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 09/08/2020 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 EUROPE 
EUROPE / Rücksichtslose sexistische Attacke auf den Widerstand gegen die Memoranden: die Vorsitzende des griechischen Parlaments wird verunglimpft
Date of publication at Tlaxcala: 13/09/2015
Original: Grèce : Déchaînement sexiste contre les résistances aux mémorandums
Le cas de la Présidente du Parlement Grec

Translations available: Ελληνικά  Español 

Rücksichtslose sexistische Attacke auf den Widerstand gegen die Memoranden: die Vorsitzende des griechischen Parlaments wird verunglimpft

Sonia Mitralia Σόνια Μητραλιά

Translated by 

 

Bei der paroxystischen Krise, die Griechenland derzeit erschüttert, wütet ein äußerst heftiger Sexismus gegen Frauen. Dazu noch findet es auf der höchsten politischen Szene statt und jeder kann da zusehen. Unserer Ansicht nach unterscheidet sich deutlich jener grenzenlose, brutale Sexismus, der sich zur echten Seuche ausweitet, vom alten Alltagssexismus, den wir vorher, in einer friedlicheren Vergangenheit, vor der gegenwärtigen Schuldenkrise gekannt hatten.

Die Symbolfigur und zugleich Hauptopfer dieser äußerst rabiaten sexistischen Kampagne - denn da haben wir mit einer wirklichen Kampagne zu tun- ist die Vorsitzende des griechischen Parlaments Zoe Konstantopoulou. Selbstverständlich ist es kein Zufall, dass diese gegen sie gerichtete sexistische Kampagne ungleich ordinärer und rabiater geworden ist, seitdem sie die Einsetzung des Wahrheitsausschusses über die Staatsschulden angeordnet hat und somit die Führungsfigur der unbeugsamen Opposition zur Unterwerfung der Tsipras-Regierung unter die Diktats der Gläubiger von Griechenland geworden ist.
 
Sehen wir uns doch näher an, was da vorgeht. Tag für Tag werden seit mindestens 7 Monaten alle Erklärungen der Parlamentsvorsitzenden in praktisch allen großen Medien des Landes, einschließlich Zeitungen und Fernsehprogramme mit den Worten/Schlagzeilen eingeführt: „Gestern: Zoes neueste Anwandlung“ . Diese Eintönigkeit wird häufig von Riesenschlagzeilen der so genannten „Boulevardpresse“ unterbrochen, z.B.: „ Kann denn Zoes Mann ihr keinen Maulkorb anlegen?“ oder „Zoe gehört in eine Nervenklinik “. Mitten in der Wahlkampagne zu den Parlamentswahlen vom 20. September haben die wichtigsten (privaten) Fernsehprogramme in die Tagesschau eine spezielle “Rubrik“ eingeführt, die Tag für Tag überträgt, was über Zoe in den sozialen Netzwerken grassiert. Selbstverständlich nach Belieben entstellte Karikaturen oder Zeichnungen, deren Echtheit natürlich gar nicht unanfechtbar ist...
 
Mehr aber - und Schlimmeres: Seit Monaten scheuen selbst Abgeordnete nicht davor zurück, Zoe öffentlich anzugreifen und sie z.B. „schlecht gefickter Orang-Utan“ zu nennen, wobei andere ihren Mann - einen Handelsmarinekapitän - dazu aufrufen „möglichst bald anzulanden und sie endlich zu ernüchtern“. Man könnte noch viele andere dergleichen sexistische verbale Aggressionen gegen die Vorsitzende des griechischen Parlaments auflisten, aber mit diesem Artikel wird was anderes bezweckt. In Wirklichkeit nämlich ist der Fall Zoe Konstantopoulou so wichtig, weil er ein Wahrzeichen für die brutale sexistische Offensive ist gegen widerspenstige Frauen, die für ihre Rechte und deren aller Unterdrückten unbeirrt weiter kämpfen |1|. So wurde Zoe vom Augenblick an, wo sie zur  Führungsfigur der Opposition gegen die Memoranden wurde, welche Griechenland ruiniert haben, durch all jene, die sich der Troika angeschlossen haben, verunglimpft, geschmäht, gedemütigt, verleumdet, mit einem Wort: verteufelt. Und die Angriffe gegen sie halten so lange an, sind so gut organisiert, koordiniert und systematisch, dass sie einer wirklichen Kriegsstrategie ähneln, deren Ziel es ist, sie bei der Öffentlichkeit als Politikerin zu Grunde zu richten.
 

