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 16/07/2018 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 AFRICA 
AFRICA / Burkina Faso: die Oktoberrevolution von 2014
Vor-Ort-Bericht (Text, Bilder und Videos)
Date of publication at Tlaxcala: 17/12/2014
Original: Burkina Faso : la Révolution d'Octobre 2014
Récit vécu (texte, photos, vidéos), actualisé au 13/12/2014


Burkina Faso: die Oktoberrevolution von 2014
Vor-Ort-Bericht (Text, Bilder und Videos)

Mikaël Doulson Alberca میکائیل دولسن آلبرکا

Edited by  Susanne Schuster سوزان شوستر

 

1.Vaterland oder Tod: die Aufrechten wollen ihre Freiheit (wieder) erkämpfen

Freitag, d. 31. Oktober 2014 gegen Mittag: Burkina Fasos Präsident Blaise Compaoré tritt ab. Somit endet seine 27-jährige Herrschaft über das Land der Aufrechten. Er flüchtet vor dem Druck des Volkes in die benachbarte Elfenbeinküste (dank den von Frankreich zur Verfügung gestellten Mitteln), um der vom burkinischen Volk verlangten Gerechtigkeit zu entkommen. Komisch: sein Bruder François, der am Vortag am Flughafen verhaftet wurde, als er aus dem Land zu fliehen versuchte, scheint ebenfalls von der Großmut des neuen Staatschefs, Oberstleutnant Isaac Yacouba Zida, der ihm die Flucht nach Benin ermöglicht hat, um ihn vor der Rachsucht des Volkes zu retten, zu profitieren.

Hinter all diesen Operationen zeichnet sich der Schatten eines mächtigen und geheimnisvollen Menschen ab: General Gilbert Diendéré, der während der ganzen Herrschaft von Blaise Compaoré dessen Handlanger gewesen ist. Diendéré ist in alle „schwarzen Dossiers“ der Ära Compaoré verwickelt, von Thomas Sankaras Ermordung über die von Norbert Zongo bis hin zu denen von Jean-Baptiste Lingani, Henri Zongo, David Ouédraogo und vieler anderer. Aber um die auf dem Spiel stehenden Interessen sowie die verschiedenen in den Machtkreisen präsenten Akteure zu verstehen und zu analysieren, muss man zuerst einen kurzen Rückblick auf die chronologische Folge der Ereignisse werfen, die in wenigen Tagen zum Sturz des Regimes von Compaoré geführt haben.

Am 28. Oktober 2014 schreien eine Million Menschen vor seinen Fenstern, und er bleibt taub ...

Nachdem der Ministerrat am 21. Oktober entschieden hatte, die Gesetzesvorlage zur Änderung des Verfassungsartikels Nr. 37 für gültig zu erklären, damit Compaoré bei der Präsidentschaftswahl von 2015 sich zum x-ten Mal um ein Mandat bewerben konnte, riefen die Oppositionsparteien und Organisationen aus der Zivilgesellschaft zur landesweiten Mobilisierung auf, mit dem Ziel, von der Regierung die Streichungdes Gesetzesentwurfs zu verlangen. Nicht zum ersten Mal findet eine solche Mobilisierung statt; seit über einem Jahr werden landesweit Proteste gegen die Verfassungsänderung organisiert. Am 18. Januar und 23. August 2014 hatten z. B. Hunderttausende Menschen landesweit an den Demonstrationen teilgenommen und am 27. Oktober 2014 konnten die Frauen von Ouagadougou durch einen Frauenmarsch - den die Stadtbehörden aber verboten hatten - ihre Missbilligung über eine Regierung, die ihren Forderungen gegenüber taub bleibt, zum Ausdruck bringen.
 
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Ouagadougou, am 23. August 2014

 
Der im Zeichen des zivilen Ungehorsams stehende Tag vom 28. Oktober hat aber alle Rekorde übertroffen. Die Organisatoren sprechen nämlich von einer Million TeilnehmerInnen auf den Straßen von Ouagadougou, bei einer Gesamtbevölkerung von 17 Millionen.
 
 
 
Am Ende des Protestmarsches haben die Demonstranten beschlossen, nicht wie geplant zum Place de la Nation (Platz der Nation) zurückzukehren und dann wieder auseinander zu gehen, sondern kehrt zu machen und zur Nationalversammlungzu marschieren. Die Abgeordneten sollten nämlich am 30. Oktober über den umstrittenen Gesetzesentwurf abstimmen. Am 26. Oktober haben sich die Abgeordneten der dritten Partei (ADF/RDA, Alliance pour la Démocratie et la Fédération/Rassemblement Démocratique Africain, Allianz für Demokratie und Föderation) mit der Partei (CDP, Congrès pour la Démocratie et le Progrès, Kongress für Demokratie und Fortschritt) von Blaise Compaoré, die über die parlamentarische Mehrheit verfügt, verbündet; deswegen befürchtet das Volk, dass das ursprünglich vorgesehene Referendum nicht abgehalten und die Verfassungsänderung ohne seine Zustimmung in der Nationalversammlung beschlossen wird. Von den Sängern Smockey et Sams'k le jah (Anführer der unpolitischen Volksbewegung „Das Kehrbesen der BürgerInnen“, welche Blaise von der Macht „wegkehren“ will) ermuntert, gehen also die Demonstranten zur Nationalversammlung und stoßen dabei auf eine Absperrung der Bereitschaftspolizei CRS1. Nach einem friedlichen Sit-in am Kreisverkehr der Vereinten Nationen kommt es zu einem Zusammenstoß: die CRS wirft Blendgranaten und Tränengasbomben, um die Demonstranten zu zerstreuen. Darauf entstehen eine Massenbewegung und eine Panik unter den Demonstranten, und mehrere Personen werden verletzt. Die Demonstranten organisieren sich und versuchen, einen strategischen Platz zu besetzen; sie errichten Barrikaden und versuchen, die Anstürme der CRS-Wagen abzuwehren. Die CRS benutzt auch eine auf einem Laster montierte Wasserkanone, um die Demonstranten zu verjagen. Die Demo entartet zu einer Stadtguerilla mit Intifada-Nachgeschmack, und die Steine der Demonstranten sind die Antwort auf die Tränengasbomben der CRS. Nach vielen Aussagen sind die anwesenden Polizisten keine Burkiner, sondern Togolesen, Ivorer oder Malier, vom Regime bezahlte Söldner, denn ihm war bewusst, dass die burkinischen Polizisten, die ebenfalls unter der Regierung von Compaoré leiden, für die Demonstranten Partei ergreifen und sich auf die Seite des Volkes stellen könnten, wie es manchmal im „arabischen Frühling“ oder bei den Zusammenstößen in Spanien bzw. Griechenland der Fall gewesenist.
 
