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 27/09/2020 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 ABYA YALA 
ABYA YALA / 43 Studenten in Mexico verschleppt: Kampf weitet sich auf das Land und die Welt aus
Date of publication at Tlaxcala: 25/11/2014
Original: Global Struggle for Ayotzinapa Captures World's Attention
Translations available: Français 

43 Studenten in Mexico verschleppt: Kampf weitet sich auf das Land und die Welt aus

teleSUR

Translated by  Einar Schlereth
Edited by  Susanne Schuster سوزان شوستر

 

 

Einem Studenten war seine Haut über den Kopf gezogen worden, ein grauenhaftes Bild typisch für einen Narco-Mord. Das Foto aus dem Staat Guerrero, in dem der Narco-Krieg tobt, wurde vor 7 Wochen aufgenommen und ging viral im Internet. Am selben Tag wurden 5 weitere Personen getötet und dreiundvierzig Pädagogikstudenten "verschwanden" in der kleinen Stadt Ayotzinapa. In einer Pressekonferenz zu den Übergriffen einen Monat nach dem Verschwinden der Studenten nahm der Generalstaatsanwalt an, dass sie "tot" seien ohne jeden Beweis, um die Schlussfolgerung zu belegen. Am Ende der Konferenz sagte dieser höchste Ankläger des Landes, dass er "müde" sei, was von allen, die mit der Trauer der Eltern der Studenten sympathisierten, nicht gut aufgenommen wurde.

 
Demonstrators march on Reforma Avenue during a protest in support of 43 missing Ayotzinapa students in Mexico City November 20, 2014. (Photo: Reuters)
Diese Ereignisse waren der Funke, der den Zorn der Nation bis zum Siedepunkt brachte in einem der größten Länder und Ökonomien Lateinamerikas. Mexiko ist Zeuge von beinahe täglichen und landesweiten Widerstandsaktionen geworden. Seit dem Verschleppung der Studenten am 26. September schäumte das Land über von Massenmärschen, Lichternachtwachen, Streiks an Universitäten und von Gewerkschaften, Besetzungen von offiziellen und Universitätsgebäuden, Verhaftungen von Demonstranten durch Krawallpolizei, Zerstörung öffentlicher Gebäude, Sit-ins, Diskussionsrunden über die schlimmen Begleitumstände der Narco-Staatsgewalt und Sperrung internationaler Brücken.
 
Während die 43 Studenten, die technisch immer noch als verschwunden gelten, wegen Mangels an forensischen Beweisen, zwar den Beginn der Bewegungen katalysierten, ist das Land jedoch seit langem des systematischen Problems an verschwundenen Personen und die damit verbundene gespenstische offizielle Straflosigkeit überdrüssig. Allein in den vergangenen 3 Jahren sind nicht weniger als 24 000 Personen verschwunden - nach offiziellen Schätzungen. Doch andere Analytiker schätzen die wirkliche Zahl viel höher ein.
 
Der Bürgermeister von Iguala und seine Frau, mit dem Spitznamen das "kaiserliche Paar", wurden vor einigen Wochen verhaftet, wie Telesur berichtet hat. Das flüchtige Paar wurde in einem gemieteten Haus in Itzapalapa, Mexico-Stadt erwischt. Man hatte damals auf wertvolle Hinweise gehofft, aber es hat keine Fortschritte gegeben.
 
Zum Tag der Revolution, ein wichtiger nationaler Feiertag, der gewöhnlich mit offiziellen Paraden und Patriotismus umgeben wird, wurden über zweihundert Widerstandsaktionen durchgeführt. Der 20. November 1910 ist der Tag, an dem Francisco Madero die Revolution gegen den damaligen Diktator Porfirio Diaz ausrief. Nach einem 10-jährigen Kampf war die Revolution erfolgreich und seither wird der Tag gefeiert.
 
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"Ich hab' genug von der Furcht"

 
Die Massenwiderstandsbewegung, die Gerechtigkeit für die 43 Studenten fordert, hat einen Namen, der zum digitalen Zeitalter passt: #YaMeCanse, ein Twitter Hashtag. Er entstand fast augenblicklich auf zahlreichen Twitter Feeds als Antwort auf die Klage des Generalstaatsanwalts Jesus Murillo Karam, "ich bin müde" [ya me canse; das kann aber auch heißen: 'Ich hab' genug', was zum Kampfruf der Bewegung wurde].
 
Nach dem landesweiten und internationalen Tag des Widerstands begannen Analytiker und Kommentatoren in ganz Mexiko von einer modernen Revolution zu sprechen, die sich im Lande zusammenbraut.

Aktionen in ganz Mexiko und darüberhinaus 

Der Donnerstag wurde "Globaler Kampf für Ayotzinapa" getauft, da die Proteste der Solidarität von Aktionen rundum auf dem Globus stattfanden, sogar in Europa in Spanien und Holland und in einigen der größten Staaten der USA, wie Texas und Kalifornien.
 
