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 15/09/2019 Tlaxcala, the international network of translators for linguistic diversity Tlaxcala's Manifesto  
English  
 LAND OF PALESTINE 
LAND OF PALESTINE / In ihrem eigenen Saft schmoren
Date of publication at Tlaxcala: 25/05/2014
Original: In Their Own Juice
Translations available: Español  Français  Italiano 

In ihrem eigenen Saft schmoren

Uri Avnery أوري أفنيري אורי אבנרי (1923-2018)

Translated by  Ellen Rohlfs اِلِن رُلفس
Edited by  Fausto Giudice Фаусто Джудиче فاوستو جيوديشي

 

LAUT Presseberichten hat sich Barack Obama entschieden, Benjamin Netanjahu und Mahmoud Abbas „in ihrem eigenen Saft schmoren zu lassen.“

 

"Lasst sie in ihrem eigenen Saft schmoren", war die Antwort Bismarcks an den britischen Diplomaten Sir Edward Malet in Meaux, am Ende des deutsch-französischen Krieges (September 1870), als dieser ihn fragte, ob er bereit sei, Verhandlungen mit Jules Favre für einen Waffenstillstand zu öffnen.[Tlaxcalas Anm.]

 

Das klingt fair.
Die Vereinigten Staaten haben sich sehr bemüht, zwischen Israel und Palästina den Frieden herzustellen. Der arme John Kerry hat fast all seine enormen Energien dem Ziel gewidmet, dass beide Seiten sich treffen, miteinander reden und Kompromisse machen.
Nach neun Monaten fand er heraus, dass dies eine falsche Schwangerschaft war. Kein Baby, nicht einmal ein Fötus. Einfach nichts.
Darum fühlten sich die US-amerikanischen Führer gerechtfertigt, ärgerlich zu sein. Ärgerlich auf beide Seiten. Keiner von beiden hat irgendeine Bereitschaft gezeigt, seine Interessen zu opfern, um Obama oder Kerry  einen Gefallen zu tun. Diese Undankbaren in Nahost!
Es scheint also, dass die Reaktion  gerechtfertigt ist. Ihr wollt nicht, dass unsere Wünsche in Erfüllung gehen? Zur Hölle mit euch, und zwar alle beide!

 
DAS BEDEUTENDE WORT in diesen Sätzen ist „beide“.
Doch „beide“ beruht auf einer Lüge.
Wenn man sagt, dass sich „beide“ nicht so verhalten, wie erwartet wurde, dass „beide“ nicht die „notwendigen schweren Entscheidungen treffen,“ dass „beide“ in ihrem eigenen Saft schmoren sollen, vermutet man bewusst oder unbewusst, dass sie gleich sind. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt.
Israel ist in jeder materiellen Hinsicht unermesslich stärker als Palästina. Der eine erinnert an einen gepflegten US-amerikanischen Wolkenkratzer, der andere an eine schäbige Holzhütte.
Palästina ist unter Besatzung der anderen Hälfte der „beiden“. Die Palästinenser vermissen die elementaren menschlichen und zivilen Rechte. Das durchschnittliche Einkommen in Israel ist 20-mal höher als in Palästina. Nicht 20%, sondern atemberaubende 2000%. Militärisch ist Israel eine Regionalmacht und in einigen Hinsichten sogar eine Weltmacht.
In diesem Zusammenhang von „beide“ zu sprechen ist bestenfalls ignorant, schlimmstenfalls zynisch.
Die reine Präsentation dieses Bildes von „beiden“ läuft darauf hinaus, das israelische Narrativ anzunehmen.
 