Im Laufe einer Palamentssitzung zeigt Zoe Konstantopolou die Schlagzeile  der Zeitung  kontranews vom 15. August vor: "Ja,  hat sie denn keinen Vater und Mutter, die sie zum Arzt bringen könnten nach ihrer Anwandlung von gestern im Parlament? Und ihr Mann? Kann er sie nicht an der Leine führen?"

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Es wäre falsch, zufällige individuelle Haltungen oder überholte patriarchalische Denkweisen an diesem „grenzenlos sexistischen Phänomen“ schudig zu machen. Es handelt sich um eine neuzeitliche Hexenjagd. Vielmehr haben wir damit zu tun, und nicht mit dem, was die Abteilung für feministische Politik des (alten) Syriza in einem Kommuniqué mit dem Titel „die sexistische Attacke gegen Konstantopoulou ist auf überholte Stereotype zurückzuführen“ beschrieb.
 
Es handelt sich um eine neuzeitliche Hexenjagd.
 
Was verbindet aber die Hexenjagd in der Entstehungszeit des Kapitalismus mit dem derzeitigen Ausbruch eines brutalen Sexismus, der sich ganz gut zu einer neuzeitlichen Hexenjagd entwickeln könnte?
 
Die Hexenjagd beginnt in Europa in der Periode vom Ende des 15. bis Anfang des 16. Jahrhunderts, als der Kapitalismus entsteht |2|. Sie ist durch die systematische Verteufelung der als Hexen vorgestellte Frauen gekennzeichnet, in einer epochalen Krisenzeit der Revolten und Widerstände - ähnlich dem jetzigen Ausbruch der Schuldenkrise, - wo die Frauen an vorderster Front standen.
 
Heute wie damals erleben wir eine Neugestaltung der Produktions- und Reproduktionsverhältnisse auf Unkosten der Frauen. Diese Tatsache wird aber vollkommen ignoriert von denen, die die erste politische Geige spielen.
 
Zur Zeit der Hexenjagd waren die Frauen vom beruflichen Leben, vom Wissen, vom gemeinsamen Boden ausgeschlossen, sie wurden abgesondert, im Haus und Schlafkammer eingesperrt. Heute werden sie aus dem öffentlichen Leben vertrieben und dazu gedrängt, unentgeltlich (!) mehrere öffentliche Dienstleistungen zu erbringen, die früher dem - von den neoliberalen Austeritätspolitik liquidierten -Wohlfahrtsstaat oblagen. Und die auf diesem Weg gesparten riesigen Beträge werden selbstverständlich zur Tilgung der Staatschulden benutzt...
 
Kein Zufall, wenn gerade zur Zeit der Hexenjagd jene wohl bekannten stereotypen Vorstellungen - z.B.: „Frauen gehören in die Küche“ - entstanden sind. Zuversichtliche Frauen, die nicht davor zurückscheuten, ihre Meinung öffentlich zu äußern, wurden verurteilt und als „ jähzornige, lästige Frauen, die den öffentlichen Frieden stören und die öffentlichen Streitigkeiten zuspitzen“ definiert. Eine Frau, die sich in die öffentlichen Angelegenheiten einmischte wurde als eine Verbrecherin angesehen, die auf den Scheiterhaufen gehörte. *
 

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Lefkada, 1960er jahre. Foto Fritz Berger

 
Wenn das Ganze Euch ein bisschen an den Alltag unserer Zeit der Austerität erinnert, liegen Sie da nicht falsch. Im derzeitigen, menschlich und sozial zu Grunde gerichteten Griechenland greifen all jene, die die Henker und deren unmenschliche Politik verfechten (Medien, neoliberale Parteien, korrupte PolitikerInnen, mehr oder weniger geheime Machtzentren, Unternehmerverbände und sogar das organisierte Verbrechen) mehr denn je und mit Vollgas zum widerlichsten Sexismus greifen, um die Frauen zu brechen, die sich an die Spitze der Kämpfe gegen Sparpolitiken oder das Schuldensystem stellen, und die MigrantInnen, Flüchtlinge, oder die Natur , alle zahllosen Opfer der betriebenen barbarischen Politiken, zu verteidigen wagen.
 
Hier haben wir mit einer Strategie zu tun, die an jene des organisierten Verbrechens erinnert, um im System der Ausbeutung von sexuellen Sklavinnen - dem sex-trafficking -  sein „Gesetz“, jenes des Herren, des Zuhälters, aufzuzwingen. Da wird einer Angst eingeflößt, Gewalt, Folter und sogar Ermordung angewendet, um jeden Widerstand zu brechen, um Seele und Geist, Würde und Selbstschätzung zu vernichten, um den Körper der Frauen so zu disziplinieren, dass jene sich bedingungslos unterwerfen und somit auf dem Altar der Maximierung des Profits im Prostituierungsbusiness geopfert werden können.
 