Die in Mexiko-Stadt, der Hauptstadt des Landes, Sitz der Bundesregierung und Heim von nicht weniger als einem Viertel der Bevölkerung Mexikos, organisierten Ereignisse führten die globalen Ereignisse an.
 
Drei von Familienmitgliedern der 43 Studenten nach Mexico-Stadt geführte Karawanen zogen die Aufmerksamkeit der Welt auf sich. Als sie den Stadtrand erreichten, trafen sie auf drei entsprechende Märsche, die von drei wichtigen Plätzen der Stadt ausgingen: dem Angel de Independencia-Platz, der von Hochhäusern der Multis umgeben ist; dem Tlatelolco-Platz, der Ort des schändlichen Massakers von 1968, wo hunderte Studenten starben und dem Monumento de la Revolución-Platz.
 
Alle drei Märsche verschmolzen am Ende und schufen eine massive Präsenz im historischen Zentrum der Altstadt, dem Zócalo. Dort fanden kreative Aktionen und Szenen statt, die einige der am weitesten verbreiteten Bilder im Internet hervorbrachten. Präsident Enrique Peña Nieto wurde in effigie verbrannt. Ein gigantischer Kreis umgab die symbolische Handlung. Danach kam es zu Scharmützeln zwischen jungen maskierten Demonstranten und der Polizei, als Feuer vor dem Eingang zum Nationalpalast angezündet wurden.
 
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Peña Nieto wird in Effigie verbrannt

 
Unterdessen fanden auch Aktionen in jeder größeren Stadt Mexikos statt. Die Bewegung hatte alle Mexikaner aufgefordert, die Arbeit und Schulbesuche einzustellen, damit es zu einem nationalen Streik kommt.

Die US-Todesmauer zwischen Mexiko und den USA 

Die Grenzstädte Ciudad Juarez und El Paso zeigten einen simultanen grenzüberschreitenden Widerstand mit Ereignissen, Märschen und politischen Aktionen. Beide Städte bildeten zusammen die größte Grenzmetropole der Welt, wobei die Grenzposten der internationalen Brücke vorübergehend von Demonstranten besetzt wurden. Nach der Aufhebung der Blockade verlangten die Demonstranten erfolgreich die freie Passage von hunderten Autos, die normalerweise 26 Pesos (= 2 $) für das Überqueren der Brücke bezahlen müssen.
 
Tausende protestierten gegen die offizielle Juarez-Parade und in El Paso protestierten Studentengruppen und Solidaritätsorganisationen vor dem mexikanischen Konsulat gegen das Verschwinden der 43 Studenten.
 
In Hermosillo im nördlichen Staat Sonora gab es einen Marsch von tausenden Demonstranten aus Gewerkschaftlern und Studenten. Studenten besetzten die staatliche Kongreßhalle und verlangten ein Ende der Straflosigkeit und der Narco-Staatsgewalt.
 
In Tijuana, Mexikos zweitgrößter Grenzstadt hielten Studenten von Hochschulen und der Universtität Baja California (UABC) einen Revolutionsmarsch ab als Alternative zur offiziellen Parade der Stadt. Man forderte das Ende der staatlichen Unterdrückung.
 
Cuernavaca ist die Stadt, aus der Mexikos berühmtester Dichter, Javier Sicilia, kommt. Sicilia hat seit 2011, als sein Sohn und sechs seiner Freunde in einem angeblichen Fall von Gewalt der Drogenkartelle ermordet wurde, kein Gedicht mehr geschrieben. Aber er führte Mexikos allergrößte Friedens- und Antidrogenkriegskampagne an. Sie entstand direkt auf dem Höhepunkt der Drogenkriegsgewalt unter dem vorigen Präsidenten Calderon. Am Donnerstag führten die Gewerkschaften einen Marsch zum Cortes-Palast durch. Eine Massenversammlung danach machte Pläne für künftige Aktionen.
 
In der Stadt Oaxaca gab es 2006 einen größeren Aufstand, ähnlich der #YaMeCanse Bewegung von heute, bei dem der Rücktritt der Regierung im Staate verlangt wurde. Die Sektion 22 der Lehrergewerkschaft organisierte vier Märsche und forderte die sichere Rückkehr der 43 Studenten.
 
In Monterrey versammelten sich online-organisierte tausende Leute aus Solidarität mit den 43 im Stadtzentrum, wo es schon häufig Gewalt im Drogenkrieg gegeben hat.
 