Der 28. Oktober 2014 am Kreisverkehr der Vereinten Nationen. Die von der Opposition und den Organisationen der Zivilgesellschaft veranstaltete Demo entartet zu einem Aufstand, als die CRS die Demonstranten mit Blendgranaten und Tränengasbomben bewirft. Zahlreiche Personen werden verletzt. 



Am 28. Oktober 2014 gegen 11 Uhr am Kreisverkehr der Vereinten Nationen in Ouagadougou. Die Demonstranten organisieren sich und errichten Barrikaden, um den Platz zu besetzen, als ein CRS-Wagen die Durchfahrt erzwingt und scharf abbiegt; dabei fällt ein Mitfahrer raus. Sein Helm rutscht vom Kopf und er flieht verzweifelt vor den Demonstranten, die ihn lynchen wollen. Er entkommt (ihnen) ganz knapp, als der Wagen kehrt macht und ihn holt.

 

Am 29. Oktober 2014: Barrikaden und Proteste gegen die Teuerung

Am Morgen versammeln sich Zehntausende Menschen im Stadtzentrum von Ouagadougou und demonstrieren gegen die Teuerung. Im Gegensatz zum Vortag verläuft die Demo friedlich und es kommt zu keinen Ausschreitungen. Im Laufe des Tages und der folgenden Nacht werden mehrere Absperrungen aus Geäst, Plakaten, Zäunen und verbrannten Reifen in verschiedenen Vierteln von Ouagadougou und auf strategischen Achsen von der Bevölkerung errichtet, um die Regierung und die Abgeordneten vor der morgigen Abstimmung unter Druck zu setzen. Rund um den Place de la Nation beginnen mitten in der Nacht Verfolgungsjagden der CRS-Wagen auf die Demonstranten, die zu Fuß oder mit dem Motorrad unterwegs sind. Wenn sie erwischt werden, werden sie gründlich verprügelt und von Polizeiwagen mitgenommen.
 

Am 30. Oktober 2014 stecken die Flammen der Revolution das ganze Land in Brand

Die Abstimmung, die ursprünglich um 16 Uhr stattfinden sollte, wird auf 10 Uhr vorverlegt. Die politische Opposition und die Anführer der Zivilgesellschaftsorganisationen rufen die Bevölkerung auf, sich schon um 6 Uhr früh auf dem Platz zu versammeln und zur Abgeordnetenkammer zu marschieren, um die Abstimmung zu verhindern. Sie behaupten, dass diese nicht frei und transparent sein könne, weil gewisse Abgeordnete unter Druck gesetzt worden seien, für die Verfassungsänderung zu stimmen. Seit mehreren Tagen werden übrigens die Abgeordneten der Präsidentenmehrheit im Luxushotel Azalaï (direkt neben der Nationalversammlung gelegen) untergebracht, damit sie am Wahltag unbehindert in die Kammer gelangen können. Rund um Hotel und Nationalversammlung werden umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen getroffen: Polizeiwagen und Militärlastwagen versperren den Demonstranten den Zugang zur Nationalversammlung. Nach stundenlangen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und CRS, und obwohl regelmäßig Schüsse mit scharfer Munition zu hören sind, siegen schließlich die Demonstranten über die Machtdemonstrationdes Regimes. Die Demonstranten besetzen die Nationalversammlung, verwüsten und stecken das Gebäude in Brand, damit die Abstimmung nicht stattfinden kann. Als das ursprüngliche Ziel erreicht ist, werden neue Ziele formuliert: Nun gilt es nicht nur, die Abstimmung zu verhindern, sondern auch, das Regime und den Präsidenten zu stürzen. Während ein Teil der Demonstranten das Hotel umstellt, wo sich die Abgeordneten der CDP geflüchtet haben, steckt eine anderer Teil deren Sitz in Brand und ein dritter Teil begibt sich zum Haus von François Compaoré, der jüngere Bruder von Blaise und einer der mächtigsten Personenim Land, aber jene werden von den Militärkräften angehalten. Die Gebäude und Geschäfte der führenden Köpfe des Regimes werden systematisch ausgeplündert und in Brand gesteckt. Im Volke entsteht eine Rachsucht, denn die Bevölkerung fordert Gerechtigkeit gegen die Plünderer und Mörder des Volkes. Und da wird das Endziel klar: man muss nach Kosyam (den Präsidentenpalast) marschieren und den verjagen, der da seit 27 Jahren sitzt und offensichtlich nicht gewillt ist, einem/r Neuen den Platz zu räumen. Zehntausende Menschen gehen nun zu dem ungefähr 10 Kilometer weit vom Stadtzentrum gelegenen Präsidentenpalast, zu Fuß oder auf Motorrädern und dabei skandieren sie: „Kosyam frei, Kosyam frei, Kosyam frei!“. Als die Demonstranten in der Nähe des Palastes ankommen, werden sie von den Soldaten des RSP (Präsidentengarde) mit scharfer Munition beschossen; es gibt mehrere Tote und Dutzende Verletzte. Als es so weit ist, tritt General Gilbert Diendéré, der Chef der RSP, den Demonstranten entgegen und fordert die Anführer der Bewegung, halt zu machen, da sie ihr erstes Ziel - Verhinderung der Abstimmung - nun erreicht haben. Hervé Ouattara, der Vorsitzende des Kollektivs gegen das Referendum, der an der Spitze der Demo stand, lehnt diesen Vorschlag ab und verlangt, mit Präsident Blaise Compaoré zusammenzutreffen und ihn aufzufordern, gemäß dem Volkswillen seine Macht abzugeben.Der Präsident empfängt ihn und nach einem kurzen Austausch verspricht er, heute noch zurückzutreten und zwar vor den Journalisten, damit es zu keinem weiteren Blutvergießen kommt. Hervé Ouattara und die anderen Demonstranten, wohl wissend, dass sie dem schwer bewaffneten RSP nicht gewachsen sind, verlassen sich auf dieses Versprechen und machen kehrt, worauf sie sich am Place de la Nation wieder versammeln. Die erwartete Erklärung wird nie gemacht, im Gegenteil: Blaise Compaoré scheint sich weiter an die Macht zu klammern. Inzwischen erfahren wir, dass François Compaoré  im internationalen Flughafen von Ouagadougou beim Versuch, aus dem Land zu fliehen, verhaftet worden ist. Die menschliche Bilanz des Tages ist bitter: fast dreißig Tote und Hunderte Verletzte.
 
