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 15/12/2017 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 LAND OF PALESTINE 
LAND OF PALESTINE / Brief von Al-Arakib nach seiner 65. Zerstörung
Date of publication at Tlaxcala: 28/06/2014
Original: Letter from Al-Arakib after its 65'th demolition

Brief von Al-Arakib nach seiner 65. Zerstörung

Gadi Algazi גדי אלגזי غادي الغازي

Translated by  Gisela Siebourg

 

Liebe Freunde,

dies ist eine jener Mails, die ich gern vermeide zu senden. Einige unter euch haben unsere Arbeit gegen Enteignung der Beduinen innerhalb der Grünen Linie verfolgt (Es gibt ein weiteres immenses Projekt, dessen Ziel es ist, Beduinen, die im Westjordanland leben, zu vertreiben, viele von ihnen Flüchtlinge aus dem 1948iger Krieg; viele von ihnen leben im Jordantal, wo enteignete Beduinen, einschließlich vieler Kinder, für praktisch Nichts in Siedlerplantagen arbeiten.) Während der letzten vier Jahre aber haben wir (www.tarabut.info) uns auf die Arbeit mit Beduinen, die israelische Bürger sind, konzentriert; sie sind die am meisten verarmte und diskriminierte Gruppe innerhalb Israels.

 
Wir – zusammen mit unseren Freunden aus dem Negev Coexistence Forum and Rabbis for Human Rights -- haben insbesondere eine Gemeinschaft im Negev unterstützt, nur wenige Meilen nördlich der Stadt Beer Sheva gelegen: Al-Arakib. Sie sind 1951-1952 vertrieben worden, manche konnten jedoch unweit der Ländereien ihrer Vorfahren bleiben und waren nach und nach in der Lage dorthin zurück zu kehren, da die israelischen landwirtschaftlichen Siedlungen das Interesse an diesen Ländereien verloren.  Der Staat Israel war mächtig genug zu vertreiben, auszutreiben, zu enteignen – zumindest auf dem Papier – aber er war nicht imstand genug, die südlichen Teile des Landes effektiv zu kolonisieren.    
 
Im Jahr 2000 begannen auf einander folgende israelische Regierungen mit Hilfe des Jüdischen Nationalfonds einen Zermürbungskrieg gegen die Beduinen. Ehemals als „gute Araber“ betrachtet, loyal und fügsam, wurden sie zum „Feind im Inneren“, die „zu viele Kinder“ zur Welt brächten, kriminalisiert und als „Eindringlinge“ in „Staatsland“ (das in aller Regel enteignetes Beduinenland ist) bezeichnet. Der Jüdische Nationalfonds wurde in diesen Kampagnen als Vorreiter benutzt, er pflanzte dürre Bäume auf Beduinenland, um einseitig Eigentumsansprüche zu markieren und ganze Bereiche für Beduinen- Landwirtschaft unbrauchbar zu machen.
 
 
Die Menschen des betroffenen Dorfes, al-Arakib, hatten zwei Vorteile, wenn sie ihre Rechte auf das Land wieder einforderten:  Einige waren an einen Ort nur wenige Kilometer nördlich ihrer Ländereien vertrieben worden, und sie konnten sich um den 1914 errichteten und intakt gebliebenen Friedhof wieder zusammenfinden. 
 
Dort begann ein Zermürbungskrieg: Besprühung mit Herbiziden aus der Luft mit langfristigen Gesundheitsschäden für die Menschen (2002-2003), Zerstörung ihrer  Ernten, wiederholte Hauszerstörungen, etc. Ich werde das hier nicht erneut aufzählen (ein älterer Text aus dem Jahr 2010, der dringend der Aktualisierung bedarf, nachdem ich so viel in Gesprächen mit den alten Leuten und aus den Archiven erfahren habe, kann hier gefunden werden). Im Juli 2010 wurde das ganze Dorf zerstört, etwa 350 – 400 Menschen verloren ihre Wohnung. Von einer Zerstörung dieses Ausmaßes innerhalb Israels Staatsgebiet ist seit 1949 nicht berichtet worden. Seit 2010 wurden die Hütten, die die Bewohner wieder aufgebaut hatten, fast 70 Mal zerstört. Im Januar / Februar 2011 versuchten die Behörden eine Lösung gewaltsam voran zu treiben, indem eine Reihe von täglichen Angriffen auf die verbliebenen Familien durchgeführt wurde: Tränengas, Prügel, Schwammgeschosse, Inhaftierung (s.hier). Die meisten Familien mit kleinen Kindern verließen die Gegend; einige wenige blieben und mussten Zuflucht zum Muslimischen Friedhofsareal suchen.
 
Der Rechtsstreit dauert an. Für Beduinen ist es beinahe unmöglich bei Gerichten zu gewinnen. Vor der Übernahme der staatlichen Macht, hatten Zionisten die Rechte der Beduinen am Land anerkannt und Land von ihnen gekauft. Heute ist es so gut wie unmöglich für Beduinen zu beweisen, dass sie Land besitzen, aber selbst wenn sie das tun, ist vor Dutzenden von Jahren das verbliebene Land konfisziert worden gemäß den Auflagen des berühmt-berüchtigten „Land Erwerbsgesetzes“ (1953) und des „Gesetzes über die Besitztümer der Abwesenden“ (1950).
 
