­din­gun­gen der Men­schen sind weit­ge­hend davon be­stimmt, wo sie leben. Aber die Ar­beits­be­din­gun­gen der ein­fa­chen Ar­bei­te­rIn­nen in den Me­tro­po­len und im glo­ba­len Süden glei­chen sich struk­tu­rell wei­ter an. In den Mon­ta­ge­wer­ken zur Pro­duk­ti­on kom­ple­xer Mas­sen­kon­sum­gü­ter steht auch in China oder In­di­en mo­derns­te Ma­schi­ne­rie. Ein­fa­che Hand­ar­beit fin­det am Ende der Zu­lie­fer­ket­ten in den Hin­ter­hö­fen der Slums statt, aber auch in den La­ger­häu­sern der Wa­ren­ver­teil­zen­tren im Her­zen Eu­ro­pas. In­ner­halb der­sel­ben Ver­wer­tungs­ket­te sind ab­so­lu­te und re­la­ti­ve Mehr­wert­pro­duk­ti­on kom­bi­niert.

Bis zur Krise 1973/74 hat das an­hal­ten­de Wirt­schafts­wachs­tum Pro­duk­ti­vi­täts­fort­schrit­te und Ra­tio­na­li­sie­rungs­er­fol­ge mehr als aus­ge­gli­chen, die Be­schäf­ti­gung ging nicht zu­rück, der So­zi­al­staat wurde aus­ge­baut. Seit­her sta­gniert das Wachs­tum der In­dus­trie­pro­duk­ti­on - jetzt liegt es welt­weit bei etwa drei Pro­zent,  künf­tig viel­leicht bei 1,5 Pro­zent?

Die Be­schäf­ti­gung im pro­du­zie­ren­den Sek­tor (ein­schließ­lich Bau­in­dus­trie) hat welt­weit zu­ge­nom­men, aber In­dus­tria­li­sie­rungs­ra­ten wie vor 50 oder 100 Jah­ren wer­den nir­gends mehr er­reicht: Das Ka­pi­tal zieht heute sehr viel schnel­ler als frü­her wie­der ab, ver­la­gert die Pro­duk­ti­on an "bil­li­ge­re" Stand­or­te oder ver­wan­delt sie in­ner­halb des Lan­des in eine "Dienst­leis­tung" - oder in­ves­tiert gar nicht mehr. In vie­len neu in­dus­tria­li­sier­ten Län­dern hat der In­dus­trie­ar­bei­ter­an­teil bei 20 Pro­zent sei­nen Hö­he­punkt be­reits über­schrit­ten.

In den alten In­dus­trie­län­dern fin­det eine De­indus­tria­li­sie­rung statt - mit gro­ßen Un­ter­schie­den: in den USA ar­bei­ten 11 Pro­zent in der In­dus­trie, wäh­rend die BRD mit 22 Pro­zent (2007) den Spit­zen­platz in der EU be­legt; 1970 waren es hier noch 37 Pro­zent (wobei an "pro­duk­ti­ons­na­he Dienst­leis­ter" aus­ge­la­ger­te Ar­bei­ten heute nicht mehr als In­dus­trie­ar­beit zäh­len).(11)

Die Glo­ba­li­sie­rung hat zu einer neuen Po­la­ri­sie­rung zwi­schen höher und nied­rig qua­li­fi­zier­ten Jobs ge­führt. Viele Jobs mitt­le­rer Qua­li­fi­ka­ti­on im pro­du­zie­ren­den Ge­wer­be fal­len in den In­dus­trie­län­dern weg, neue Jobs sind häu­fig be­fris­tet und schlech­ter be­zahlt.

Welt­weit wächst der "Dienst­leis­tungs­sek­tor" - und zwar auch an zwei Polen: Ein­fa­che Tä­tig­kei­ten (Rei­ni­gung, Pfle­ge­hil­fe) ei­ner­seits und Nicht-Rou­ti­ne-Jobs hö­he­rer Qua­li­fi­ka­ti­on an­de­rer­seits neh­men zu, wäh­rend Rou­ti­ne-Jobs mitt­le­rer Qua­li­fi­ka­ti­on (Buch­hal­ter, Bü­ro­an­ge­stell­te) ab­neh­men: der Ein­satz von Com­pu­tern hat viele die­ser Tä­tig­kei­ten über­flüs­sig oder ver­la­ger­bar ge­macht. Auch da­durch wächst die Sche­re zwi­schen den Ein­kom­men in die­sem Be­reich an.