Der 30. Oktober 2014 gegen 9:30 Uhr, nahe der Abgeordnetenkammer in Ouagadougou: die Armee schießt mit scharfer Munition auf die Demonstranten, die sich nicht einschüchtern lassen, ganz im Gegenteil

 
 
Im Laufe dieses Revolutionstags und seit dem Anfang der Aktionen der letzten Monate wurden Thomas Sankaras Worte und Ideen von den DemonstrantInnen mit Nachdruck wieder aufgenommen. Auf der Straße, bei friedlichen Märschen wie auch mitten in den gewalttätigen Auseinandersetzungen mit den Polizeikräften haben die Parolen von Sankara die Motivationder Protestierenden gestärkt. Alsdie DemonstrantInnen zur Abgeordnetenkammer marschierten, riefen sie „Wenn das Volk aufsteht, zittert der Imperialismus“, „Nur der Kampf macht frei“ „Wagen wir zu kämpfen und verstehen wir es zu siegen“, „Der Sklave, der seine Revolte nicht in die Hand nimmt, verdient nicht, dass man sein Losbeklagt“ oder auch „Wo einen Entmutigung überfällt, siegen die Durchhaltenden.“ Spontan skandierte die Menge: „Sieg für das Volk! Freiheit für das Volk! Nieder mit dem Kolonialismus! Nieder mit dem Imperialismus und seinen hiesigen Knechten!“, wie vor drei Jahrzehnten zur Zeit der Revolution mit Sankara. Und zum Schluss, als die Gewaltsich legte, stand die Menge in engen Reihen und stimmte mit geballter Faust die Nationalhymne an, die Thomas Sankara 1984 verfasst hat:
 
„Und eine einzige Nacht hat auf sich vereint
die Geschichte eines ganzen Volkes.
Und eine einzige Nacht hat seinen triumphalen Marsch in Gang gesetzt
auf den Horizont des Glücks zu.
Eine einzige Nacht hat unser Volk vereinigt
mit allen Völkern der Erde
auf der Suche nach Freiheit und Fortschritt,
Vaterland oder Tod, wir werden siegen!
 

 
Der von seinem Waffenbruder Blaise Compaoré ermordete Thomas Sankara ist nicht mehr unter uns, aber sein wohlwollender Schatten schwebte über dem Volk während der ganzen Revolution vom Oktober 2014. Sein Erbe lebt in uns fort; es wird von einer Jugend getragen, die sich selbstals „bewussteGeneration“bezeichnet, auf der Suche nach einer revolutionären Ideologie, auf deren Grundlagesie einer schöneren Zukunft entgegenblicken können. Viele Demonstranten vertrauten mir an - und dabei sprach Stolz aus ihren Augen und ihrer Stimme -, sie seien „alle Thomas Sankaras Kinder“.
 



Video Mali Actu

 
Frankreich stellt einen Hubschrauber zur Verfügung (wie François Hollande in einer Rede vom 4. November in Kanada verraten hat), damit Compaoré zum Flughafen Fada N'Gourma fliegen kann; von dort schifft er sich nach der Elfenbeinküste ein, wo er sich mit seiner Frau Chantal in Yamoussoukro unter der Schirmherrschaft des frankreichfreundlichen Präsidenten Alassane Ouattara wiederfindet (dieser ist mit der Hilfe des „Vermittlers“ Blaise Compaoré an die Macht gelangt.) Mit der offiziellen Mitteilung des Rücktritts von Blaise schlägt auch die Siegesstunde, und jeder feiert voller Jubel und Freude. Das ganze Burkina Faso, das sich bei dieser Gelegenheit als „ein“ Volk fühlt, zelebriert mit Erleichterung das Ende einer 27-jährigen Diktatur. Die Zungen lockern sich, die Herzen pochen lauter, der Diktator ist nicht mehr da, wir sind ganz befreit.
 
Derselbe François Hollande, der heute den Rücktritt von Blaise diplomatisch begrüßt, hatte ihm den 7. Oktober einen Brief geschickt [Der Brief riet ihm aber, die Verfassungsänderung NICHT vorzunehmen, und ein burkinischer Leser hatte dem frz. Präsidenten sogar vorgeworfen, aus dem Kampf des burkinischen Volkes Nutzen ziehen zu wollen, AdÜ] und ihm geraten, als Ausweg eher einen Posten in einer internationalen Organisation anzunehmen (z. B. als Leiter der Internationalen Organisation der Frankophonie). Darauf hatte Blaise aber erwidert, er sei “für einen solchen Posten zu jung“(!).
  


 
Vor dem Sitz des Generalstabs und am Kreisverkehr der Vereinten Nationen  

 
Leider währt die Freude nur kurz, da General Honoré Traoré gleich danach erklärte, dass er der neue Staatschef sei und den „demokratischen Übergang“ sichern werde. Das Volk protestiert, der Menge gelingt es, den Sicherheitsgürtel zu durchbrechenund in den Hof des Stabsquartiers einzudringen. Angesichts der neuen Destabilisierung macht ein anderer Mann eine andere Erklärung gegen 8 Uhr auf dem Place de la Nation: Oberstleutnant Isaac Yacouba Zida, Nr. 2 bei dem RSP, will in den Reihen Ordnung schaffen. Er verkündet, dass die Verfassung nun ausgesetzt und eine Übergangsinstanz bis zur Rückkehr zur verfassungsmäßigen Ordnung ins Leben gerufen sei (ohne Angabe ihrer Führung). Dabei stehen an seiner Seite einige Anführer der Bewegung „Kehrbesen der BürgerInnen“. Die BurkinerInnen wissen nun nicht mehr ein und aus und fragen sich, wer das Land regiert: Honoré Traoré (von der Staatsarmee) oder Isaac Zida (von der Präsidentengarde)? Die Spannung löst sich, als Oberstleutnant Zida eine diesmal eindeutige Erklärung macht: er übernimmt die Regierungsmacht und erklärtsich selbst zum Übergangspräsidenten. Er verkündet auch, dass die Landes- und Luftgrenzen bis auf weiteres geschlossen werden.
 