WAS BEDEUTET es für beide, im eigenen Saft zu schmoren?
Für Israel bedeutet es, dass es weiter auf arabischem Land in der besetzten Westbank neue Siedlungen bauen kann, ohne Einmischung von außen. Es kann das Leben in der Westbank und im Gazastreifen noch unerträglicher machen – in der Hoffnung, dass immer mehr Palästinenser es vorziehen, wegzugehen. Willkürliche Tötungen von Zivilisten durch Besatzungstruppen geschehen alle paar Tage.
Einigen von uns ist klar, dass dieser Kurs in eine Katastrophe führt und zwar in Form eines bi-nationalen Staates, in dem eine ständig wachsende arabische Mehrheit, der die bürgerlichen Rechte vorenthalten werden, von einer jüdischen Minderheit regiert wird. Das wird Apartheid genannt. Aber die meisten Israelis sehen dies nicht.
Die Israelis sind glücklich und waren nie glücklicher als in dieser Woche. Eine moderne Wiederholung der biblischen David und Goliath-Geschichte: das Tel-Aviver Makkabäer-Team schlug das gefürchtete Real Madrider-Team für die Europameisterschaft. Nationaler Stolz hat sich zu olympischen Höhen erhoben (in einer kindischen Wette versuchten Präsident Peres und Ministerpräsident Netanjahu, einander das Siegesteam auf seinem Weg zum Volksempfang auf dem Rabinplatz abzufangen, um sich im gegenseitigen Ruhm  zu sonnen.)
Israel kann also glücklich schmoren, umso mehr, als die USA uns weiter ihre jährlichen drei Milliarden Dollar Tribut zahlen, uns mit Waffen versorgen und ihr UN-Veto benützen, um uns vor internationaler Zensur zu bewahren.
 
FÜR DIE palästinensische Seite von „beiden“ bedeutet das  „Im-eigenen-Saft- schmoren“ etwas völlig anderes.
Der Versuch, die Fatah-Hamas-Versöhnung zu erreichen, macht sehr langsam Fortschritte und kann in jedem Moment wieder auseinanderbrechen. Es hängt davon ab, ob es Abbas gelingt, eine Einheitsregierung zu schaffen, die aus unparteiischen „Technokraten“ besteht und die Hamas  bereit ist, im Gazastreifen die alleinige Herrschaft aufzugeben.
Fast alle Palästinenser wünschen Einheit, aber die ideologischen Unterschiede sind groß (obgleich die Unterschiede in der Praxis jetzt viel kleiner werden).  Aber selbst, wenn eine Art Einheit erreicht wird und von der internationalen Gemeinschaft gegen Israels Wunsch anerkannt wird, was können die Palästinenser denn tatsächlich ohne Gewalt tun?
Sie könnten mit Saudi-Arabiens Hilfe und der Militärjunta in Ägypten einen direkten Kontakt zwischen der Westbank und Gaza herstellen und so die israelische Blockade des Gazastreifens brechen.
 Sie können sich  noch um Aufnahme bei einigen internationalen Organisationen bewerben und  mehr positive Resolutionen der UN-Vollversammlung beantragen, wo das US-Veto nicht gilt, aber deren Entscheidungen sehr kleine konkrete Auswirkungen haben.
Sie können die europäischen Länder und die internationale BDS-Bewegung ermutigen, damit der Boykott der Siedlungen oder Israels selbst verstärkt wird.
Alles zusammen nicht sehr viel. Die „Schmorperiode“ wird sogar das Ungleichgewicht der Macht zwischen „beiden“ Parteien vergrößern.
Wenn das „Schmoren“ lang genug dauert, werden die „moderaten“ Führungen von Fatah und Hamas hinweggefegt werden und die palästinensische Gewalt wird wieder ihren Kopf heben.
Schlussfolgerung:  der Terminus „beide“, der so fair und unparteiisch aussieht, ist in der Realität eine Politik, die die israelische Rechte hundertprozentig unterstützt.
 
WIRD DIES das anti-israelische Gefühl im Ausland stärken?
Vor zwei Wochen ließ eine US-jüdische Organisation eine Bombe platzen: In jedem Land der Welt gibt es Antisemiten: von 91% in der Westbank bis 2% in Laos (man fragt sich, wo Laoten Juden zum Hassen finden). Jede 5. Person auf Erden hegt antisemitische Vorurteile. Mehr als eine Milliarde Menschen.