Das nun mal gesagt, kann man die Haltung einer Institution wie das Generalsekretariat für Gendergleichberechtigung in der Tsipras-Regierung nur negativ empfinden. Deren Pflicht ist es nämlich, jede Frau gegen sexistische Attacken zu verteidigen, und dabei hat sie keinen Finger gerührt, als die Vorsitzende des griechischen Parlaments Opfer eines sexistischen buchstäblichen Lynchens wurde. Noch negativer wirkt es sich aus, wenn man bedenkt, dass das Opfer dieses Lynchens eine erstrangige öffentliche Figur und sogar eine Anführerin der Partei (Syriza) war, deren Mitglied auch die Generalsekretärin für Gendergleichberechtigung und der Premierminister Alexis Tsipras sind! Die belehrenden Überraschungen gipfeln aber mit der Entdeckung, dass der selbe Generalsekretariat auf die sexistische Attacke einer Tageszeitung gegen die Rumänin Delia Velculescu, die als Vertreterin des Internationalen Währungsfonds an der Spitze der derzeitigen Troika steht, welche Griechenland ihre Diktats aufzwingt, eiligst reagiert und jene verurteilt hat.
 
Diese Geschichte haben wir etwas ausführlicher behandelt, weil sie für unsere neoliberalen Zeiten emblematisch ist. Wir denken, dass wir eine radikal feministische Bewegung (wieder) ins Leben rufen müssen, wenn wir unsere Rechte als Geschlecht wirklich verfechten wollen. Diese Bewegung wird aus dem Kampf der Frauen gegen die sehr harte soziale Realität am Anfang dieses 21. Jahrhunderts, gegen das Staatsschuldsystem und jede Art patriarchalischen Fundamentalismus hervorgehen. Wir müssen eine feministische Bewegung (wieder) ins Leben rufen, die mit der identitären Feministinnenbewegung bricht, weil jene sich ausschließlich um die Genderidentität kümmert und leugnet, dass das Dasein, die Millionen Frauen als solche führen, sowie andere Ungleichheiten und Diskriminierungen mit dem Klassenkampf im Zusammenhang stehen.
 
Fazit: Der in Griechenland derzeit wütende Sexismus ist besonders verhängnisvoll, weil er als Waffe dienen kann, um die Kämpfe zu spalten und den Widerstand aller Männer und Frauen zu vertilgen. Insofern geht es nicht nur um Griechenland, sondern um alle Menschen, weit über Griechenlands Grenzen hinaus.
 
AdÜ: Obwohl ich diesen Text sehr gut finde, weiche ich von der Meinung der Autorin in einem Punkt beträchtlich ab: wenn die gegen Frauen gerichtete Hexenjagd tatsächlich in der Renaissance- (und Reform)zeit gewütet hat, insbesondere im Norden Europas, wurden sowieso die Frauen seit jeher diskriminiert und von den Bereichen ausgeschlossen, welche die Männer für ihr ausschließliches Gebiet hielten. Cato war ja dagegen, dass die Frauen lesen lernen, und der weibliche Ehebruch wurde praktisch überall, unter Umständen mit dem Tod bestraft, der männliche aber galt für selbstverständlich, Verhütungsmittel wurden verpönt und Abtreibung hart bestraft. Auch mussten die Frauen immer für „Haus und Familie“ sorgen, auch wenn sie anderweitig beschäftigt waren.
 
Anmerkungen
|1| Siehe Artikel von Sonia Mitralia Violences contre les femmes : une arme stratégique aux mains du pouvoir et des possédants aux temps de la guerre sociale ! (Gewalt gegen Frauen ; eine strategische Waffe in den Händen der Machthaber und der Besitzenden in den Zeiten des sozialen Kriegs)
|2| Siehe das bahnbrechende Buch von Silvia Federici, « Caliban et la sorcière » (Caliban und die Hexe), Entremonde- Verlag . Silvia Federici ist eine marxistische Theoretikerin und feministische Aktivistin.

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"Sexismus ist Faschismus"

 




Courtesy of Tlaxcala
Source: http://cadtm.org/GRECE-Dechainement-sexiste-contre
Publication date of original article: 08/09/2015
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=15898

 

Tags: Zoe KonstantopoulouSexismusHexenjagdGriechenlandMemorandenWiderstandEuropaFeminismusFrauen
 

 
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