Un­gleich­heit der Ein­kom­men

Im 19. und 20. Jahr­hun­dert waren die Ein­kom­mens­un­ter­schie­de zwi­schen den Län­dern ma­xi­mal hoch. In den Jah­ren gin­gen sie auf­grund der Ar­bei­ter­kämp­fe in­ner­halb der Län­der zu­rück. Seit 20 Jah­ren hat sich dies um­ge­kehrt: die Län­der nä­hern sich an, aber in­ner­halb der Län­der haben sich Ein­kom­mens­un­ter­schie­de krass er­höht. In den neu in­dus­tria­li­sier­ten Län­dern sind sie ähn­lich hoch wie vor 100 Jah­ren in Eu­ro­pa. Die Ein­kom­mens­un­ter­schie­de in den USA waren am ge­rings­ten im Zeit­raum 1950-1970, in den 1960er Jah­ren waren sie ge­rin­ger als etwa in Frank­reich, wo erst nach 1968 die nied­ri­gen Ein­kom­men auf­hol­ten. Seit der neo­li­be­ra­len Kon­ter­re­vo­lu­ti­on ist die Ein­kom­mensun­gleich­heit ex­plo­diert und hat seit der glo­ba­len Krise noch­mal stark zu­ge­nom­men - vor allem auch nach Steu­ern und Trans­fer­ein­kom­men.

Zwi­schen 1970 und 2010 stie­gen die pri­va­ten Ver­mö­gen vor­nehm­lich in Eu­ro­pa und Japan stark an. Die­ser "An­stieg der Spar­quo­te" hatte eine Ver­lang­sa­mung des Wachs­tums zur Folge - die Un­ter­neh­mer in­ves­tier­ten nicht mehr. Das Na­tio­nal­ver­mö­gen nahm ab, die Staats­ver­schul­dung stieg. (Nicht nur) in den ehe­ma­li­gen staats­ka­pi­ta­lis­ti­schen Län­dern kam eine ge­wal­ti­ge Be­rei­che­rung durch Pri­va­ti­sie­rung hinzu.(12)

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Rand­be­mer­kun­gen

(2) Vom Klas­sen­kampf zur 'so­zia­len Frage', Wild­cat Zir­ku­lar 40/41, auf www.wildcat-www.de

(3) Vom schwie­ri­gen Ver­such, die ka­pi­ta­lis­ti­sche Krise zu be­meis­tern, Wild­cat-Zir­ku­lar 56/57, Mai 2000; auf www.wildcat-www.de.

(4) Glo­ba­li­ze it!, Vor­wort zu Wild­cat-Zir­ku­lar 38, Juli 1997; auf www.wildcat-www.de.

(5) Asien und wir, Wild­cat-Zir­ku­lar 39, Au­gust 1997, auf www.wildcat-www.de.

(6) Of­fe­ner Brief an John Hol­lo­way, Wild­cat-Zir­ku­lar 39, Au­gust 1997, auf www.wildcat-www.de .

(7) Die neuen Ar­beits­ver­hält­nis­se und die Per­spek­ti­ve der Lin­ken, Wild­cat-Zir­ku­lar 42/43, März 1998, auf www.wildcat-www.de .

(8) Chia­pas und die glo­ba­le Pro­le­ta­ri­sie­rung, Wild­cat-Zir­ku­lar 45, Juni 1998, auf www.wildcat-www.de .

(9) Im­ma­nu­el Wal­ler­stein, Der his­to­ri­sche Ka­pi­ta­lis­mus, 1984 (Ar­gu­ment).

(10) Sil­ver, Be­ver­ly J., Forces of Labor - Ar­bei­ter­be­we­gun­gen und Glo­ba­li­sie­rung seit 1870. Aus dem Ame­ri­ka­ni­schen von wild­cat & fri­ends; Ber­lin-Ham­burg, April 2005 (As­so­zia­ti­on A).

(11) Vgl. Peter Di­cken, Glo­bal Shift. Map­ping the chan­ging con­tours of the world eco­no­my. 6th edi­ti­on 2011.

(12) Vgl. Göran Ther­born, Class in the 21st Cen­tu­ryCen­tu­ry, NLR 78, 2012, und den Ar­ti­kel zu Süd­ame­ri­ka in die­sem Heft auf Seite 44ff.

 

 





Courtesy of Wildcat Nr. 98
Source: http://www.wildcat-www.de
Publication date of original article: 15/07/2015
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=17005

 

Tags: WeltarbeiterklasseKlassenkampfArbeiterkämpfeLogische Revolten
 

 
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