 
Dank seines hartnäckigen Widerstands wurde Al-Arakib zum ersten Fall, in dem Beduinen einen ernst zu nehmenden Rechtsstreit über ihre Landrechte ausgefochten haben. Sie kamen drei Mal bis zum Obersten Gerichtshof, und die Fälle sind noch immer anhängig. Mit anderen Worten, wir haben noch nicht verloren, und der Staat kann nicht die automatische Registrierung ihres konfiszierten Lands als „Staatsland“ fordern (der Kampf, muss ich anfügen, bezieht sich auf ein winziges Gebiet, aber die Auswirkungen sind für alle Beduinen Gemeinden weitreichend).
 
Dies mag einer der Gründe sein, weswegen die staatlichen Behörden jüngst in eine neue Phase ihres Versuchs eintraten, das Dorf buchstäblich vom Angesicht der Erde auszulöschen und Familien in die nahe gelegene Beduinen Township Rahat zu treiben, die für Beduinen in den 1970igern gebaut wurde, als Teil eines Projekts, ihre Verbindung zu ihren Ländereien zu unterbinden und sie in erzwungene Proletarisierung zu führen. Eine andere, vielleicht noch gewichtigere Überlegung ist, dass Israel 2005-2006 ein massives Siedlungsprojekt für die südliche Landeshälfte, die Wüste Negev, ausrief.  Dieser Plan machte es notwendig, „das Beduinen Problem zu lösen“, das heißt vor Ort war die erforderliche tabula rasa   zu schaffen, um Siedler und Inverstoren anzuziehen. Dies Projekt nahm über die Jahre verschiedene Namen an. Seine jüngste Inkarnation als „Prawer Plan“ verlangte die Vertreibung von geschätzt 30.000 – 40.000 Beduinen im Negev und die Zwangs-Lösung für deren Landrechte. Al-Arakib wurde zum Symbol des Beduinen Widerstands. Der Plan musste 2013 aufgrund massiver Proteste widerrufen werden. Die Politik des Staates in Bezug auf die Beduinen änderte sich erneut, diesmal von einem massiven Projekt zu einem tag-täglichen Zermürbungskrieg. In diesem Krieg bleibt Al-Arakib ein Hauptziel.

 
Damit bin ich bei den Ereignissen der letzten Woche angelangt. Während der vergangenen drei Jahre seit den gewaltsamen Angriffen der ersten Monate des Jahres 2011, haben die verbliebenen Familien mit ihren kleinen Kindern im Areal des Friedhofs ihre Lager aufgeschlagen. Seit Mai 2014 vermehrten sich die Anzeichen, dass die Behörden drauf und dran sind, eine rote Linie zu überschreiten, die Familien innerhalb des Friedhofsgeländes anzugreifen und ihre improvisierten Wohnungen zu zerstören. Den Menschen von al-Arakib gelang es, seit der vollständigen Zerstörung ihres Dorfs, vier Jahre lang durchzuhalten, zwölf Jahre seit den ersten Angriffen der staatlichen Behörden. Al-Arakib hat den Behörden zufolge zu verschwinden.
 
Die Räumungsbefehle für die Wohnungen im Friedhofsgelände waren nichtig; sie bezogen sich auf andere Hütten, die in der Vergangenheit zerstört worden waren. Aber egal: Die Richter zögerten, Landkarten zu erörtern, dem Druck des Staates zu widerstehen, und einer von ihnen, ein Siedler, zeigte sich übereifrig, seine   Pflichten zu erfüllen und autorisierte die völlige Zerstörung von Hütten im Gelände in bloßer Anwesenheit staatlicher Bevollmächtigter, mit anderen Worten in Abwesenheit des Anwalts der Bewohner (12. Juni 2014). Innerhalb von Minuten kamen Polizei, polizeiliche Sondereinheiten, Bulldozer und Lastwagen in das Friedhofsgelände hinein.
 
Die Bewohner wurden in die Moschee getrieben und eingekesselt. Unter ihnen eine junge Mutter mit ihrem 40 Tage alten Baby, eine andere mit einem eben 8 Monate alten Kleinkind, und mehrere sehr alte Frauen und Männer. Wir – etwa 20 Aktivisten -- waren bei ihnen. Ich kann die Ereignisse hier zwar zusammenfassen, bin aber immer noch zu erschüttert, um im Einzelnen zu erzählen, was geschah. Ich lege daher ein paar  Fotos bei.
 