Der Vorsitzende des Kollektivs gegen das Referendum (CAR) Hervé Ouattara hat bekannt gegeben, dass die Anführer der Oppositionsbewegungen aus der Zivilgesellschaft (CAR, „Kehrbesen der BürgerInnen“ usw.) schon in der Nacht zum 30. Oktober (also noch bevor Blaise seinen Rücktritt erklärte) Verhandlungen mit Oberstleutnant Zida und anderen Personen aus dem engeren Machtkreisin die Wege geleitet haben, um klar zu stellen, dass General Honoré Traoré die Staatsführung nicht übernehmen durfte. Da bildete sich ein Konsens heraus: Zida sollte „seine Verantwortung wahrnehmen“ und Honoré Traoré stürzen, was er in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November auch tatsächlich tat.

1. November 2014: Operation „mana-mana“, vom Kehrbesen der BürgerInnen bis zum Putzbesen

Nun heißt es Großputz halten, im wortwörtlichen Sinne. Dem Aufruf einiger Radios folgend und angetrieben von dem Willen, die durch die tagelang andauernden Zusammenstöße verwüsteten Städtewieder in Ordnung zu bringen, greifen Tausende BürgerInnen zu ihren Besen und beginnen, die Stadt sauber zu machen. Jene, die gestern noch Absperrungen aufbauten, Barrikaden errichteten, Steine warfen und die Gebäude zerstörten, die von der Führung des alten Regimes besetzt waren, machen sich heute daran, ebenso schwungvoll und tatkräftig die Straßen zu räumen, die großen Verkehrsadern und Straßen sauber zu kehren und den Autoverkehr wieder zu regeln. Und erteilen damit der ganzen Welt - demütig aber einigermaßen stolz - eine schöne Lektion in Bürgersinn. „Das Zerstörte wollen wir wieder aufbauen. Wir wollen, dass der Fremde, der sich in unserer Stadt für kurze Zeit aufhält, sich da auch wohl fühlt; und er muss feststellen können, dass wir ein korruptes Regime ebenso gut wie den Unrat in unseren Straßen wegkehren können. Dieser Besen ist unsere Waffe und von nun an werden die Präsidenten-Diktatoren den Besen fürchten!“
 
1. November 2014 gegen 9:45 Uhr vor dem Sitz der RTB (Burkinische Rundfunk- und Fernsehanstalt) in Ouagadougou. Mitten in der Operation „mana-mana“, deren Ziel es ist, die letzten Spuren der jüngsten Vorkommnisse aus der Stadt zu entfernen. Nachdem das burkinische Volk sich durch den Sturz des korrupten und autoritären Regimes von Blaise Compaoré ausgezeichnet hat, demonstriert es einen vorbildlichen Bürgersinn, indem es die Straßen von Ouagadougou spontan sauber macht, damit die Stadt nun ein neues Bild, eines der Sauberkeit und Redlichkeit bietet. Wie es ein Mitglied des „Kehrbesens der BürgerInnen“ ausdrückt: „Von nun an wird man den Besen fürchten!“

 

Parallel zur Operation „mana-mana“ (sauber-sauber) wird ein letztes Gebäude verwüstet, inspiziert und durchsucht: Die Wohnung des Bruders von Blaise François Compaoré. Das bis zur Ankündigung des Rücktritts von diesem von den Militärkräften bewachte Haus wurde dann gestürmt und ausgeplündert. Viele Luxusmöbel und -gegenstände wurden von den Plünderern mitgenommen; aber darüber hinaus mussten sich die Besucher über andere Sachen wundern und empören: Fetische, Amulette, Federn, Schafsköpfe, blutbefleckte Kleiderstücke und Fotos, auf denen Salah (die Frau von François Compaoré) zu erkennen war, wie sie das Blut eines Albinos bei einem satanischen Ritual trank. Das sind belastbare Beweise gegen das Paar Compaoré, das schon seit langem verdächtigt wird, Menschenopfer zu bringen, um sich Macht und Wohlstand zu sichern. Als diese Gerüchte durch eine Reportage auf France 24 herausgekommen sind, hatte die Familie von François Compaoré ein Kommuniqué als so genannte Antwort gegeben, die diese Inszenierung mit folgendem Text erklärte: „Die Bilder und Fotos, die von der Presse falsch interpretiert und instrumentalisiert wurden, sind bloße Inszenierungsvorlagen, die unsre Tochter als Primanerin im Saint-Exupéry-Gymnasium von Ouagadougou im Rahmen des Unterrichts im Fach bildende Künste schuf.“ Eine nicht sehr glaubwürdige Erklärung. Angesichts der Bedeutung und des Gewichts eines solchen weit verbreiteten Volksglaubens kann man sich schwer vorstellen, dass die Tochter des landesweit mächtigsten Mannes sich erdreistet hätte, ihre Mutter beim Verzehren eines Albinos zu inszenieren und ihre Arbeit dann im sehr vornehmen Saint-Exupéry- Gymnasium im Unterricht der Bildenden Künste zur Schau zu stellen.
 
 
 
Am Abend wird die Sperrstundeauf eine spätere Stunde verlegt; von nun an gilt sie von 22 Uhr bis 6 Uhr früh.

Am 2. November 2014 wird die Macht der RSP durch Gewalt gefestigt

In der Bevölkerung mehren sich erneut Zweifel und Misstrauen gegenüber dem neuen Staatschef, Oberstleutnant Zida. War er nicht ein Führer der RSP, als deren Kräfte die Demonstranten vor Kosyam beschossen hatten, um Blaise Compaoré zu schützen und anschließend seine Flucht zu arrangieren?Auf diese Feststellung gestützt, rufen die Anführer der politischen Opposition zu einer Versammlung auf dem Revolutionsplatz auf, mit der Aufforderung an Zida, die Macht in zivile Hände zu geben. Tausende Menschen folgen diesem Ruf und verlangen mit aussagekräftigenParolen Zidas Rücktritt: „Der Teufel darf nicht durch ein Teufelchen ersetzt werden“, „Wer hat den Befehl erteilt, in die Menge zu schießen?“ oder noch deutlicher: „Weg mit Zida!“. Einige Gruppen gehen noch weiter und verlangen Zidas sofortigen Rücktritt: „Heute noch, heute noch, heute noch!“. Sie drohen, wieder nach Kosyam zu marschieren.
 