Cancun ist Mexikos berühmtester Badestrand, der jährlich sechs Millionen Touristen anlockt. Dort gibt es selten politischen Widerstand. Am Tag des "Globalen Kampfes für Ayotzinapa" jedoch versammelten sich viele tausend Bewohner der Stadt zu einem Protestmarsch gegen das Verschwinden der 43.
 
Chilpancingo, Hauptstadt des Staates Guerrero, und der dem vermutlichen Massaker am nächsten gelegen, erlebte einen tausendköpfigen Marsch, der von der Lehrerorganisation organisiert worden war.
 
[Weitere Märsche fanden in Puebla, Guadalajara, Toluca, Culiacan, Leon, Campeche, Zamora, Xalapa und Tenosique statt.]

Peña Nieto und #YaMeCanse 

Präsident Enrique Peña Nieto hat nicht viel getan, um den Widerstand und den schwindelerregenden Höhepunkt der Bewegung zu stoppen. Stattdessen hat er die Wut der kommenden Demonstranten nur Tage vor dem Donnerstag durch barsche und drohende Kommentare angefeuert. Gleich nach der Rückkehr von einer weithin publizierten und übel genommenen Reise nach China, um am Asia-Pacific Economic Cooperation Forum (APEC) teilzunehmen, bezeichnete er die Widerstandsbewegung als nichts anderes "als Instabilität und soziale Unordnung schaffen", als eine Widerspiegelung von jenen, "die nicht wollen, dass ihr Land wächst und die seine Entwicklung aufhalten wollen".
 
Des weiteren drohte er, die Staatsgewalt einzusetzen falls notwendig, um die Proteste zu unterdrücken. Die Märsche im Lande bezeichnete er bloß "als ein paar Stimmen", denen "ein klares Ziel fehlt und die nicht das nationale Projekt" seiner Regierung teilten. Nietos Kritik an der fehlenden Klarheit der Bewegung jedoch widerspricht der klarsten und am häufigsten ausgesprochenen politischen Forderung: Nietos eigener Rücktritt von seiner zunehmend in Bedrängnis geratenen Präsidentschaft. Schon vor dem Beginn der Bewegung erreichte seine Beliebtheit in Umfragen den Tiefstpunkt seit seinem Machtantritt 2012.
 
Das "nationale Projekt", auf das Nieto sich bezog, ist eine Flut von schnell durchgepeitschten und weitreichenden Reformpaketen, die zu 85 Änderungen der Verfassung führten. Darunter wichtige Schritte zur Privatisierung der nationalen Ölindustrie für ausländische Interessenten und Änderungen der Gesetze für Erziehung und Finanzen, um den großen Geschäftsinteressen entgegenzukommen.
 
Peña Nieto, der erst zwei Jahre seiner 6-jährigen Amtsperiode hinter sich hat, hatte einen Monat vor den Wahlen 2012 eine fast zweistellige Führung vor seinem Herausforderer. Diese Führung wurde als Ergebnis einer von Studenten geführten Bewegung auf ein Plus von wenigen Punkten reduziert. [Was ein stark angezweifeltes Ergebnis war. Nieto war der von Washington gewählte Präsident, der von den USA mit allen Mitteln durchgesetzt werden sollte. Siehe auch meinen Artikel hier und hier. Außerdem ist das "nationale Projekt" der eindeutigste Beweis dafür, dass Nieto der von den USA durchgedrückte Präsident ist. D. Ü.]
 
Daher überrascht es nicht, dass Mexikos neueste Inkarnation einer sozialen Massenbewegung, diesmal noch größer als 2012, doch ebenfalls von Studenten und Jugendlichen angeführt, den Zorn des verbitterten Präsidenten erregte.
 
Präsident Nieto wurde gestern so gut wie völlig ignoriert, da das Rampenlicht allein auf die Bewegung und ihren politischen Widerstand gerichtet war. Nur die Zeit kann zeigen, ob die #YaMeCanse Bewegung auch erfolgreich einen Rücktritt des Präsidenten erzwingen kann und fundamentale Veränderungen eines politischen Systems, das seit langem durch Straflosigkeit in Bezug auf den Drogenkrieg und die Narco-Staats-Kollaboration erschüttert wurde. Im Moment gibt es keinen Zweifel, dass die Kreativität und der unermüdliche Widerstand der Bewegung, die Gerechtigkeit für die 43 verschwundenen Studenten fordert, die Aufmerksamkeit des Landes und zunehmend auch der Welt auf sich zieht.

 





Courtesy of Einar Schlereth
Source: http://www.telesurtv.net/english/news/Global-Struggle-for-Ayotzinapa-Captures-Worlds-Attention-20141121-0020.html
Publication date of original article: 21/11/2014
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=13974

 

Tags: MexikoAyotzinapaVerschwundene StudentenGewaltLogische Revolten#YaMeCanseWiderstandNordamerikaLateinamerikaAbya YalaIguala-Massaker
 

 
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