Die Organisation, die so viel Geld in eine weltweite  Umfrage steckt, ist die (Anti-) Diffamierungsliga. Ich setze 'anti' in Klammen, weil ihr eigentlicher Name Diffamierungsliga sein sollte. Es ist eine Art von Gedanken-Polizei im Dienst des rechtsextremen amerikanisch-jüdischen Establishments.
(Vor vielen Jahren - als ich ein Knesset-Mitglied war- wurde ich an 20 US-amerikanische Universitäten der höchsten Qualität eingeladen, um Vorträge zu halten. Die Gastgeber waren die jüdischen Campus-Rabbiner, die zum Bnai Brith (Beit Hillel)-Orden gehören. Im letzten Augenblick wurden 19 Vorträge gestrichen. In einem geheimen Brief ließ die Liga die Campus-Rabbiner wissen, dass „ das Knesset-Mitglied Uri Avnery zwar kein Verräter genannt werden könne …“ etc.etc. Am Ende hielt ich alle Vorträge unter der Schirmherrschaft christlicher Campus-Kaplanen.)
Die Veröffentlichung der verheerenden Ergebnisse der Volksbefragung fördert eine seltsame Tatsache zutage: Nachrichten über die Zunahme des Antisemitismus werden von vielen Juden  mit  so etwas Eigenartigem wie Freude aufgenommen.
Ich habe mich  oft über dieses Phänomen gewundert. Für Zionisten ist die Antwort einfach: die Termini Antisemitismus und Zionismus sind wie siamesische Zwillinge zur selben Zeit geboren.  Antisemitismus hat Juden immer nach Israel getrieben und tut es noch (in letzter Zeit aus Frankreich.)
Für andere Juden ist die Quelle der Freude weniger offensichtlich. Juden in Europa sind  seit langer Zeit von Antisemiten umgeben gewesen, so dass es normal war, sie zu sehen. Sie immer wieder zu sehen, gibt den Juden ein angenehmes  Gefühl der Vertrautheit.
 Und da sind natürlich die unzähligen Angestellten der Liga und anderer jüdischen Organisationen, deren Lebensunterhalt darin besteht, Antisemiten zu entlarven.
Die Interpretation der Volksbefragung selbst ist natürlich vollkommener Quatsch. Leute, die Bedenken über Israels Politik äußerten, werden als Antisemiten aufgelistet. Deshalb sind alle Bewohner der besetzten Gebiete, die ihre Besatzer nicht lieben, Antisemiten. Muslime im Allgemeinen, die Israel in negativem Licht sehen, sind natürlich Rassisten. Eine ähnliche Volksbefragung über antirussischen Rassismus mag jetzt in der Ukraine dasselbe Ergebnis haben.
 
EINE ÄHNLICHE Initiative ist der Kongress der Internationalen Vereinigung der jüdischen Juristen und Anwälte.
Jüdische Juristen klingt fast wie Tautologie. Jede jüdische Mutter möchte sich gerne  mit „mein Sohn, der Doktor“ oder „Mein Sohn, der Anwalt“ rühmen. In den USA und vielen anderen Ländern scheinen jüdische Anwälte und Richter in der Mehrheit zu sein.

Dieses Treffen hat ein besonderes Ziel: Die UN zu überzeugen, die UNRWA, die UN-Agentur, die sich um die palästinensischen Flüchtlinge kümmert, abzuschaffen. Sie wurde nach dem 48er-Krieg geschaffen, während  dem etwa 750 000 Palästinenser flohen oder aus dem Gebiet vertrieben wurden, das Israel wurde. Sie und ihre Nachkommen, die auch als Flüchtlinge anerkannt sind, sind jetzt auf etwa 6-7 Millionen angestiegen.
Die UNRWA ernährt diese Flüchtlinge, schützt sie und hat Schulen für sie. Es stimmt, dass es eine einzigartige Institution ist, die das schlechte Gewissen der UN ausdrückt. Es scheint, dass Flüchtlinge von keinem anderen Land solch eine spezifische Organisation haben, die für sie sorgt.
Jetzt werden die jü-Jus (wenn ich sie so nennen darf) einen Angriff vorbereiten, der direkt von Israel geleitet wird, um diese Organisation im Ganzen abzuschaffen. Ich vermute, das Ziel ist, die palästinensischen Flüchtlingslager aufzulösen, die in verschiedenen Ländern rund um Israel bestehen – Sabra und Schatila fallen mir gerade ein - und die Flüchtlinge über den ganzen Planeten zu verteilen, wo sie weniger Schmerz auf dem Nacken von Netanjahu verursachen
 
ALL DIES im Namen der Fairness und Gleichheit. Israelis und Palästinenser können „beide“ in ihrem eigenen Saft schmoren – auch wenn es ein sehr verschiedener Saft ist.




Courtesy of Tlaxcala
Source: http://zope.gush-shalom.org/home/en/channels/avnery/1400845261
Publication date of original article: 24/05/2014
URL of this page : http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=12364

 

Tags: PalästinaIsraelZionismusVereinigte Staaten von AmerikaZionistische Lobby
 

 
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