Der Teufel darf nicht durch ein Teufelchen ersetzt werden

 
Die Oppositionsführer ziehen sich zur Beratung mit einem Vertreter der EU zurück, aber da wird die Menge ungeduldig: „Wenn sie nicht imstande sind, einen Kandidaten für eine zivile Instanz aufzustellen, die den Übergang sicherstellen kann, suchen wir uns selber einen aus!“ Darauf fordern einige DemonstrantInnen die Einbestellung der derzeitigen Vorsitzenden der PDC (Entwicklungs- und Wendepartei) Saran Sérémé; sie behaupten nämlich, dass „die Männer zwei Zungen haben, und man weiß nicht, auf welche man sich verlassen soll; man muss daher eine Frau wählen, weil Frauen immer das Wort halten.“ Die DemonstrantInnen drängen sie, eine Erklärung abzugeben; da die Tonanlage aber schlecht funktioniert, wird sie („mit Gewalt“ wird sie später sagen) zum Sitz der RTB gebracht, wo sie ihre Ansprache an ihre Landsleute halten soll. Der Zug mit Saran Sérémé kommt aber erst einige Minuten nach General Kwamé Lougué, unter Begleitung der CRS und der Militärkräfte.



Blaise und Zida sind Komplizen

 
Der General erklärt sich vor den Fernsehkameras zum neuen Staatschef. Da kein technisches Personal vorhanden und das Signal der RTB ausgeschaltet war, sollte diese Ankündigung nie ausgestrahlt werden und nur die Leute im Fernsehstudio erfuhren von diesem staatsstreichähnlichen Paukenschlag. Draußen wartet die Menge auf eine Erklärung von Saran Sérémé, die Zeit zu gewinnen scheint. Plötzlich knallen um 13:55 Uhr Schüsse rund um den Sitz der RTB. Ein mehrere Minuten anhaltender schwerer Beschuss schlägt die Anwesenden in totaler Panik in die Flucht. Die RSP umstellen den RTB-Sitz, um dem selbst ernannten Kwamé Lougué die Macht wieder zu entreißen. Am folgenden Tag wird seine Frau beunruhigt nach seinem Befindenfragen, da sie seit seiner Erklärung nichts mehr von ihm gehört hat. Nach offiziellen Angaben seien nur Warnschüsse gefeuert worden, um eine Menge, die „eine Bedrohung für das Material der RTB darstellte“ zu zerstreuen und es habe nur einen Toten gegeben. Nach unseren eigenen Erkundigungen wären jedoch im Rahmen des Beschusses zumindest drei Personen ums Leben gekommen und angesichts eines solchen Tatbestands kann man sich doch fragen, ob alle Schüsse wirklich nur „Warnschüsse“ gewesen seien.
 
 

Vom 3. bis zum 10. November 2014: Auf den „Kehrbesen der BürgerInnen“ folgt nun der diplomatische Reigen*

Nun beginnt aber ein Treffen- und Beratungsreigen aller nationalen, subregionalen und internationalen Akteure, um die Umrisse des Übergangs zu skizzieren. Hält man streng am Artikel 43 der Verfassung fest und bleibt man in deren legalem Rahmen, so soll „in dem Fall, dass das Präsidentenamt in Faso aus irgendeinem Grund nicht besetzt ist oder infolge einer absoluten oder vom Verfassungsrat, auf Ansuchen der Regierung, definitiv festgestellten Verhinderung, soll der Vorsitzende der Abgeordnetenkammer das Präsidentenamt ausüben.Die Bevölkerung lehnt es aber kategorisch ab, dass Soungalo Appolinaire Ouattara, der unter Blaise Compaoré bis zum 31. Oktober 2014 amtierende Vorsitzende der Abgeordnetenkammer, dessen Nachfolge antritt. In den Tagen nach dem 2. November werden daher von Zidas Regime und allen anwesenden politischen Akteuren harte Verhandlungen geführt, um eine Persönlichkeit zu identifizieren, die imstande sei, in der Übergangsperiode an der Spitze des Landes zu stehen. Zida trifft sich so u. a. am 3. November am Sitz des Wirtschafts- und Sozialrats mit den Vertretern der UNO, der AU (Afrikanische Union), der CEDEAO (Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft), am 4. Novembermitkirchlichen wie auch den traditionellen und religiösen Instanzen (insbesondere am Morgen mit dem Moogo Naaba, dem Mossi-König) sowie mit afrikanischen Staatschefs, Mitgliedern der CEDEAO (Macky Sall aus Senegal, John Dramani Mahama aus Ghana, Goodluck Jonathan aus Nigeria; das Treffen fand am 5. November in Ouagadougou im Hotel Laico statt) und am 10. November mit dem amtierenden Vorsitzenden der AU und mauretanischen Staatsoberhaupt Mohamed Ould Abdel Aziz zusammen. Auf diesen Treffen beteuert Oberstleutnant Zida immer wieder, dass er die Macht in zivile Hände geben wird, sobald Opposition und Zivilgesellschaft eine Persönlichkeit gefunden haben, die in der Übergangsperiode das Land führen kann. Die Afrikanische Union und die CEDEAO fordern ihn auf, binnen zwei Wochen (ab seinem Amtsantritt am 1. November) die Macht an eine zivile Führung abzugeben, andernfalls könnten Sanktionen verhängt werden. Das Ultimatum läuft am 15. November 2014 ab.
 
Schon am 4. November beschließt Kanada, seine Entwicklungshilfe (30 Millionen Euro für 2012-2013) bis zurEinsetzung einer „zivilen, stabilen und demokratisch gewählten Regierung“ in Burkina Fasoauszusetzen. Nach einer Woche täglicher, langwieriger Verhandlungen zwischen der neuen burkinischen Regierungsmacht und den anwesenden Vertretern der politischen Opposition und der Zivilgesellschaft wird am 10. November die Vorlage für eine Übergangscharta beiOberstleutnant Zida eingereicht: ein Übergangspräsident (notwendigerweise eine zivile Persönlichkeit), ein Premierminister, eine Regierung mit 25 Ministern, und eine Nationalversammlung, deren 90 Mitglieder mehrheitlich Zivilpersonen sein werden (40 Oppositionsmitglieder, 30 VertreterInnen der Zivilgesellschaft und 10 Abgeordnete aus der ehemaligen Regierungsmehrheit). Die Abgeordneten werden bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen von 2015 kandidieren dürfen, aber nicht die Mitglieder der Exekutive, die nicht wählbar sein werden, um mögliche Interessenkonflikte  zu vermeiden.
 