 
Die Bewohner sahen zu wie alles, was sie in den Jahren des Kampfes aufbauen konnten, in Stücke zermalmt wird, zu Staub zermahlen. Einige Wohnungen wurden angezündet. Wasser Container wurden entleert, dann konfisziert. Der Anwalt, aufgeschreckt durch die einseitige Genehmigung der Zwangsräumung, rief das Distriktgericht an. Die Israelische Behörde für Landverwaltung weigerte sich, die Zerstörung zu stoppen und auf das Ergebnis der Gerichtsanrufung zu warten. Sie befahlen den Zerstörungstrupps das Tempo der Zerstörungen zu erhöhen. Als schließlich ein Richter eine gerichtliche Verfügung, die Zerstörung zu verschieben, beibrachte, waren 95% der Gebäude bereits zerstört. Am späten Nachmittag wurde uns, die wir von allen Seiten in der Moschee - eher ein zur Seite offener Unterstand mit einem kleinen Minarett – umzingelt waren, klar, dass angesichts des hohen Einsatzes an Ressourcen in diese Operation, als koordinierter militärischer Angriff mit großer administrativer Unterstützung durchgeführt, dieser Tag wohl kaum zu Ende gehen würde ohne einige Gewaltanwendung und Inhaftierungen. Sondereinheiten drangen in die improvisierte Moschee ein, räumten sie unter Gewaltanwendung, zerstörten das Minarett und verhafteten sieben Menschen – fünf Einwohner von Al-Arakib, darunter zwei Minderjährige, und zwei jüdische Aktivisten, ein jüngerer aus Tel Aviv und Rabbi Arik Aschermann von ‚Rabbis für Menschenrechte’. 
 
Seit Donnerstag haben Menschen dort kampiert. Am folgenden Tag, Freitag, wurden zwei junge Leute von der polizeilichen Sondereinheit gekidnappt (ich habe kein anderes Wort dafür) und in Haft gesetzt wegen „Übertretung“, das heißt weil sie dort waren. Am Sonntagmorgen wurden alle improvisierten Hütten noch einmal zerstört und alle Wasserbehälter, die seit Freitag dorthin gebracht worden waren, konfisziert. Unsere Aktivisten waren dort, aber über Solidarität und bloße Anwesenheit in den schlimmsten Momenten hinaus, können wir sehr wenig materielle Unterstützung bieten. Es sei denn wir finden Richter, die wirklich zuhören wollen, würde der Räumungsbefehl für den  Friedhof bis zum 12. Juli in Kraft bleiben. Bis dahin erwarten wir weitere Zerstörungen, ständige Belästigungen und vielleicht den Versuch seitens der Behörden, die gesamte Gegend neu zu konzipieren – einen Zaun um die Gräber zu ziehen und zu erklären, der Rest des Geländes sei nicht wirklich ein Friedhof und könne daher ebenso schonungslos behandelt werden wie man es mit dem übrigen Gebiet getan habe.
 
Dies ist eine schwierige Zeit nicht nur für Al-Arakib.  Da die Farce der endlosen „Friedensgespräche“ vorüber ist und Netanyahus Außenpolitik vor einem Scherben-haufen steht, sollen die Palästinenser innerhalb Israels und in den Besetzten Gebieten den Preis zahlen. Die Zerstörung von Al-Arakib ist Teil einer umfassenderen Kampagne: Die Räumung von Iqrit (einem winzigen Palästinensischen Dorf im Norden, dessen Bewohner versucht haben, in ihr Dorf zurückzukehren, wo sie seit ihrer Vertreibung 1951 immer waren); der Beschluss eine harte Linie gegenüber dem Hungerstreik der Palästinensischen Gefangenen zu fahren, einschließlich Zwangsernährung; der Räumungsplan gegen Beduinen in der Westbank und ein neuer Regierungsausschuss für Beduinen Angelegenheiten, der unter der Kontrolle der extremen Rechten der extremen Rechten steht.
 
Ich sollte nicht in diesem Ton schließen. Die Geschichte von Al-Arakib ist auch eine Geschichte von Mut, von täglichem Opfer, von Frauen, die die Last dieses Kampfes über die Jahre hin tragen. Auf einigen der Fotos könnt ihr ihre Gesichter sehen. Es ist wahrhaft unglaublich, dass von allen so oft vergessenen Palästinensern in Israel - weil man glaubt, es gebe Palästinenser nur in den Besetzten Palästinensischen Gebieten oder als Flüchtlinge - es ausgerechnet die Beduinen sind, die einen solchen Kampf angesichts der überlegenen Kräfte eingegangen sind – die Beduinen, die doch selbst in Bemühungen, die Geschichte Palästinas niederzuschreiben, nicht immer in Betracht gezogen werden. Dabei gehören Palästinenser zu den wenigen einheimischen Völkern, die sich Siedlerkolonialismus gegenüber sehen, denen es gelungen ist, ein lebendiges, widerständiges, trotziges politisches Subjekt zu bleiben. Der Kampf geht nicht um kleine Bisschen und Stückchen, die einem einheimischen Volk bleiben. Es geht immer noch um seine Zukunft und darum für beide Völker hier eine andere Zukunft zu ermöglichen.
 





Courtesy of Tlaxcala
Source: http://www.ipk-bonn.de/politik/news/2014061800.html
Publication date of original article: 16/06/2014
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=12693

 

Tags: Al-ArakibNegevBeduinenVertreibungPalästinaIsrael
 

 
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