Einige Tage früher haben sich die BurkinerInnen über zwei Erklärungen des Präsidenten empört: einerseits hat der ivorische Präsident Alassane Ouattara erklärt, dass der im „Giscardium“ - ein Gebäude in Yamoussoukro, das für die Gäste des Präsidenten reserviert ist - weilende Blaise Compaoré, sich dort so lange aufhalten darf, wie es ihm beliebt. Andererseits hat Präsident François Hollande offiziell zugegeben, dass Frankreich dafür gesorgt hat, dass der inzwischen abgetretene Präsident in die Elfenbeinküste evakuiert werden konnte, indem es alle dafür erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt hat - um die Flucht zu ermöglichen. Welche Rolle die französischen Behörden bei dieser Fluchtsowie bei den nachfolgenden Vorkommnissen gespielt haben, ist vorläufig nicht geklärt, muss aber im Detail untersucht werden, damit die Früchte der Revolution in den kommenden Monaten nicht durch ausländische Mächte geraubt werden.
 

1- CRS (Compagnies républicaines de sécurité) sind von Frankreich übernommene Eliteeinheiten der Polizei, die bei Demos regelmäßig eingesetzt werden

2- Unübersetzbares Wortspiel zwischen dem frz. „balai“ (Kehrbesen) und „ballet“ (Ballett, Tanz)

 
Wer ist wer in Burkina Faso

 

http://scd.rfi.fr/sites/filesrfi/imagecache/rfi_large_600_338/sites/images.rfi.fr/files/aef_image/000_Par7387424_0.jpg
ADF/RDA : Dritte Politische Partei des Landes, ist aus dem Zusammenschluss zweier Oppositionsparteien (Alliance pour la Démocratie et la Fédération [Allianz zur Demokratie und Föderation] und Rassemblement Démocratique Africain [Afrikanische Demokratische Sammlung] entstanden. Den 26. Oktober 2014, d.h. 4 Tage vor der Abstimmung in der Abgeordnetenkammer schließen sich die Abgeordneten der ADF/RDA dem Lager der CDP (Compaorés Partei) an; jene hofft, auf diese Weise die Änderung des Artikels 37 der Verfassung ohne Referendum durchsetzen zu können.

 
http://economie.jeuneafrique.com/images/stories/regions/ASS/Burkina_Alizeta_Ouedraogo_cAhmed_Ouoba.jpg
Alizéta Ouédraogo : Geschäftsfrau und Interimvorsitzende der Handels- und Industriekammer (CCI). Mutter von Salah Compaoré, François Compaorés Frau. Besitzt mehrere Gesellschaften in mehreren einträglichen Sektoren: Immobilien, Bauunternehmen und BTP (Hoch- und Tiefbau, öffentliche Arbeiten), Letzteres über die Société de construction et de gestion immobilière du Burkina (Burkinische Bau- und Immobilienverwaltungsgesellschaft), Lederwaren, Bergbau, Telekommunikationen. Laut Zeitung  Jeune Afrique ist sie derzeit „die wohlhabendste Frau des Landes“ - gewiss auch die einflussreichste.
 
http://www.zedcom.bf/hebdo/op882/assimi-kouanda1.jpg
Assimi Kouanda :Exekutiver Nationalsekretär der CDP-Partei in der Ära Compaoré. Den 25. Oktober 2014, einige Tage vor Beginn der Revolution, die landesweit gegen das alte Regime entflammt ist, hat Assimi Kouanda   erklärt: „Wir müssen bereit sein, weil gewisse Leute glauben, dass politischer Wechsel vollautomatisch fungiert. Wenn sie (die Demonstranten) ein Haus in Brand stecken, muss ihr Haus auch brennen, wenn sie nach Hause kommen. (...) Stellen wir sofort Brigaden auf, damit wir gleich reagieren können. Die Störer werden gestört werden“. Am 30. Oktober steht die Abgeordnetenkammer in Flammen, Blaise tritt ab und den 4. November 2014 wird Assimi Kouanda verhaftet.

 
http://burkina24.com/wp-content/uploads/2011/08/b%C3%A9n%C3%A9wend%C3%A9-sankara.jpg
Bénéwendé Stanislas Sankara : Dieser 55-jährige Anwalt ist Vorsitzender der Union pour la Renaissance / Parti sankariste ( Union zur Wiedergeburt/ Sankaristische Partei, UNIR/PS), die im Oktober 2014 zur Front Progressiste Sankariste (Fortschrittliche Sankaristische Front, FPS), einer Koalition / Sammlung mehrerer Parteien mit sankaristischer Prägung überging. Er ist das einzige Mitglied der CFOP (Koalition der Oppositionsparteien), das  nie der CDP angehört oder Blaise Compaoré nahe gestanden hat. Obwohl die sankaristische revolutionäre Ideologie unter  dem burkinischen Volk (insbesondere in der Jugend) sehr  lebendig bleibt, ernten die sankaristichen Parteien wenig Stimmen bei den Wahlen, vor allem wegen ihrer Spaltungen Bénéwendé Sankara ist ausgebildeter Rechtsanwalt und zwischen 1984 und 1986 unter Thomas Sankaras Präsidentschaft im Comité de Défense de la Révolution (Komitee für die Verteidigung der Revolution, CDR) aktiv gewesen. Nach Thomas Sankaras Ermordung ist Bénéwendé der Advokat der Familie Sankara geworden, welche verlangte, dass eine Untersuchungskommission zur Klärung der Umstände seines Todes aufgestellt wird und die Drahtzieher seiner Ermordung vor Gericht gestellt werden.
 
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General Gilbert Diendéré: Persönlicher Stabschef des Präsidenten Blaise Compaoré seit dessen Machtantritt im Jahre 1987 bis zu seinem Rücktritt im Jahre 2014. Diendéré ist außerdem der Chef der Präsidentengarde RSP, eine Elitetruppe zum Schutz des Präsidenten. Zu guter Letzt leitet er vom Präsidentenpalast aus die Schnittstelle der Nachrichtendienste der Gendarmen, der Zolldienste und der Armee. Er soll dem ehemaligen französischen Botschafter in Burkina Faso General Emmanuel Beth (jener, der 2002 und 2003 die Opération Licorne (Operation Einhorn) in der Elfenbeinküste kommandierte) sehr nahe stehen. General Dienderé gilt laut einigen Medien und Analytikern als „ der mächtigste Mensch in Burkina Faso nach dem Präsidenten selber .“ Und der oberste Hüter vieler Geheimnisse des Regimes. Nämlich hat Diendéré am 15. Oktober 1987 Thomas Sankaras Ermordung sowie jene seiner 12 Gefährten am Sitz des Nationalrats für die Revolution überwacht, obwohl er damals schon die Pô-Kommandos zum Schutz von Sankara leitete. Die Bande zwischen Blaise Compaoré et Gilbert Diendéré liegen schon weit zurück, denn schon im Jahre 1981, als Blaise die Oberhand über den Centre National d'Entraînement Commando (CNEC) in Pô erhalten hat, hat er den jungen Unteroffizier Diendéré zu seinem Stellvertreter ernannt. 1989 wurde Diendéré in die Ermordung der ehemaligen Gefährten von Thomas Sankara und Blaise Compaoré, Jean-Baptiste Lingani et Henri Zongo auch involviert.  Einige Tage später wurde Diendéré zum Generalsekretär des Exekutivkomitees der Volksfront für Verteidigung und Sicherheit - was soviel ist, wie eine Ernennung zur Nummer 2 des Landes. Auch hatte Diendéré für den (inzwischen von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit überführten) Liberianer Charles Taylor zu sorgen, als jener in Burkina Faso zu Gast war, sowie für den Elfenbeinküster Guillaume Soro und den Guineer Moussa Dadis Camara. Auch hat Diendéré am Ende der Neunziger Jahre laut Aussagen, die in einem UNO-Bericht zitiert wurden, in Ouaga für die Durchfahrt ukrainischer Waffen nach Sierra Leone gesorgt. Und hat sich auch noch am 1. Dezember 1990 nach Tschad begeben, als Hissène Habré aus N’Djamena floh. Und ist die Schlüsselperson in der Affäre David Ouédraogo gewesen,der Chauffeur von François Compaoré, der im Januar 1998 tot aufgefunden wurde, nachdem Diendérés Männer ihn verhaftet hatten und versucht, ihn zu Geständnissen zu zwingen. Und wieder jene in der Affäre Norbert Zongo, der Journalist, der die Affäre Ouédraogo enthüllt hat und im Dezember 1998 ermordet wurde, was die ganze burkinische Bevölkerung und insbesondere die burkinischen Intellektuellen sehr stark aufregte. Und zu guter Letzt ist Gilbert Diendéré auch der große Vermittler zwischen den in Sahel aktiven Terroristengruppen, an der Spitze al-Qaida des islamischen Maghreb, und den abendländischen Regierungen, wenn es um Befreiung von Geiseln geht.
 
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Hervé Ouattara: Präsident des CAR (Kollektiv gegen das Referendum) : das Kollektiv wurde als Organisation der Zivilgesellschaft zur Ausübung eines Drucks auf die Regierung ins Leben gerufen, damit jene ihr Projekt einer Verfassungsänderung aufgibt.
 
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Honoré Traoré (Brigadegeneral): Der 1957 geborene Brigadegeneral Honoré Traoré wurde im Zuge der Unruhen in Burkina Faso 2011 zum Generalstabschef der Armee ernannt. Nach Compaorés Rücktritt am 31. Oktober 2014 erklärte er, „gemäß der Verfassung“ das Amt des Staatschefs für 12 Monate übernommen zu haben. Am folgenden Tag stellte sich aber die Militärführung hinter dem Oberstleutnant Zida, der ebenfalls auf den Posten eines Übergangspräsidenten Anspruch erhob. Auch Traoré unterzeichnete die Erklärung und musste dementsprechend zurücktreten. Er hat also nur für kurze Zeit geherrscht.

 
http://gdb.voanews.com/B1D32BF5-A737-46F9-A39F-693A6C015A25_mw1024_s_n.jpgIsaac Zida: Der Oberstleutnant Isaac Zida ist Diendérés Stellvertreter, d.h., der Vizechef der RSP (Präsidentenleibgarde).Am 1. November 2014 erklärt er sich selber zum burkinischen Staatschef. Das Volk wirft ihm aber vor, dem Regime von Blaise Compaoré ganz nahe gestanden zu haben, und fragt sich, ob der Befehl, am 30. Oktober 2014 die Menge mit scharfer Munition zu beschießen ohne seine Zusage hätte erteilt werden können, wobei er noch in der Befehlskette stand. Auch fragt man sich, wie Blaise Compaoré in die Elfenbeinküste und François Compaoré nach Benin haben fliehen können (wobei Letzterer am 30. Oktober 2014 im Flughafen von Ouagadougou verhaftet worden war und die Luft- und Bodengrenzen auf Zidas Anordnung geschlossen worden waren). Aus diesen Gründen hat das Volk kein Vertrauen zu ihm, fordert seinen Rücktritt und die Übergabe der Macht in zivile Hände. Zida hat sich verpflichtet, dieser Aufforderung spätestens am 15. November (von der UNO und der CDEAO festgelegter ultimativer Termin) nachzukommen, was er auch tatsächlich tat, dafür Premierminister wurde.
 
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Larlé Naaba (Victor Tiendrebéogo) : Hoher Amtsträger im Königreich der Mossi (als Kriegsminister der dritte in der Hierarchie der Mossi) und Sprecher des Moogho Naaba (traditioneller Führer der Mossi). CDP- Abgeordneter von 1992 bis 2014, hat aber als Einziger in der Gruppe die im Januar 2014 veröffentlichte Unterstützungserklärung zu Gunsten von Blaise Compaoré nicht unterzeichnet. Im selben Monat tritt er als Abgeordneter zurück und verlässt die CDP-Partei. Er schließt sich dann den ehemaligen Prominenten der mehrheitlichen Partei im Mouvement du Peuple pour le Progrès (MPP, Bewegung des Volkes für den Fortschritt) unter der Führung von Roch Marc Christian Kaboré an.
 
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Roch Marc Christian Kaboré  war von 1984 bis 1989 Generaldirektor der Banque Internationale du Burkina (Internationale Bank von Burkina). Er wurde dann Staatsminister, dann Minister für die Koordinierung des Handelns der Regierung, darauf Finanzminister und schließlich Minister für die Beziehungen mit den Institutionen. Von 1994 bis 1996 war er Premierminister des Burkina Faso. 1999 wurde er Generalsekretär der CDP (die Partei des damaligen Präsidenten Blaise Compaoré) und war sogar 2002 zum Vorsitzenden der Nationalversammlung gewählt. Im Januar 2014 verlässt er die CDP-Partei und gründet zusammen mit anderen abgetretenen Mitgliedern eine eigene Oppositionspartei, die MPP (siehe oben), deren Vorsitzender er wird. Er ist derzeit zusammen mit Zéphirin Diabré einer der einflussreichsten Oppositionsführer. Ihm wird aber von Seiten des Volkes Opportunismus und Kollaborationismus vorgehalten, denn er soll nur deshalb die MPP verlassen und die Verfassungsänderung kritisiert haben, weil er selber Kandidat bei der Präsidentschaftswahl 2015 sein wollte.
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RSP (Régiment de Sécurité Présidentielle) : Leibgarde des Präsidenten von Burkina Faso. Die Elitetruppe (ungefähr 1000 Mann) ist im Gegensatz zu der Staatsarmee sehr gut ausgebildet und verfügt über effiziente und moderne Waffen. Sie besteht aus 5 Kommandogruppen, die im Centre National d'Entraînement Commando (CNEC) (Nationales Trainingszentrum der Kommandos) von Pô ausgebildet werden ; jenes stand unter der Führung von Blaise Compaoré.  Die Zeitung Jeune Afrique behauptet, dass sie sogar zusammen mit französischen Elitetruppen trainieren (Frankreich verfügt über 200 bis 300 Mann vor Ort ), nichts Erstaunliches, wenn man die engen Bande zwischen Gilbert Dienedéré und dem ehemaligen französischen Botschafter in Burkina Faso Emmanuel Beth bedenkt. Mehrere Analytiker meinen, dass die RSP „eine Armee innerhalb der Armee“ sind, eine geheime bewaffnete Streitkraft, deren Mitglieder viel effizienter und schrecklicher als die Staatsarmee seien.
 
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Saran Sérémé : Präsidentin der Parti pour le Développement et le Changement (PDC, Entwicklungs- und Wendepartei ). Die PDC ist eine Oppositionspartei, die zur Parteienkoalition unter Führung von Zéphirin Diabré gehört. Am 2. November 2014 wird sie nach einem am Place de la Révolution organisierten Treffen von der Menge bejubelt und war dabei, eine Erklärung im RTB (siehe oben) abgeben zu müssen, als die RSP die Situation wieder unter Kontrolle nahm.
 
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Simon Compaoré  wurde 1985 nach seinem Studium auf der Wirtschaftsuniversität von Dijon der Kabinettchef von Blaise Compaoré, dem damaligen stellvertretenden Minister des Präsidenten. 1995 wurde er zum Bürgermeister von Ouagadougou gewählt, was er bis 2012 blieb (drei Mandaten). Auch ist er von 1997 bis 2007 Abgeordneter und seit 2003 der Vizegeneralsekretär der Mehrheitspartei CDP. Die Partei verlässt er im Januar 2014 (also ein Jahr vor der kommenden Präsidentschaftswahl) zusammen mit den ehemaligen Prominenten der Partei Roch Marc Christian Kaboré und Salif Diallo, und schließt sich passenderweise dem Oppositionslager an. Es sei auch erwähnt, dass er in Frankreich zum Ritter der Ehrenlegion (frz. Verdienstorden) gemacht wurde.
Guy Hervé Kam : Sprecher der unpolitischen Volksbewegung“ Kehrbesen der BürgerInnen“, die während der Revolution bei der Veranstaltung der Demos eine beträchtlicheRolle spielte. Andere Anführer des Kehrbesens haben im Laufe der Revolution einen grundlegenden Einfluss auf die Mobilisierung der Jugend ausgeübt, zum Beispiel die Sänger Smockey und Sams'k le jah, die schon seit Monaten zur Anprangerung des autoritären Regimes von Blaise Compaoré Märsche, Sitzaktionen und Besetzungen von öffentlichen Plätzen koordinieren und lenken.
 
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Zéphirin Diabré  ist seit 2013 der CFOP (Anführer der politischen Opposition); somit steht er an der Spitze der Koalition von Oppositionsparteien, welche die Nicht-Veränderung des Artikels 37 der Verfassung verlangte, damit Blaise Compaoré 2015 nicht kandidieren dürfe. Der ehemalige Student auf der École supérieure de commerce (Handelshochschule) und der Wirtschafts- und Managementuniversität von Bordeaux wurde dann Dozent für Management an der Universität von Ouagadougou und später Vizedirektor der Brauereien von Burkina Faso, die der französischen Industriegruppe Castel gehören. Dann wurde er Wirtschaftlicher Berater des Präsidenten Blaise Compaoré. 1998 wurde er Vizedirektor des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) und 2006 tritt er dem französischen Konzern AREVA als Chairman für Afrika und Mittelosten sowie Berater für Internationale Angelegenheiten bei der Präsidentin Anne Lauvergeon bei. Auch ist er an der Spitze einer Arbeitsgruppe bezüglich Rohstoffe bei der MEDEF (frz. Unternehmerverband, AdÜ), Abgeordneter in der burkinischen Nationalversammlung, Finanz-, Industrie- und Bergbauminister und Vorsitzender des Wirtschafts- und Sozialrats des Burkina Faso. Im Jahre 2010 ändert er den Kurs und wird Vorsitzender einer Oppositionspartei, die Union pour le Progrès et le Changement (Union für Wandel und Fortschritt, UPC). 2011 verlässt er die Industriegruppe AREVA und fungiert nunmehr als internationaler Berater im Bereich der Finanzierung der Bergbauindustrie.

  





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Publication date of original article: 22/11/2014
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